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Gewichtheber Spieß : „Werden von vorne bis hinten verarscht“

  • Aktualisiert am

Gewichtheber Jürgen Spieß jubelt über seine Leistung bei den Olympischen Spielen in Rio. Doch freuen über den Wettbewerb kann er sich nicht. Bild: AFP

Freude über die Leistung, Ärger über die Platzierung: Dieses Schema trifft auf die meisten deutschen Gewichtheber zu. Schuld sollen Doper aus anderen Ländern sein - trotz des Komplettausschlusses der Russen.

          Obwohl Gewichtheber Jürgen Spieß mit seiner Olympia-Leistung in Rio zufrieden sein konnte, war er von einer Medaille weit entfernt. Mit Blick auf das Doping in seiner Sportart gibt er sich keinen Illusionen hin.

          Bundestrainer Oliver Caruso hat neun Ländern vorgeworfen, den deutschen Startern mit systematischem Doping die Medaillen zu klauen. Welcher Platz wäre Ihrer Leistung denn angemessen?

          Das ist schwer zu sagen. Wir haben einfach ein paar schwarze Schafe, das ist bekannt. Wir wissen das ja seit Jahren. Der Iraker, der vor mir Erster in der Gruppe B geworden ist, war auch schon zwei Jahre gesperrt. Wir werden von vorne bis hinten verarscht.

          Wie gehen Sie mit den immer neuen Dopingfällen um?

          Man hört irgendwann auf, sich aufzuregen und schüttelt nur noch den Kopf. Das ist Machtlosigkeit. Das Traurige ist, dass man, wenn man selber mal Erfolge hat, gleich unter Generalverdacht steht. Ich hoffe, dass wir jetzt an einem Punkt angelangt sind, an dem der Weltverband seinen Kopf einschaltet. Die ganzen feinen Herren in ihren Schlipsen, die abends zum Bankett gehen und es sich gut gehen lassen, die sollen sich mal überlegen, dass wir in ein paar Jahren gar nicht mehr da sind, wenn sie ihren Scheiß weiter so machen.

          Glauben Sie, dass sich nach den Spielen in Rio etwas ändert?

          Ich habe so das Gefühl, dass das Thema nach Olympia wieder unter den Teppich gekehrt wird. Wir stehen als Gewichtheber ja nur alle vier Jahre im Mittelpunkt. Nach Olympia kräht kein Hahn danach. Vor Tokio können wir uns dann wieder aufregen, dass die Gewichtheber alle voll sind. Das wäre die größte Katastrophe.

          Warum sind Sie trotzdem noch dabei - was motiviert Sie?

          Vor acht Jahren in Peking hat Almir Velagic gesagt: „Wenn ich den zehnten Platz mache, ist das meine Medaille“. Unter den Bedingungen, die wir haben, trifft der Satz mehr denn je zu. Aber Ilja Iljin, der zweimal Olympiasieger war und jetzt gesperrt ist, war vor ein paar Tagen hier in Rio in der Halle und wurde gefeiert wie ein Popstar. Das sagt ja alles aus.

          Wie gehen Sie mit den mutmaßlichen Dopern um?

          Mit vielen Gegnern verstehe ich mich gut. Da sind auch nette Kerle dabei, das sind für mich nicht alles Arschlöcher. Die Jungs können ja gar nichts dafür, bei dem System, in dem sie aufwachsen. Für die ist es genauso normal, Stoff zu nehmen, wie dass ich mir morgens einen Kaffee einschenke. Der Fisch stinkt vom Kopf her.

          Was meinen Sie genau?

          Der Trainer von Kasachstan zum Beispiel ist verantwortlich für fünf olympische Goldmedaillen, die aberkannt wurden. Und der hüpft hier wieder auf der Bühne rum. Was hat der Mann hier zu suchen? Was muss noch passieren? Die Sportler sind nur Opfer des Systems. Die, die was ändern könnten, sind immer wieder dabei. Die hocken sich hier den Arsch breit, noch die nächsten 20 Jahre, und hauen sich den Bauch voll. Wenn man anfängt, die mal abzusägen - wem tut’s denn weh?

          Jürgen Spieß

          Für Jürgen Spieß sind die Spiele in Rio de Janeiro die dritte Olympia-Teilnahme. 2008 in Peking und 2012 in London wurde er jeweils Neunter, 2009 wurde er Europameister in der 94-kg-Klasse. Der 32-Jährige lebt mit Freundin Julia und Sohn Ben in Speyer.

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