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Japanische Namen : Shinzo Abe oder Abe Shinzo?

Japans Regierungschef Shinzo Abe bei einem Treffen mit Amerikas Präsidenten Donald Trump Bild: AP

Japan diskutiert die Rückkehr zur herkömmlichen Schreibweise von Namen in Fremdsprachen. Auch ausländische Medien sollen sich anpassen. Zwischen Traditionspflege und Pragmatismus droht Verwirrung.

          Zurück in die Zukunft oder mehr Respekt für die eigene Tradition. Entlang dieser Linien formt sich in Japan ein Bestreben, international zur herkömmlichen Schreibweise von Namen zurückzukehren. Dabei geht es nicht darum, dass Ausländer Kanji-Schriftzeichen lernen sollen. Aber die Reihenfolge von Vor- und Familiennamen soll sich ändern. Der Ministerpräsident hieße dann im Deutschen oder im Englischen nicht mehr Shinzo Abe, sondern Abe Shinzo.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Traditionell setzen die Japaner erst den Familiennamen (im Beispiel: Abe) und dann den Namen (Shinzo), den Deutsche – für Japan unpassend – als „Vornamen“ oder als „Taufnamen“ bezeichnen. Im Englischen oder Deutschen aber drehen Japaner ihre Tradition um und passen sich meist an das westliche Muster an, erst den Vornamen und dann den Familiennamen zu verwenden. Japan hebt sich dadurch von anderen asiatischen Völkern und Staaten ab. China, Taiwan, Süd- und Nordkorea folgen auch in ausländischen Sprachen ihrer Tradition und setzen den Familiennamen an den Anfang. So ist Chinas Präsident aus der Familie Xi im Deutschen Xi Jinping und Südkoreas Präsident aus der Familie Moon im Deutschen Moon Jae-in.

          Termine, Sportarten, Medaillen: Olympia-Zeitplan 2020 in Tokio

          Diese Sonderrolle Japans in der Namenschreibung hat historische Wurzeln. Während der Modernisierung und Öffnung des Landes nach der Meiji-Restauration in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blickte Japans Elite intensiv nach Europa, um zu lernen und Wissen zu sammeln. Damals habe der westliche Stil Fuß gefasst, den Familiennamen an zweiter Stelle zu setzen, sagen Sprachforscher. Dieser Stil sei dann durch Englischunterricht verbreitet worden.

          Heute lässt sich der sprachliche Sonderweg Japans im Kreis seiner Nachbarn als Zeichens des typischen japanischen Pragmatismus sehen, um Verwirrung zu vermeiden. Würde der normale Deutsche oder Amerikaner Abe Shinzo künftig als Herrn Shinzo ansprechen? Etwas überhöht lässt sich der sprachliche Sonderweg auch als Symbol des japanischen Bewusstseins interpretieren, sich als Teil der westlichen Wertegemeinschaft zu sehen. So ist Japan als einziges asiatisches Land Mitglied im Kreis der Siebenergruppe.

          Olympia 2020 als Chance für die Sprachumerziehung

          Noch ist es keine breite Bewegung, die sich für eine Änderung der Schreibweise japanischer Namen in Fremdsprachen stark macht. Außenminister Taro Kono und Bildungsminister Masahiko Shibayama haben sich dafür ausgesprochen. Andere Vertreter der Regierung sind zurückhaltender und verweisen auf Diskussionsbedarf. Kono erwägt, ausländische Medien zu bitten, die traditionelle japanische Schreibweise zu verwenden. Shibayama will eine Kulturagentur darauf hinweisen lassen, dass im öffentlichen Gebrauch der Familienname zuerst stehen solle. Er spricht von Respekt vor den kulturellen Unterschieden und hat gerade auf der englischen Internetseite seines Ministeriums die Schreibweisen der Namen ändern lassen.

          Die Kulturagentur hatte schon einmal, im Jahr 2000, eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen. Der Erfolg war nicht durchschlagend. Viele Unternehmen, die im Auslandsgeschäft tätig sind, viele japanische Politiker und Ministerialangestellte, selbst in der kulturellen Tradition tief gefärbte Japaner wie Shinto-Priester setzen auf ihren englischen Visitenkarten den Familiennamen nach hinten.

          Befürworter der Rückkehr zur Tradition sehen die 2020 anstehenden Olympischen Spiele in Tokio als große Chance. Wenn die Namen der japanischen Athleten in traditioneller Schreibweise angezeigt würden, könnte das Bewusstsein für die sprachliche Neuorientierung schaffen. Auch der Beginn des neuen kaiserlichen Zeitalters Reiwa wird als willkommener Anlass für die Rückbesinnung auf die  klassische Schreibweise genannt. Ironischerweise würde der Name des Kaisers nicht betroffen: Naruhito bleibt Naruhito, weil der japanische Kaiser keinen Familiennamen hat.

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