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Judo in Tokio : Weltmeisterin Wagner gewinnt Olympia-Bronze

Anna-Maria Wagner freut sich über ihre Medaille im Judo bei Olympia. Bild: AFP

Den ganz großen Coup verpasst Judoka Anna-Maria Wagner in Tokio zwar, mit Bronze fügt sie ihrer eindrucksvollen Sammlung 2021 aber eine weitere Medaille hinzu – die Erfüllung eines „Kindheitstraums“.

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          Vor 48 Tagen hat Anna-Maria Wagner, eine Judoka aus Ravensburg, in Budapest ein „kleines Vorbereitungsturnier“ absolviert. So sagt sie das. Sie wollte kurz vor den Olympischen Spielen nochmal vorführen, wie gut sie momentan kämpft. Sich selbst, vor allem aber den sportlichen Leitern in ihrem Verband, die sie damals noch nicht für Tokio nominiert hatten. Und als dieses kleine Vorbereitungsturnier vorbei war und sie nicht einmal verloren hatte, durfte sie sich plötzlich Weltmeisterin nennen.

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          Am Donnerstag steht Wagner, 25 Jahre alt, in der Mixed-Zone des Nippon Budokan in Tokio und sagt noch einmal: „Für mich war die WM nie die WM. In meinem Kopf war sie ein kleines Vorbereitungsturnier.“ Sie strahlt, als sie das sagt. Sie strahlt auch, als sie an diesem Abend in die Mixed-Zone rein und raus spaziert. Vor ein paar Minuten hat sie gegen Kaliema Antomarchi aus Kuba den Kampf um Bronze gewonnen.

          „Ein Kindheitstraum“

          „Natürlich wäre ich gerne für Gold hierhergekommen“, sagt sie und stellt danach trotzdem den dritten Platz in Tokio über den ersten Platz in Budapest. „Ich glaube, es ist ein bisschen mehr wert, weil es nur alle vier Jahre ist – und ein Kindheitstraum.“ Und wenn man hört, was sie in diesem Moment sagt, könnte man daraus eine passende Definition für Olympia formulieren: Es ist ein Ort, an dem Bronze schöner glänzen kann als Gold.

          Wenn Anna-Maria Wagner in den nächsten Tagen und Wochen von dem größten Tag in ihrem Sportleben erzählen wird, wird sie wohl mit dem Nippon Budokan, diesem Tempel des Judos, anfangen. Sie wird erzählen, wie sie dort im Achtelfinale Patricia Sampaio aus Portugal mit einer großen und im Viertelfinale Mayra Aguiar aus Brasilien mit einer kleinen Wertung in der Verlängerung besiegt hat. Sie wird auch erzählen müssen, wie sie dann im Halbfinale von Shori Hamada aus Japan mit einem Griff am Boden besiegt worden ist. Sie wird erzählen, wie sie sich bei diesem Griff am Arm verletzt hat (O-Ton: „Das hat gut durchgescheppert“) und den Schmerz danach für einen letzten Kampf ignorieren konnte. Sie wird wohl noch viel mehr erzählen – und in dieser Geschichte eines hoffentlich nicht vergessen: das kleine Vorbereitungsturnier.

          In Tokio ist Anna-Maria Wagners großer Traum Wirklichkeit geworden, aber in Budapest hat sie ihn überhaupt möglich gemacht. Sie hat dort ihren sportlichen Leitern bewiesen, dass sie sie für den einen deutschen Startplatz im Halbschwergewicht der Frauen nominieren müssen, nicht Luise Malzahn, ihre große Rivalin. Und sie hat sich selbst bewiesen, dass sie nicht nur eine Frau aus der Weltspitze schlagen kann, sondern alle. „Ich wusste schon immer, dass ich das kann, aber es hat immer etwas gefehlt.“ In Budapest fehlte nichts mehr. „Mit diesem Super-Gefühl bin ich hier reingestartet.“

          Am Donnerstag sieht man ihr dieses Gefühl an. Sie schlägt sich auf die Brust. Sie schreit. Sie ist bereit für den „Tag X“. So nennt sie ihn später in der Mixed-Zone. Seit fünf Jahren schuftet sie für ihn. Sie hat sich in dieser Zeit von nichts aufhalten lassen, nicht mal von dem Coronavirus. Sie hat sich in der Pandemie irgendwann mit ihrer Trainingspartnerin Maike Ziech vom Rest der Mannschaft abgekapselt. Das sollte das Risiko minimieren – und hat gleichzeitig ein Risiko geschaffen. Die Einsamkeit kann ein unbesiegbarer Gegner sein. Doch Wagner und Ziech lassen sich nicht besiegen. „Wenn ich nicht gut drauf war, hat sie mich mitgezogen. Wenn sie nicht gut drauf war, habe ich sie mitgezogen.“

          Am Tag X, das ist eine der großen Gemeinheiten dieser Corona-Spiele, können die, die sie immer unterstützt haben, nur am Bildschirm dabei sein – am Fernsehen und am Handy. „Ich hab den ganzen Tag nicht draufgeschaut“, sagt Anna-Maria Wagner. „Ich glaube, ich werde jetzt gleich mal ein paar Nachrichten lesen.“

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