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Marcel Nguyen : Mit asiatischer Leichtigkeit

Losgelöst: Nguyen am Barren im Mehrkampf - auf dem Weg zur Silbermedaille Bild: dpa

Nach Silber im Mehrkampf will der neue Turnstar Marcel Nguyen an diesem Dienstag seine Metallsammlung fortsetzen und am liebsten veredeln: an seinem Spezialgerät Barren.

          3 Min.

          Das Sperrigste ist der Name. Marcel Van Minh Phuc Long Nguyen benutzt zum Glück nur den ersten und letzten Teil seines Geburtsnamens. Doch auch Marcel Nguyen sieht für deutsche Zungen wie eine olympische Übung aus. Dabei ist die Sache gar nicht schwierig: „Einfach das g weglassen“, sagt er, „dann passt das schon.“ Es gibt insgesamt sieben Nguyens bei den Olympischen Spielen 2012, die anderen sechs kommen aus Vietnam, wo man mit diesem Namen häufiger ist als Müller, Meier, Schulze zusammen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Doch in Deutschland ist der Name Nguyen etwas Besonderes, spätestens seit Mittwoch - seit jenem famosen Wettkampf, in dem Marcel Nguyen sich vom letzten auf den zweiten Platz vorarbeitete und die erste Mehrkampf-Medaille eines deutschen Turners seit 76 Jahren gewann. Am Sonntag im Gerätefinale am Boden wurde er dann nur Achter, aber am Dienstag (15 Uhr MESZ im Liveticker) am Barren, seinem Spezialgerät, an dem er zweimal Europameister war, will er die Metallsammlung fortsetzen - und am liebsten veredeln.

          Es war in der ersten olympischen Woche die einzige deutsche Medaille in London, die nicht nur im Medaillenspiegel etwas veränderte, sondern wohl auch im Leben ihres Gewinners - die ihm die Tür zur Prominenz über die kurze Zeit der Spiele und über eine spezielle sportliche Randgruppe hinaus eröffnet.

          Während im Rudern oder Bahnradsport zumeist sogar Goldmedaillengewinner Helden für einen Tag bleiben, deren Individualität sich in den wenigen Minuten ihres Wettkampfs und in dem Team, in dem sie arbeiten, dem Zuschauer nicht einprägt - während sie also auch durch Olympiasiege keinen Wiedererkennungswert erhalten, kann Nguyen das Silber, das er in einer packenden, anderthalbstündigen Aufholjagd gewann, die Tür zu bleibender Bekanntheit öffnen.

          Nguyen setzt auf Talent und Nervenstärke

          Der deutschen Mutter, die ihn schon mit vier Jahren zum Mutter-Kind-Turnen in Unterhaching mitnahm, verdankt er den Einstieg ins Turnen. Dem vietnamesischen Vater den drahtigen Körperbau (mit „allen Vorteilen asiatischer Leichtbauweise“, wie Bundestrainer Andreas Hirsch einmal sagte). Und seinem Talent und seiner Nervenstärke verdankt Nguyen nun die Aussicht auf das, was sein Familienname bedeutet: „schöner Wohlstand“.

          Der Porsche-Fahrer lässt seine Geschäfte seit kurzem von einem Berater erledigen, der sich mit gut verdienender Kundschaft auskennt: Jörg Neblung, der sonst vorwiegend Profifußballer berät. Unter seinen Klienten war auch der 2009 gestorbene Nationaltorwart Robert Enke.

          Die Tür ist geöffnet: Marcel Nguyen
          Die Tür ist geöffnet: Marcel Nguyen : Bild: dpa

          Besonders wichtig für den Erfolg Nguyens ist der frühere Weltklasseturner Valeri Belenki, der ihn in vier Jahren in seiner Trainingsgruppe in Stuttgart in die Weltspitze geführt und dabei auch „zum Mehrkampf getreten“ hat, wie Belenki sagt. Das Verhältnis untereinander könne man mit „Vater und Sohn“ gar nicht ausdrücken, das sei „noch viel mehr“, sagt der Trainer. Umso wichtiger, dass er bei den olympischen Wettkämpfen an der Seite seines Turners sein kann - ein Privileg, um das Nguyen von Fabian Hambüchen beneidet wird.

          Der bisherige deutsche Vorturner rieb sich in London an dem Ärger um die verweigerte Akkreditierung für seinen Vater und Trainer Wolfgang auf, der per Motorrad von einem 60 Kilometer entfernten Wohnmobil aus zu den Wettkämpfen pendeln muss und dort nur von der Tribüne aus mit Zurufen Unterstützung geben kann. Der Deutsche Turner-Bund hatte neben der Akkreditierung von Cheftrainer Hirsch nur eine weitere für einen Trainer bekommen - und sich für Belenki entschieden.

          „Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen“

          „Ich kann mich schon auf den Wettkampf konzentrieren“, sagte Hambüchen, nachdem er im Mehrkampf als Mitfavorit nach drei verpatzten Übungen nur auf Platz 15 gelandet war. „Aber vergessen kann man so etwas nicht.“ Schließlich sei „der Vater der Einzige, der weiß, wie ich ticke.“ Nach dem enttäuschenden siebten Platz mit der Mannschaft und dem Debakel im Mehrkampf bleibt Hambüchen nur noch eine Chance, seine Olympischen Spiele zu retten, beim Reck-Finale am Dienstag (16.37 Uhr MESZ im Liveticker).

          Doch auch an seinem Paradegerät wirkte Hambüchen im Mehrkampf-Finale unkonzentriert und fiel vom Gerät. „Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen“, sagte er und fügte trotzig hinzu: „Das ist nicht das Ende.“ Für den Wettkampf am spektakulärsten Turngerät erwartet er eine harte Konkurrenz: „Das wird brutal, das Niveau ist extrem hoch. Aber ich bin fit und voll da.“

          Silber im Mehrkampf hat er schon - nun will der Turner mehr
          Silber im Mehrkampf hat er schon - nun will der Turner mehr : Bild: dpa

          Das gilt natürlich mindestens ebenso für Nguyen, den nicht der Trotz antreibt, sondern das Hochgefühl des Erfolgs und die Leichtigkeit, mit der er höchst schwierige Übungen lernen und ausführen kann. „Es fliegt mir schon immer leichter zu als den anderen“, sagte er vor den Spielen. Deshalb galt er früher als trainingsfaul, nicht selten bei Bewegungstalenten, denen Schwieriges leichtfällt.

          So beherrscht er als einer der ganz wenigen Turner den Tsukahara als Abgang am Barren - einer der Gründe, warum er sich etwas ausrechnet für Dienstag, denn „es ist der schwerste Abgang, den es gibt“. Er hat dieses artistische Element (Doppelsalto rückwärts mit Schraube) einfach „mal im Training ausprobiert“ - und es sich dann innerhalb einer Woche selbst beigebracht.

          Ronnie Ziesmer ist Nguyens Vorbild

          Aber Leichtigkeit ist nicht alles. Ein anderer Turner ist für Nguyen deshalb sein persönliches Vorbild, einer, dem ein Tsukuhara im Training zum Verhängnis wurde: der frühere deutsche Meister Ronnie Ziesmer. Seit einem Trainingsunfall vor acht Jahren ist Ziesmer querschnittsgelähmt. Nguyen bewundert, „dass er nie die Hoffnung verloren hat“.

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