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Handball bei Olympia : Jetzt bloß nicht Vierter werden

Ein letzter Kraftakt: Patrick Wiencek und die deutschen Handballer wollen Bronze. Bild: AP

Nach der Niederlage im dramatischen Halbfinale gegen Frankreich geht es für die deutschen Handballer nun gegen Polen. Damit es wenigstens mit Olympia-Bronze klappt, muss dem DHB-Team vor allem eines gelingen.

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          Nach der Erkenntnis kamen die Tränen. „Wir hätten uns cleverer anstellen müssen“, sagte Tobias Reichmann, ehe ihm die Stimme stockte und die Augen feucht wurden. „Aber es geht noch um eine Medaille. Sie wäre jetzt ganz wichtig.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Wie aber soll man in weniger als zwei Tagen diese zwei Minuten vergessen, in denen das längst geschlagen scheinende deutsche Handballteam durch zwei Tore Reichmanns doch noch den Ausgleich gegen den wankenden Riesen Frankreich geschafft hatte? Und vor allem diese zwei Sekunden, die fehlten, um die Verlängerung zu erreichen? Das Vergessen wird die große Kunst sein an diesem Sonntag. Dann geht es, um 15.30 Uhr deutscher Zeit, nur 41 Stunden nach der dramatischen 28:29-Niederlage vom Freitagabend, nicht um Gold - sondern darum, nur nicht Vierter zu werden.

          „Es hilft nicht, ein Drama daraus zu machen. Unser Leben geht weiter“, erklärte Dagur Sigurdsson, eine klassische Trainerweisheit zitierend. „Ich habe in der Kabine gesagt, dass wir das schnell abhaken müssen.“ Der Isländer zeigte sich zuversichtlich: „Wir sind mit Niederlagen immer positiv umgegangen und haben uns zurückgekämpft.“

          Zurückgekämpft wie in diesem verrückten Handballspiel, in dem Deutschland vierzig Minuten lang chancenlos schien gegen die übermächtige Defensive und durchschlagkräftige Offensive der Weltmeister. Die ersten zehn Würfe der Franzosen gingen allesamt ins Tor. Erst als Silvio Heinevetter nach zehn Minuten und dann wieder in der zweiten Halbzeit ins Tor kam, wurde es etwas besser - als Ersatz für Andreas Wolff. Beim EM-Sieg im Januar war Wolff über Nacht zu einem überall gefeierten und gefragten deutschen Sporthelden aufgestiegen. Das Spiel gegen Frankreich brachte nun einen Rückschlag in Wolffs bisher kometenhafter Karriere. „Um heute zu gewinnen“, sagte Delegationsleiter Bob Hanning, „hätten wir eine herausragende Torhüterleistung gebraucht.“

          „Du brauchst erfahrene Spieler, um ein Turnier zu gewinnen.“

          Sie kam nicht von Wolff, auch nicht von dem ordentlich haltenden, aber beim finalen Wirkungstreffer durch Daniel Narcisse zwei Sekunden vor Schluss überraschten Heinevetter - sondern von dem 39-jährigen Thierry Omeyer. „Omeyer, Karabatic und Narcisse haben gezeigt, dass sie in diesem Spiel Schlüsselspieler waren“, sagte Sigurdsson über das Trio, das in zusammen mehr als hundert Lebensjahren und fast tausend Länderspielen für Frankreich alles im Handball gewonnen hat. Trainer Claude Onesta, dessen zerrissenes Polohemd nach dem Jubeln mit den Spielern von der Erleichterung der Franzosen zeugte, erklärte den Vorteil seines Teams gegenüber dem deutschen: „Du brauchst auch die erfahrenen Spieler, um ein Turnier zu gewinnen.“

          Vergessen, abhaken und an das nächste Spiel denken. Im Halbfinale verlieren die Deutschen in letzter Sekunde gegen Frankreich.

          Die Kurven zweier großer Teams kreuzten sich in Rio, und die Franzosen kriegten so gerade noch mal die Kurve - vielleicht ein letztes Mal. Sie werden nur noch älter, die Deutschen aber erfahrener. Die Kraft der Altstars reichte nur noch für vierzig Minuten. Aber bis dahin hatten sie einen Sieben-Tore-Vorsprung, einen Puffer, dank dessen sie sich mit letzter Not ins Finale gegen Dänemark retteten. Während die Deutschen, die mit dem späten Aufwachen und dem bitteren Ende haderten, nun auf die Polen treffen, die sie in der Vorrunde 32:29 besiegt hatten.

          Es gehe nun darum, „aus der Enttäuschung ein positives Gefühl zu entwickeln, damit wir die Bronzemedaille holen“, sagte Hanning. Auch Sigurdsson will das, „obwohl ich weiß, dass ich selbst keine Medaille bekommen werde“ - nur den Athleten steht sie bei Olympia zu. „Aber ich will aufs Podest wie alle.“ Sollten sie dort landen, wird es sich aber wohl immer noch wie der Trostpreis anfühlen, wenn sie auf das Gold der Sieger hinüberschielen. Kaum einer zweifelte daran, dass die Verlängerung zugunsten der Deutschen ausgegangen wäre, nicht mal Nikola Karabatic, der nun mit dem dritten Olympiasieg zum vielleicht größten Handballer der Geschichte aufsteigen könnte. „Wir waren völlig kaputt“, gab er zu.

          „Unser Leben geht weiter“. Trainer Dagur Sigurdsson motiviert Spieler Steffen Weinhold für das nächste Spiel.

          „Dass wir bis zur letzten Sekunde gegen so eine Mannschaft mitgehalten haben, ist super“, fand der junge Spielmacher Paul Drux. „Aber dass es so ausgegangen ist, ist einfach nur bitter.“ Der große Omeyer, der schon beim ersten der vier französischen WM-Siege 2001 dabei war, hatte Mitgefühl: Deutschland sei „eine sehr gute Mannschaft mit großem Selbstvertrauen“, sagte der Elsässer.

          Sigurdsson fand Trost: „Man muss sich nicht schämen, gegen die überragende Mannschaft der letzten zehn Jahre mit einem Tor zu verlieren.“ Wenn dieses eine Tor nur nicht auf diese Weise gefallen wäre, zwei Sekunden vor dem Ende, in einer Situation, als alle Optionen der Franzosen blockiert schienen - alle bis auf eine. Ein Tor von Tausenden im Handballerleben. Eines, das keiner vergessen wird, auch wenn er es gern täte.

          Die Medaille ist noch immer greifbar. Im kleinen Finale spielt die deutsche Mannschaft um Bronze.

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