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Olympiasieger Wellbrock : Herr des Stillen Ozeans

„Florian war heute auf einem anderen Planeten“

Es war viel spekuliert worden über die speziellen Bedingungen dieses Rennens, die für die Schwimmer ungewohnte Wassertemperatur, die Wasserqualität, die japanische Sommerhitze, weil niemand wusste, wie die Schwimmer auf diese Umstände reagieren würden. Sie hatten keine Erfahrungswerte, erst recht nicht nach anderthalb Jahren Pandemie. An der Wasserqualität hatten die Japaner gearbeitet, wie es Japaner tun, an Zuleitungen und Absperrungen. Sie war nun mehr als ordentlich. Die Wassertemperatur war um mehr als ein Grad höher als noch vor einer Woche bei den Triathlon-Wettkämpfen. Aber Wellbrock hatte für sich, beim „Training in den letzten Tagen“ gemerkt: Es ist egal, dass es deutlich wärmer als ein Schwimmbecken ist. Weil: „So viel wärmer als ein Schwimmbecken fühlt sich das nicht an. Es wird am Anfang für mich kein Problem sein.“

Und der Stille Ozean ist an diesem Tag genau das. Für Wellbrock konnte die Bucht von Tokio keine besseren Bedingungen bieten als an diesem Donnerstag. Und so zieht er nach der ersten Boje davon, wird verfolgt vom Ungarn Rasovszky, vom Franzosen Olivier, der so hektisch nachsetzt, dass er gleich die erste Verpflegung auslässt. Wellbrock dagegen greift zu, dreht sich auf den Rücken, hält die Flasche, der Vergleich drängt sich auf, wie ein Otter, trinkt, schaut, wo die Konkurrenz bleibt, macht zwei, drei Armzüge rückwärts wie die Rentner morgens um sieben im Freibad, dreht sich um und zieht weiter. „Fast Beckenbedingungen“, sagt Wellbrock hinterher. Und es stimmt. Er schwimmt im größten Freibad der Welt zur Goldmedaille.

Als rund zwei Drittel der zehn Kilometer zurückgelegt sind, das kleine Motorboot Wellbrock eine kleine Bugwelle und ein Dreieck in den Stillen Ozean zeichnet, blendet die Regie ein, wie viele Züge pro Minute die Schwimmer an der Spitze aufwenden, um wieder an Land zu kommen. Diese Rate erklärt auf einen Blick, wie Florian Wellbrock zur Goldmedaille schwimmt. Er, der Mann an der Spitze, kommt mit dreißig Armzügen pro Minute schneller voran als alle anderen in diesem Rennen. Der Italiener Gregorio Paltrinieri, der nach der ersten Boje schnell gemerkt hatte, was Wellbrock gerade für eine Meisterleistung gelingt, und der doch nach 3,75 Kilometern fast 30 Sekunden Rückstand hat, tobt ihm mit vierzig Armzügen in der Minute hinterher. Irgendwann ist er auf fünf Sekunden heran, aber Wellbrock stört das nicht im Geringsten. Nach 8,6 Kilometern sind es schon wieder 14 Sekunden, 500 Meter vor dem Ziel 25.

Paltrinieri, der vor den Spielen an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt war und trotzdem mit zwei Medaillen heimfliegt, sagt hinterher: „Florian war heute auf einem anderen Planeten.“ Das stimmt nicht. Es war derselbe Planet, dasselbe Element, derselbe Ozean. Florian Wellbrock war schlicht mit einem überlegenen Konzept in dieses Rennen gegangen. „Er hat gezeigt, wer Herr im Wasser ist“, sagt ein paar Stunden später Michael Groß. 1988 Olympiasieger über 200 Meter Schmetterling, letzter deutscher Schwimm-Olympiasieger. Bis Donnerstag. Bis Wellbrock ihn abgelöst hat. „Das war extrem wichtig“, sagt Groß. „Für ihn persönlich. Und perspektivisch. Er hat gezeigt, dass man als deutscher Schwimmer ganz vorne sein kann.“ Man kann das mit Blick auf den Sieger auch anders sagen. Florian Wellbrock hat in der Bucht von Tokio gezeigt, dass er keinen anderen Platz für sich sieht: ganz vorne.

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