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Kanute Sideris Tasiadis : Silber zum Tattoo

Der Wildwassermann: Sideris Tasiadis Bild: dpa

Griechische Wurzeln, schwäbische Coolness: Der Augsburger Sideris Tasiadis gewinnt im Lee Valley White Water Centre Silber - weil er vor dem Verlieren keine Angst hat.

          3 Min.

          Vor wenigen Wochen hat Sideris Tasiadis sich die fünf olympischen Ringe auf den linken Oberarm tätowieren lassen. Das kostete ihn zweieinhalb Stunden Schmerz und 200 Euro. Am Dienstag kam ein weiterer olympischer Schmuck dazu - die Silbermedaille, die ihm bei der Siegerehrung im Kanuslalom umgehängt wurde.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Im Lee Valley White Water Centre, eine Stunde außerhalb von London, wo der Blick über die grünen Hügel der südostenglischen Landschaft schweift, ehe er an einem in dieser sanften Gegend völlig untypischen Anblick hängenbleibt, einem wild wirbelnden, künstlichen Wasserlauf -, an diesem vielleicht idyllischsten Ort der Spiele von London 2012 fand der 22-jährige Augsburger am Dienstag sein Glück.

          In der Entscheidung des Einer-Canadiers schob er sich mit einem glänzenden Finallauf zwischen die beiden legendären Altmeister dieser Disziplin, die seit 1996 alle fünf Olympiasiege unter sich ausgemacht hatten - zwischen den Franzosen Tony Estanguet, der sein drittes Gold feierte, und den Slowaken Michal Martikan, der sein drittes Gold verpasste.

          Bayerischer Schwabe mit griechischen Wurzeln

          Nach den 23 Toren der schwierigen Strecke lag Tasiadis um 1,03 Sekunden hinter der Bestzeit des Franzosen (97,06), konnte aber in einem starken Finish den Slowaken um 0,22 Sekunden distanzieren. Der unmittelbar nach dem Einlauf heftig einsetzende englische Landregen hielt den bayrischen Schwaben mit griechischen Wurzeln zunächst davon ab, wie angekündigt die Fahne zu schwenken, aber nur die deutsche Fahne, nicht die griechische: „Die haben ja nichts für mich getan.“

          Zu dem Land, aus dem seine Eltern nach Deutschland einwanderten und in dem noch sein Großvater lebt, hält der Sportsoldat kritische Distanz, die er in den Tagen vor dem Rennen in Interviews begründete. So bezeichnete er das Finanzdesaster des Landes als eine logische Folge falscher Politik. „Das war klar, dass das mal so kommt. Denn jeder Zehnte ist Beamter in Griechenland. Irgendwie läuft da was schief“.

          So widerstand der Europameister auch dem Werben der Griechen, die ihn überzeugen wollten, für sie zu starten. „Ich habe mich von vornherein für Deutschland entschieden, weil ich für immer in Deutschland bleiben will“, sagte Tasiadis, der an der Strecke von seiner Familie und seiner Freundin Claudia Bär, ebenfalls frühere Europameisterin im Kanuslalom, angefeuert wurde.

          Der Debütant trat bei den Spielen völlig locker auf, wie jemand, der keine Last, keinen Druck verspürt und keine Angst hat zu sagen, was er denkt. Dabei war es ein sehr langer und schwerer Weg bis zur silbernen Krönung der noch jungen Laufbahn. Das ging schon in der nationalen Qualifikation los, die, wenn man Deutscher ist, bereits höchstes olympisches Niveau verlangt. Weil nur ein Boot pro Land und Wettbewerb bei den Spielen an den Start gehen darf, musste sich Tasiadis gegen Konkurrenz wie den WM-Zweiten Nico Bettge oder Jan Benzin, den WM-Dritten von 2009, durchsetzen.

          „Das war schon krass“, sagte er. „Der Druck war unglaublich hoch.“ Ein einziger Fehler hätte das Aus bedeuten können. „Mentale Stärke“ und „ein außergewöhnliches Wassergefühl“, bescheinigte ihm Canadier-Bundestrainer Sören Kaufmann.

          Der Junge und der Olympiasieger: Tony Estanguet und Sideris Tasiadis (r.)

          Dann musste er im zweiten Vorlauf in London bereits eine Nervenprobe bestehen, weil er den ersten vermasselte und deshalb, weil nur der bessere Lauf zählte, im zweiten unter Zugzwang geriet. Er zeigte einen mutigen Durchgang, der ihn mit der viertbesten Zeit ins weiterbrachte. Im Halbfinale erzielte er dann die beste Zeit des gesamten Feldes, schlug danach vor Freude aufs Wasser und jubelte laut.

          „Ohne Angst vorm Verlieren“

          Im Finale konnte er seine Halbfinalzeit noch einmal um fast eine Sekunde verbessern - und wurde mit Silber belohnt. Alexander Grimm, ebenfalls aus Augsburg und 2008 im Wildwasser-Kayak der erste deutsche Olympiasieger der Spiele von Peking, nennt Tasiadis einen „einen perfekten Athleten“ und einen „ohne Angst vorm Verlieren“.

          Alle Medaillen des Dienstags

          An diesem Mittwoch könnte die 1972 mit dem Bau der olympischen Strecke in Augsburg begründete deutsche Kanuslalom-Domäne einen weiteren Feiertag erleben - wenn der ebenfalls in Augsburg geborene und für Augsburg startende Hannes Aigner als Mitfavorit in den Kayak-Wettbewerb geht. Der 23-Jährige, der in der Qualifikation Olympiasieger Grimm ausgeschaltet hatte, distanzierte im Vorlauf am Montag die Konkurrenz mit 3,58 Sekunden Vorsprung um Längen.

          Es scheint, dass es für die Olympiachance in mancher Sportart sehr hilfreich, ja vielleicht sogar notwendig ist, im richtigen Ort auf die Welt gekommen zu sein - wichtiger jedenfalls als das Land, aus dem die Eltern stammen.

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