https://www.faz.net/-hfn-9ndta

Diskuswerfer Christoph Harting : Der verflixte Pfosten

Schwierigkeiten beim Umschalten: Christoph Hartings Bewegungsablauf stockt noch etwas. Bild: Reuters

Der Olympiasieger hat zum Saisoneinstieg mal wieder Schwierigkeiten: Christoph Harting schafft nur zwei gültige Würfe und verpasst die WM-Norm. Die Diskus-Elite ist derweil um einige Meter voraus.

          Das Muster kannten einige Trainer schon aus dem Trainingslager in der Türkei. Wurf um Wurf schleuderte Olympiasieger Christoph Harting den Diskus gegen den rechten Pfosten des Wurfkäfigs. Und Mal um Mal hätten sie ihm geraten, erzählt einer, sich ein klein wenig weiter nach links gewendet aufzustellen, dann gingen Drehbewegung und Wurf auf. Doch der Mann sei – Christoph Harting eben – uneinsichtig. Ein technischer Fehler habe sich in den Bewegungsablauf eingeschliffen, bestätigt Harting.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Beim Sole-Cup in Schönebeck an der Elbe gelangen ihm bei mildem Sommerwetter zwei gültige Würfe, mit 63,73 und 62,85 Meter nicht besonders weit. Die vier übrigen: Vollpfosten. Es wirkte, als wollte der Diskuswerfer wie ein Billardspieler über Bande in die Saison kommen. Nicht einmal die Weltmeisterschafts-Norm von 65 Metern erreichte er, während Martin Wierig und David Wrobel aus Magdeburg 66,04 und 65,86 Meter vorlegten.

          „Mir fehlen 500 bis 600 Würfe“

          Das könnte für den jüngeren Harting – sein Bruder Robert, Olympiasieger von London 2012, hat mit dem Diskuswerfen aufgehört – umso schmerzhafter sein, als ihm im vergangenen Jahr zum Einstieg in die Saison just hier sein weitester Wurf der Saison gelungen war, 67,59 Meter. Doch er beschreibt sich als „tiefenentspannt“, lobt die Leistung der Konkurrenz und erzählt, dass er in zwei Wochen Trainingslager wegen einer Entzündung im Rücken lediglich an vier Tagen habe trainieren können. „Mir fehlen 500 bis 600 Würfe“, sagt er.

          Termine, Sportarten, Medaillen: Olympia-Zeitplan 2020 in Tokio

          Der Idee, die Wurfrichtung zu korrigieren, indem er seine Füße wie die Zeiger einer Uhr ein paar Minuten zurückstellt, widersprechen Harting und sein Trainer Torsten Lönnfors: „Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem wir den Pfosten treffen und nicht mehr das Netz“, scherzt der Coach. Die Grundstellung zu verändern führe zwar dazu, dass der Diskus dann im Sektor lande, er fliege aber nicht kraftvoll beschleunigt raus. Vielmehr müsse die Drehbewegung weitergehen. „Um die achtzig Meter irgendwann werfen zu können“, sagt Lönnfors in Anspielung auf die phantastische Weite, die Harting erreichen will (sechs Meter über dem 33 Jahre alten Weltrekord von Jürgen Schult), „braucht es den technischen Ansatz, den wir verfolgen. In Rio stand Christoph genauso.“

          In den beiden Jahren nach dem Olympiasieg verpasste Christoph Harting die Saisonhöhepunkte. Für die WM von London 2017 konnte er sich nicht qualifizieren. Bei der EM 2018 in seiner Heimatstadt Berlin schaffte er es immerhin ins Olympiastadion – und scheiterte in der Qualifikation. „Christoph war in Top-Form und hätte durchaus Gold erringen können“, sagt Lönnfors. „Für ihn sind die Olympischen Spiele das absolute Highlight; alles andere ist nur der Weg dorthin. Für mich ist das nicht schön, wenn man sich das ganze Jahr damit beschäftigt und dann dreimal Netz sieht. Die Arbeit hat sich nicht ausgezahlt.“ Auch die WM in diesem Jahr gilt Harting nur als Zwischenschritt. Noch sind fast sechs Monate Zeit bis zu der nach Doha vergebenen und wegen der Hitze am Golf auf Oktober verschobenen Veranstaltung; zur Not könne er seine Form von Grund auf neu aufbauen, sagt Lönnfors. Er verweist auf die steigende Leistungsfähigkeit der Konkurrenz.

          Die Konkurrenz enteilt

          Drei Diskuswerfer übertrafen im vergangenen Jahr 69 Meter und sechs die persönliche Bestweite Hartings von 68,37 Metern. Europameister Daniel Stahl aus Schweden warf zum Auftakt der Diamond League Anfang Mai in Doha 70,56 Meter. „Wenn die Physis sich weiterhin zickig darstellt“, sagt Lönnfors über den Rücken seines Athleten, „wird es überhaupt schwierig, zur WM zu kommen.“ Harting, der noch vor einem Jahr angekündigt hatte, Doha 2019 auszulassen, sagt nun: „Wenn ich zur WM konkurrenzfähig bin, sage ich: Warum nicht?“ Das große Ziel Olympia sei, weil der Weltverband der Leichtathleten eine Weltrangliste eingeführt hat, auch über die Teilnahme an der Diamond League und ohne WM-Teilnahme zu erreichen.

          Doch frei von den Zwängen des Systems ist auch Olympiasieger Christoph Harting nicht. Für ihn, der als Beamter der Bundespolizei nicht um seine Existenz kämpft, geht es in dieser Saison darum, die Bedingungen in der nächsten zu sichern. „Für die beste Förderung muss man entweder beim Saisonhöhepunkt im Endkampf sein oder mal weit werfen, um in der Weltrangliste unter die Top Ten zu kommen“, sagt Lönnfors. „Das müssen wir angehen, damit wir uns optimal auf die Olympischen Spiele 2020 vorbereiten können.“ In Zahlen heiße das: Christoph Harting sollte in diesem Jahr seine Bestleistung auf über 69 Meter steigern. Im Olympiajahr, mit dreißig, sollte er dann 70 Meter übertreffen. Und vor allem sollte ihm dieser verflixte Pfosten nicht mehr in die Quere kommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.