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Olympia in Rio : Die Fahrt der Hockey-Damen geht nach oben

  • -Aktualisiert am

Was für eine Freude! Lisa Altenburg (links) feiert ihren Treffer gegen die Vereinigten Staaten mit Franziska Hauke. Bild: AP

Renaissance der deutschen Hockey- Damen: Auch das Duell mit Großmeister Niederlande soll nicht das Ende der olympischen Reise sein: „Wir wollen ins Finale.“

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          Nike Lorenz lacht kurz auf. Dann wird sie ernst: „Ja, von außen kriege ich manchmal eine mit, wenn ich zu risikobereit bin.“ Von außen betrachtet trug die Innenverteidigerin der Hockey-Nationalmannschaft zur besten Unterhaltung beim 2: 1 im Viertelfinale gegen die Amerikanerinnen bei. Mal hielt die deutsche Hockey-Familie auf der Tribüne den Atem an, wenn Lorenz im eigenen Kreis den Ball verlor. Mal staunte sie und applaudierte begeistert nach einer coolen Befreiung aus großer Bedrängnis ohne Netz und doppelten Boden. Schon lief der Ball vom Schläger dieser abgezockten Hockey-Hoffnung in den nächsten Angriff. Der Lohn ist wohl eines der interessantesten Spiele für die Frauen seit Jahren: im Halbfinale an diesem Mittwoch (17 Uhr MESZ) gegen die Niederlande, den Großmeister, den Favoriten.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Jamilon Mülders dachte nicht an die packenden, nervenkitzelnden Showelemente, als er das bislang beste Turnierspiel seiner Mannschaft mit einer erstklassigen „Struktur“ beschrieb. Der Matchplan des Trainerteams war aufgegangen in der ersten Halbzeit gegen die physisch starken Amerikanerinnen: eine kluge Spielanlage, ein gutes Passspiel, überflüssige Zweikämpfe vermieden, die Knochen hingehalten, leidenschaftlich verteidigt. „Sie haben Verantwortung übernommen, sie werden selbständig, sie steuern selbst, laufen mit uns gemeinsam in eine Richtung“, sagte Mülders. „Wir waren im Halbfinale der World League, wir sind im Halbfinale der Olympischen Spiele.

          Die Fahrt geht nach oben. Vielleicht sollten wir uns eingestehen, dass das deutsche Damenhockey eine Renaissance erlebt.“ Hockey hat ein sehr gutes Image in Deutschland. Und ein intern belastendes: Es gilt nichts als Gold. Was allerdings vor allem mit der Kontinuität der Herren-Auswahl zusammenhängt. Olympiasieger 1972 in München, dann in Barcelona 1992, zuletzt in London nach dem Coup von Peking. Die Frauen-Auswahl schaffte es bislang einmal - 2004 in Athen überraschend - auf den Olymp. Dazu kommen zwei Silbermedaillen (1992 und 1984). Zwischendurch schwankten die Leistungen bis hin zu Rang sieben vor vier Jahren in London, nach dem der Verband die Reißleine zog. Anhaltender Misserfolg bedroht die Existenz. Mülders musste ran.

          In Rio schaute er nach dem Viertelfinale süffisant auf die offizielle Weltrangliste: Immer noch Neunter. Aber im richtigen Augenblick zur Stelle. Als der Direktor für Leistungssport des Deutschen Olympischen Sportbundes, Dirk Schimmelpfennig, auf der Tribüne Platz genommen hatte, sah er eine Demonstration der Stärke. Die sengende Sonne trieb Zuschauer unter Schirme und in Schattenplätze. Schimmelpfennig konnte sich in der Hitze von der mitunter in Frage gestellten Fitness der deutschen Auswahl gegen die muskulösen Amerikanerinnen überzeugen - und an der Ballbehandlung erfreuen. „Es ist leicht zu erkennen, dass hinter den Erfolgen in Rio gute Strukturen stecken“, sagte der frühere Sportdirektor des erfolgreichen Tischtennis-Verbandes. Nach den Spielen wird er zusammen mit den Fachverbänden und dem Bundesinnenministerium ein neues Förderkonzept eigens für die Spielsportarten entwickeln.

          Lisa Altenburg (oben) feiert mit den deutsche Hockeydamen ein Tor im Viertelfinale gegen die amerikanische Mannschaft.

          Hockey braucht seine Unterstützung und sammelt Punkte: „Es ist ja auch kein Geheimnis, dass die erfolgreichen Verbände innovativ sind, eine gute Trainerausbildung und eine gute Jugendarbeit bieten. Das muss man fördern.“ Zwischen Schimmelpfennig und Mülders scheint es eine unausgesprochene Verbindung zu geben. „Es ist ja nicht neu, dass wir solche Talente wie Nike Lorenz haben“, sagt der Cheftrainer, „aber die Frage ist, ob man sich traut, sie zu nominieren, sie reinzuwerfen.“

          Am Mittwoch wird sie wieder mittendrin stehen und die Niederländerinnen auf sich zurennen sehen. Eine Neunzehnjährige, beim Wiesbadener HTC aufgewachsen, als Rückhalt gegen den zweimaligen Olympiasieger: „Vielleicht ist es ein Problem, dass ich das Risiko nicht so abschätze. Aber ich werde mein Spiel, meine Linie durchziehen. Es geht darum, die perfekte Balance zu finden“, sagte die ehemalige Stürmerin. „Eigentlich war das nicht mein Ding, aber ich bin megahappy, dass man mir diese Rolle anvertraut. Es macht viel Spaß, beide Teams vor sich zu haben.“

          „eines der drei besten Innenverteidiger-Paare dieses Turniers“

          Und es ist wohl auch ein beruhigendes Gefühl, eine erfahrene Kollegin neben sich zu wissen. Die bislang überragende Jane Müller-Wieland hat 197 Länderspiele mehr zu bieten. „Wir haben eines der drei besten Innenverteidiger-Paare dieses Turniers“, sagt Mülders. „So unterschiedlich die beiden sind, zusammen bieten sie eine unfassbare Qualität, das gibt die Stabilität, die man für eine gute Offensive braucht. Und ich erinnere mich, dass es 1992 schon mal eine 19-Jährige in einem Team gab, das Silber gewann.“

          Britta Becker befand sich damals auf dem Weg zum Hockey-Star unter den Frauen. Aber das waren andere Zeiten. Heute muss der Verband noch viel mehr kämpfen um den Nachwuchs. „Es ist viel schwieriger geworden, Mädchen zu begeistern und zu einer Leistungssportkarriere zu bewegen“, berichtet Sportdirektor Heino Knuf. Die Hockey-Szene schöpft deshalb auch Hoffnung aus der jüngsten Entwicklung. „Wir wollen ins Finale“, sagt Mülders. Der Blick aber reicht schon weiter. Stürmerin Lisa Altenburg stellte ihre dreijährige Tochter in Rio erstmals auf olympischen Boden. Die Kleine stapfte neugierig über das blaue Spielfeld. Sophies Welt ist rund wie ein Hockeyball. Als der Bundestrainer der Herren Journalisten Auskunft gab, vergrub sie ihr kleines Gesicht in seiner Schulter. Er ist ihr Vater.

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