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Vielseitigkeitsreiter Jung : Ein Gold-Favorit und seine Tücken am Tag X

  • -Aktualisiert am

Ein starkes Team? Michael Jung und Sam Bild: dpa

Nach durchwachsener Dressur bewegt sich Michael Jung bei seiner Jagd nach Olympia-Gold auf schwierigem Terrain. Für den besten deutschen Vielseitigkeitsreiter stellt sich vor dem Geländeritt vor allem eine Frage.

          Sie kennen sich schon lange und haben schon viel miteinander durchgemacht: Der Vielseitigkeitsreiter Michael Jung und sein 16 Jahre altes Pferd Sam. Sams Entführung aus dem eigenen Stall ebenso wie den Doppel-Olympiasieg in London 2012. Er ist Jung deshalb der Liebste unter seinen vielen engen Freunden im Stall in Horb - Vielseitigkeitsreiter und ihre Pferde müssen sich blind aufeinander verlassen können, sonst ist kein Erfolg möglich. Trotz alledem gab es am Samstag ein kleines Missverständnis zwischen den beiden, und das im olympischen Dressur-Viereck, bei der ersten von drei Disziplinen, wo es um die manchmal schon entscheidenden Einzelpünktchen geht.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Vorgeschrieben war ein fliegender Galoppwechsel, aber Sam kapierte nicht, wohin genau er ihn setzen sollte, was beide so durcheinanderbrachte, dass Jung ihn kurz zum Schritt durchparierte, um wieder neu anzusetzen. Danach verstanden sie einander natürlich wieder, aber der Patzer könnte teuer sein. Die Note von 40,90 Punkten ist zwar gut, aber nicht glänzend. „Das ist ärgerlich bei einem so wichtigen Turnier“, sagte der 33 Jahre alte Jung, der angetreten ist, um seine Olympiasiege im Einzel und mit der Mannschaft zu wiederholen. Und der das Trumpfass ist in einem Team, das seit zwei Spielen ungeschlagen ist. „Ich hoffe“, sagte Jung ernst, dass im Gelände nicht noch mehr Patzer dazu kommen.“

          Es lief nicht wie gewünscht

          Für die Deutschen lief es nämlich nicht wie gewünscht. Die dominierende Equipe der vergangenen Jahre um Doppel-Olympiasieger Michael Jung liegt mit 120,00 Strafpunkten nur hauchdünn vor Frankreich (122,20). In der Einzelwertung liegt Klimke als beste Deutsche mit Hale Bob (39,50) auf Platz vier. Direkt dahinter folgt Michael Jung aus Horb mit Sam (40,90). Erster ist der Brite William Fox-Pitt mit Chilli Morning (37,00).

          Für Jung stellt sich nun die Frage: Wie schwer ist das Gelände wirklich? Der Mann mit der meisten Erfahrung im Feld, der Neuseeländer Mark Todd, macht Jung Mut: „Dies ist die schwerste olympische Geländestrecke seit Los Angeles 1984“, sagte der sechzigjährige Alt-Crack, der damals die Goldmedaille gewann. Bundestrainer Hans Melzer ist ganz seiner Meinung und setzt höchste Vergleichsmaßstäbe: „Das ist eine Mischung aus Burghley, Badminton und Pau.“ Zwei dieser drei superschweren Klassiker hat Jung jüngst gewonnen, jeweils mit Sam. Die beiden pflegen auch über die imposantesten Geländehindernisse nur so zu huschen.

          Für die Dressur hätte Jung einen besseren Kandidaten gehabt: Den Anglo-Araber Takinou, der aber vor Rio von einer Zecke gebissen wurde und Fieber bekam.„Der Kurs ist anspruchsvoll“, sagt Jung. „Technisch genug und sehr bergig.“ Kringeliger als der enge Kurs vor vier Jahren bei den Spielen in London sei er. Aber so schwer wie die Klassiker? Da winkt er ab, vielleicht auch, um den Erwartungsdruck abzumildern. „Es ist nicht der schwerste Kurs, den wir bisher geritten sind“, sagt Jung. „Burghley und Badminton waren schwerer.“

          Ja was denn nun? Die wahren Tücken eines Cross Country erschließen sich ohnehin erst im Praxistest, auch wenn Vielseitigkeitsreiter die Strecke vor dem Tag X wieder und wieder abgehen, um sich ein detailliertes Bild von allen Tücken zu machen. Etwa sechs Kilometer lang ist die Strecke auf dem Militärgelände von Deodoro, und sie umfasst 33 Hindernisse. Klar ist jetzt schon, dass sie hohe Anforderungen an die Kondition der Pferde stellen wird. Es geht auf und ab, gerade gegen Ende der Strecke warten anstrengende Passagen. Aber auch die technischen Anforderungen sind groß, es gilt unangenehme, zum Teil versetzte Ecken zu überspringen, es gibt extrem schmale Sprünge, an denen der Gehorsam der Pferde geprüft wird.

          Gut, aber nicht perfekt: Jung und Sam am Samstag bei der Dressurprüfung

          Unangenehm wirkt vor allem der letzte Wasserkomplex, genannt „Fisherman’s Lake“. Hier müssen die Pferde über ein umgedrehtes Boot hinunter ins Wasser springen, danach zwei mit Bürsten versehene Baumstämme überwinden. Dann dürfen sie sich von einem mit tückischen Augen ausgestatteten, schmalen Holzfrosch mit harter Oberkante nicht in Angst und Schrecken versetzen lassen. Dieser Frosch verdoppelt noch seine Wirkung durch die Spiegelung im Wasser. Wohlgemerkt: Die Reiter kennen den Kurs durch Fußmärsche. Die Pferde sehen ihn an diesem Montag zum ersten Mal.

          „Der Geländekurs wird sehr viel Einfluss auf das Ergebnis haben“, sagt der Neuseeländer Todd. Auch er ist mit seinem Holsteiner Leonidas mit einem Patzer in der Dressur ins Turnier gestartet, doch er ist überzeugt, dass die vom Franzosen Pierre Michelet gestaltete Geländestrecke das Feld noch einmal durchmischen wird. Und der Mann hat schon viele Vielseitigkeitswettbewerbe bestritten. Er war Olympiasieger nicht nur 1984, sondern auch 1988 (beide Male auf dem Wallach Charisma), und vor vier Jahren in London gewann er Mannschafts-Bronze und stellte damit einen Rekord ein: 28 Jahre Abstand zwischen zwei olympischen Medaillen. Und natürlich kann auch Todd lesen, zum Beispiel die Ergebnislisten der Olympischen Spiele von London. Auch damals war Michael Jung mit Sam am Start. Auch damals patzten die beiden zunächst in der Dressur. Die Note: 40,60 Punkte. Zehn Konkurrenten ließ er im Gelände und Parcours noch hinter sich. Was wieder einmal eine alte Weisheit zum Tragen bringt: Abgerechnet wird am Schluss.

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