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Katrin Wagner-Augustin : Noch lange nicht genug

  • -Aktualisiert am

„Was sollte ich sonst den ganzen Tag machen?“ Katrin Wagner-Augustin (Zweite von links) im Kajak-Vierer Bild: imago sportfotodienst

Die Kanutin Katrin Wagner-Augustin ist die erfolgsverwöhnteste Athletin im deutschen Team: Am Mittwoch paddelt die Sportsoldatin im Kajak-Vierer um ihren fünften Olympiasieg. Dabei muss sie eine Enttäuschung verarbeiten.

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          Dorney ist eine Idylle. Weit vor den Toren Londons in der Grafschaft Buckinghamshire gelegen, sind die wenigen roten Backsteinhäuser von Hecken, Bäumen und vor allem vielen grünen Weiden umgeben. Die Schafe grasen so gemächlich auf den Wiesen, wie die Einheimischen auf den Wegen radeln. Am Ortseingang von Dorney, das keine Hektik zu kennen scheint, weist ein Schild auf eine „German Bakery“ hin.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Dörfchen erscheint, zumal wenn sich die Sonne blicken lässt, wie ein idealer Rückzugsort, um sich nach getaner Lebensleistung zur Ruhe zu setzen. Oder zumindest, um vorübergehend zu entspannen. Katrin Wagner-Augustin würdigt die Umgebung kaum eines Blickes. Sie sei dem „Lockruf des Goldes“ nach Dorney gefolgt, wo der künstliche See liegt, der dem Eton College gehört und gewöhnlich den Internatsschülern vorbehalten ist. Hier paddelt die Potsdamerin an diesem Mittwoch (11.44 Uhr / Live im Olympia-Ticker bei FAZ.NET) im Kajak-Vierer um ihren fünften Olympiasieg.

          Unter den fast 400 deutschen Athleten, die nach London anreisten, ist Katrin Wagner-Augustin die am höchsten dekorierte: Bei drei Olympiateilnahmen paddelte sie viermal zu Gold, dreimal im Vierer-Kajak, zusätzlich in Sydney 2000 auch einmal im Zweier. Dazu kam in Peking eine bronzene Medaille im Einer.

          Ans Aufhören verschwendete die Potsdamerin noch keinen Gedanken, auch Anfang vergangenen Jahres nicht, als ihre Ausnahmekarriere von einer Schwangerschaft unterbrochen wurde.Die Sportsoldatin kann eben nicht genug kriegen von dem Wettpaddeln gegen jüngere Kanuten: „Was sollte ich sonst den ganzen Tag machen?“ 34 Jahre ist Katrin Wagner-Augustin mittlerweile alt, seit genau einem Jahr Mutter.

          „Mein Mann steht hinter mir“

          Sohn Emil feierte am gestrigen Dienstag seinen ersten Geburtstag, die Glückwünsche kamen zunächst nur vom Vater, weil Lars Augustins Frau in aller Frühe schon im Kanu saß: „Mein Mann steht hundertprozentig hinter mir. Ich muss keine Angst haben, dass beim Kleinen die Windel falsch sitzt.“ Glückwünsche für die Mama, die an diesem Tag auch möglich gewesen wären, blieben dagegen aus. Ihr Auftritt im Einer-Kajak über 500 Meter wurde zu einer Enttäuschung für den erfolgsverwöhnten Deutschen Kanu-Verband (DKV).

          Sieben Boote aus der DKV-Flotte qualifizierten sich für die Endläufe, nur die erfolgreichste Olympionikin blieb auf der Strecke. Als Vorlauf-Dritte fuhr ihr im Semifinale ausgerechnet eine Konkurrentin davon, die das ganze Jahr über bei kaum einem Rennen auffiel, aber plötzlich wieder um olympisches Edelmetall paddelt.

          Im Einer erreichte sie über 500 Meter nicht das Finale - eine Enttäuschung

          Bei der 250-Meter-Marke hatte Katrin Wagner-Augustin noch die Bootsspitze vorn, am Ende aber gewann Josefa Idem, die im kommenden Monat 48 Jahre alt wird, das Halbfinale. Die Italienerin, in Deutschland geboren, nimmt an ihren achten Olympischen Spielen teil (davon die ersten beiden als DKV-Athletin) und gibt sich über ihre aktuelle Form „am meisten überrascht von allen“: „Ich habe mehr gegeben als normal, das ist die Art, Olympia zu interpretieren.“

          Josefa Idems Deutungshoheit hält verblüffend lange an: Seit Los Angeles 1984 war sie immer dabei - mehr Sommerspiele hat noch keine Frau geschafft. Auch Katrin Wagner-Augustin, die als Vierte des Halbfinals ausschied, wurde von der ehemaligen Landsfrau böse überrascht. Obwohl sie am Start etwas nervös gewesen sei, habe sie sich gut gefühlt, sagte die viermalige Goldmedaillengewinnerin später: „Ich ärgere mich schon ein bisschen.“

          Die Qual führt zum Erfolg

          Dabei war es ein kleiner Triumph, dass sich die Brandenburgerin überhaupt für London qualifizieren konnte. Knapp ein Jahr hatte sie wegen der Schwangerschaft pausieren müssen, konnte bei der WM 2011 keine Bonuspunkte für die interne Olympiaqualifikation sammeln. Zwei Monate nach der Geburt begann sie wieder mit dem Training. Die erste Zeit habe sie sich gefragt, ob sich die Schinderei wirklich lohne: nur um den Beweis anzutreten, „dass eine Mutter nach so kurzer Zeit wieder fit werden kann“?

          Die Qual führte zum Erfolg, ihr Comeback geriet zu einem Siegeszug: Mit ihren Bootspartnerinnen Tina Dietze, Carolin Leonhardt und Franziska Weber gewann sie nach ihrem Comeback in dieser Saison auf Anhieb zwei Weltcuprennen und die Europameisterschaft kurz vor den Olympischen Spielen, dazu sicherte sie sich den EM-Titel im Einer-Kajak über 500 Meter. In Zagreb, sagte Chef-Bundestrainer Reiner Kiessler am Dienstag, habe sie allerdings nicht „zwei Kracherrennen“ nacheinander fahren müssen.

          Fanny Fischer, Nicole Reinhardt, Katrin Wagner-Augustin und Conny Wassmuth holten in Peking 2008 Gold

          Anders als in London, wo ihr „ein bisschen das Stehvermögen“ gefehlt habe: „Sie muss das jetzt schnell abhaken und ihre Konzentration ganz auf den Vierer richten“, sagte Kiessler. So, wie es von vorneherein geplant war, ehe sie sich den Platz im Einer als Ersatzfrau sicherte. Nicole Reinhardt, die beste deutsche Kanutin über 500 Meter, hatte sich im Frühjahr krank abgemeldet.

          Obwohl sich Katrin Wagner-Augustin in London auch als Einzelkämpferin etwas ausgerechnet hatte, ist der Erwartungsdruck an die Vierergemeinschaft ungleich größer. Die Besetzungen dieses DKV-Paradebootes mochten im Verlauf der Olympiaden stets gewechselt haben - das Ergebnis blieb immer dasselbe: Seit 1996 gingen alle Goldmedaillen im Vierer-Kajak an deutsche Frauen.

          „Unser Boot ist nicht nur schnell“

          Die aktuelle Bootsmischung aus erfahrenen und jungen Paddlerinnen verfügt, neben aller sportlichen Klasse auf dem Wasser, über ein weiteres belebendes Element: „Unser Boot ist nicht nur schnell, sondern auch harmonisch“, sagte Katrin Wagner-Augustin, die auch schon „Zickenkrieg“ erlebte. Auch an ihrem schwarzen Dienstag fand sie Trost im vertrauten Kreise. „Wir wollen jetzt umso mehr Gas geben, damit es Gold wird.“ Die Idylle von Dorney kann Außergewöhnliches erleben.

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