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Olympisches Fußballturnier : Eine deutsche Mannschaft in Not

Schoss das entscheidende Tor zum 3:2: Felix Uduokhai (rechts) Bild: AFP

Nach der Auftaktniederlage fliegt auch im zweiten Spiel gegen Saudi-Arabien ein Deutscher vom Platz. Zum ersten Sieg reicht es dennoch. Max Kruse macht vor der Fernsehkamera einen Heiratsantrag.

          3 Min.

          Es lief die 67. Minute, als der deutsche Fußball auch gegen Saudi-Arabien an seine Grenzen stieß. Der große Außenseiter in der Gruppe D hatte kurz zuvor das zweite Mal eine deutsche Führung durch Al-Nadschi (30. und 50. Minute) ausgeglichen, als Al-Dawsari nach einem weiten Zuspiel rund zehn Meter vor dem deutschen Strafraum einen Hauch schneller an den Ball kam als der deutsche Verteidiger Pieper – und sich damit freie Bahn verschaffte.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Bei seiner verspäteten Rettungsaktion traf der Bielefelder Verteidiger statt des Balls nur das Bein seines Gegenspielers. Erst wurde er mit der Gelben Karte verwarnt, nach der Überprüfung am Bildschirm zeigte der Schiedsrichter ihm vollkommen zu Recht die Rote Karte.

          Die deutsche Mannschaft musste damit beim Stand von 2:2, Amiri (11.) und Ache (43.) hatten das deutsche Team jeweils in Führung gebracht, rund 25 Minuten in Unterzahl auskommen. Das Unheil nahm Gestalt an: Bei einer Niederlage wären die Olympischen Spiele für die Auswahl von Trainer Kuntz vorzeitig beendet gewesen. Doch mit einer Energieleistung wendete die deutsche Mannschaft ein unrühmliches Ende ab. Nach einem Eckstoß von Kruse erzielte Uduokhai mit einem Kopfball den Siegtreffer zum 3:2 (75. Minute). Damit sicherte sich das deutsche Team die Chance, an diesem Mittwoch mit einem Sieg über die Elfenbeinküste das Viertelfinale erreichen zu können.

          Konsequente Absicherung

          Den durchaus glücklichen Erfolg gegen Saudi-Arabien in schwieriger Lage hatte die deutsche Olympiaauswahl auch ihrem Trainer zu verdanken. Der hatte in Yokohama nach dem Platzverweis mit der schnellen Einwechslung von drei Defensivspezialisten (Torunarigha, Stach und Schlotterbeck) das taktisch richtige Mittel gewählt: konsequente Absicherung – um eine Niederlage, und damit das Aus, zu verhindern.

          Verbunden natürlich mit der vagen Hoffnung, aus gesicherter Abwehr mit einem Konter oder einer Standardsituation vielleicht auch den Sieg möglich zu machen. Der Plan von Kuntz ging auf – mit Spielglück und großer Leidenschaft. „In den letzten zehn Minuten konnte keiner mehr richtig laufen. Wir haben unser Herz auf dem Platz gelassen“, sagte Torwart Müller über eine Mannschaft mit großer Widerstandskraft.

          Obwohl die selbst gemachten Personalprobleme nun seit Wochen das große Thema rund um die Olympiaauswahl sind, kam man auch an dem Tag, an dem die Deutschen mit einem blauen Auge davonkamen, an dieser Peinlichkeit nicht vorbei: Im zweiten und schon wegweisenden Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien wurde Trainer Kuntz mit dem vom deutschen Fußball selbst ausgestellten Armutszeugnis noch einmal in aller Klarheit konfrontiert.

          Da Kapitän Arnold nach seinem Platzverweis beim 2:4 gegen Brasilien gegen Saudi-Arabien gesperrt war, hatte Kuntz nur noch 14 Feldspieler zur Verfügung. Zudem hatten Henrichs, Torunarigha, Stach und Pieper im ersten Spiel die Gelbe Karte gesehen. Damit waren gleich vier Spieler dabei, die bei einer weiteren Verwarnung buchstäblich nicht mehr zu ersetzen gewesen wären im nun entscheidenden letzten Gruppenspiel.

          Kruses Heiratsantrag

          „Wir können gegen Saudi-Arabien schon nicht mehr unser gesamtes Wechselkontingent ausschöpfen. Es spielen jetzt viele Fragen eine Rolle“, hatte Kuntz schon vor der Partie über sein Dilemma geklagt. Und gefragt: „Wie kriegen wir es noch sicher hin, dass wir auch im dritten Spiel noch einigermaßen personelle Auswahlmöglichkeiten haben?“ Zustände wie bei einem Sommer-Juxturnier.

          Im Duell mit der Elfenbeinküste, der nach einem 0:0 gegen Brasilien ein Unentschieden genügt, um in die K.-o.-Runde einzuziehen, wird den Deutschen mit Pieper nun wenigstens nur einer ihrer aber dennoch viel zu wenigen Spieler fehlen. Die anderen Vorbelasteten waren ohne Verwarnung durchgekommen. Die Deutschen hoffen nun aber vor allem, dass sie das Erlebnis, sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen zu haben, durch das Turnier trägt.

          „Wenn du solche Spiele gewinnst, gibt dir das mehr Kraft als ein 3:0 oder 4:0. Wir haben einen dünnen Kader, aber mit diesem Team kannst du eine Medaille gewinnen“, sagt Amiri. Interimskapitän Kruse war nach dem Sieg sogar so aufgekratzt, dass er seiner Freundin vor der Fernsehkamera einen Heiratsantrag machte. Zumindest dieser Schritt beim Olympia-Trip, das war an seinem T-Shirt mit einer Liebeserklärung erkennbar, war sorgfältig geplant. Die Antwort aus der Heimat, was die Zukunft für ihn privat bereithält, erfuhr der Berliner Stürmer noch am Abend: Seine Freundin hat „Ja“ gesagt.

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