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Olympiasiegerin im Weitsprung : Der Goldengel

Malaika Mihambo feiert ihren Sieg im Weitsprung-Wettbewerb. Bild: Andrej Isakovic/AFP

In einem an Spannung kaum zu überbietenden Wettkampf springt Malaika Mihambo im letzten Versuch exakt sieben Meter weit. Drei Zentimeterchen Vorsprung reichen ihr zum Olympiasieg.

          3 Min.

          Also doch goldblond: mit ihrer neuen Haarfarbe hat sich Malaika Mihambo ein symbolträchtiges Outfit zugelegt, das einem Versprechen gleichkam. Und dessen Umsetzung ihr im Olympiastadion von Tokio glänzend gelungen ist. Das Beste kam dabei zum Schluss: mit einem Satz exakt auf die Traumgrenze von sieben Metern gelang der 27-Jährigen im sechsten Versuch der Sprung, der ihren Goldtraum verwirklichte.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Malaika Mihambo aus Oftersheim, Europameisterin von Berlin 2018 und Weltchampion von Doha 2019 ist nun auch Olympiasiegerin der schwierigen Kampagne 2020/21. Ganze drei Zentimeter machten dabei letztlich den Unterschied zwischen Gold und Bronze. Nur neun trennten sie in einem leistungsdichten Wettkampf, bei dem die besten acht Springerinnen innerhalb einer Brettbreite von zwanzig Zentimeter landeten, von Rang vier.

          Anlauf in den Griff bekommen

          „Der Wettkampf hört erst nach dem sechsten Versuch auf“, sagte Malaika Mihambo nach ihrem sieben-Meter-Flug im ZDF. Sie hätte sich „gerne schon im fünften Versuch oder im vierten“ vorgekämpft, meinte sie über ihre Platzierung im Feld. Doch beide waren ungültig. Und so musste sie auf den letzten Versuch setzen.

          Doch der Verlauf des Wettbewerbs unterstützt die These von ihrer Nervenstärke, da sie mit diesem ultimativen Sprung die vor ihr liegenden Brittney Reese (USA) und Ese Brume aus Nigeria, die jeweils 6,97 Meter in den Sand gesetzt hatten, noch überflügeln konnte. „Das Wichtigste“, so analysierte die Studentin selbst im Moment des Überschwangs noch reflektiert, sei gewesen: „dran zu bleiben, nie den Glauben zu verlieren und zu wissen, ich habe noch eine allerletzte Chance und die dann auch zu ergreifen“.

          Schon der Auftakt war gelungen. Mihambo, die sich in diesem Jahr von ihrem langjährigen Erfolgscoach Ralf Weber getrennt hatte, und nun unter Bundestrainer Uli Knapp trainiert, zeigte, dass sie ihren Anlauf mit zwanzig Schritten in den Griff bekommen hat. Die Umstellung von zwanzig Schritten auf 16 und wieder zurück auf zwanzig hatte ihr einiges an Energie geraubt in einem Sportjahr, das bislang auch nach ihrem eigenen Empfinden etwas „holprig“ verlaufen war.

          Doch nun, als es darauf ankam, hatte sie ihre Selbstzweifel überwunden, legte immerhin schon einmal im ersten Versuch vor. 6,83 Meter: Ein Auftakt-Sprung, genau richtig nach ihrem Empfinden. Nicht zu viel Risiko, um das Brett zu verfehlen, aber auch kein Sicherheitsversuch mit verschenkter Weite. Platz zwei nach der ersten Runde. Nur die Nigerianerin Ese Brume kam weiter: 6,97 Meter. Eine Marke, die noch lange Bestand haben sollte.

          Große Spannung bei 36 Grad

          Bei 36 Grad in der Vormittagshitze von Tokio entwickelte sich ein Wettbewerb, der an Spannung kaum zu überbieten war, auch wenn die ganz große Ausreißerweite ausblieb. Ivana Spanovic aus Serbien, Bronze-Medaillengewinnerin von Rio, als Mihambo nur der vierte Platz blieb, schaffte es im zweiten Durchgang auf 6,91. Die deutsche Springerin konterte unmittelbar, verbesserte sich auf 6,95. Und dann setzte Brittney Reese, Olympiasiegerin von London 2012, im dritten Versuch der engen Ausscheidung ein weiteres Krönchen auf: auch sie landete bei 6,97.

          Die ersten vier innerhalb von sechs Zentimetern und die Fünfte, Maryna Bekh-Romanchuk aus der Ukraine, nur weitere drei dahinter. Es war kaum auszuhalten, so spannend entwickelte sich das Zielspringen der Damen in den Korridor zwischen 6,80 und 6,99. Besonders Reese zeigte eine glänzende Serie, am Ende des Tages war die Frau mit den wilden Rastalocken, die sie mit einem weißen Stirnband zu bändigen versuchte, fünf Mal in jenem Bereich gelandet. Doch nur eine schaffte es auf den Punkt.

          Es kam der ominöse letzte Versuch. Antreten in umgekehrter Reihenfolge der Platzierungen. Malaika Mihambo als Drittletzte am Start. Sie klatschte an, wie sie es sich vorgenommen hatte, um einen Hauch von Stimmung im leeren Nationalstadion zu erzeugen, in dem im günstigsten Fall 68.089 Augenzeugen dem Flugspektakel beigewohnt hätten. Nun waren nur Athleten und Trainer dabei. Und sie sahen eine ultimativ entschlossene Weitspringerin im goldgelben Trikot des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, wie sie die Anlaufbahn im Fullspeed entlang sprintete.

          Der Absprung? „Brett getroffen“ wäre nicht ganz die Wahrheit. Sie sprang davor ab, fast eine Brettweite zu früh: 19,5 Zentimeter verschenkt, wies die Kamera-Analyse hinterher aus. Doch wichtiger ist, welcher Eindruck hinten raus kommt. Der Abdruck im Sand: Knapp über die Zielmarke der Konkurrentinnen hinweg. Banges Warten, bis die Weite gemessen war. Hände vors Gesicht geschlagen, dann auf den Kopf. Sieben Meter exakt. Die Führung.

          „Der Engel ist geflogen“

          „Der Engel ist geflogen“, wie es so schön poetisch heißen kann, wenn Malaika Mihambo, deren Vater aus Sansibar stammt, einen guten Flug absolviert hat – denn ihr Vorname bedeutet auf Swaheli „Engel“. Nun saß der Engel mit den Goldlocken da und wartete ab, was die Konkurrentinnen noch anzubieten hatten. „Eine unschöne Lage“, wie sie sagte: Sie konnte gar nicht hinschauen, doch sie wusste es auszuhalten angesichts der Aussichten. Brume schaffte noch mal 6,90, wurde somit Dritte wegen des schlechteren zweiten Versuchs im Vergleich zu Reese, die zum Abschluss noch einmal 6,84 anbot. Das war auch stark, aber es reichte nicht.

          Die Olympiasiegerin heißt Malaika Mihambo. Deutschlands Sportlerin des Jahres von 2019 und 2020, die nun auch beste Chancen für die Wahl 2021 hat, schlug die Hände vors Gesicht, ging in die Knie, rannte zur Tribüne, ließ sich eine Deutschlandfahne zuwerfen, umarmte die Konkurrentinnen und vergaß auch in der größten Freude nicht, einen multiplen Dank auszusprechen: „Vielen Dank an alle, die mich unterstützt haben. An alle, die mitgefiebert haben. Und mich so nehmen, wie ich bin.“

          Olympia

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