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Deutsches Olympiateam : Olympia-Aus wegen NPD-Freund

  • -Aktualisiert am

Nadja Drygalla: Wie ist ihre Sicht der Dinge? Bild: dpa

Nach einem emotionalen Gespräch mit der deutschen Delegationsleitung zieht Ruderin Nadja Drygalla sich zurück. Sie muss das große Boot verlassen, damit es nicht Schlagseite bekommt.

          Eineinhalb Stunden hat das Gespräch am Mittwochabend gedauert. Dann packte Nadja Drygalla ihre Sachen und verließ das Olympische Dorf. Aus freiem Willen, wie der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) erklärte. Aber ganz so freiwillig war der Rückzug vom gelebten Traum in London nicht. Die Ruderin musste in einem sehr „emotionalen“ Gespräch mit dem Delegationsleiter des deutschen Teams, Michael Vesper, erst einsehen, dass die Nachricht über ihre Liaison mit dem rechtsradikalen NPD-Politiker Michael Fischer eine Berichterstattungs-Welle auslösen würde, die dann dem Ansehen der deutschen Equipe schaden könne.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das erste ließ sich nicht mehr verhindern. Gegen das zweite kämpfte Vesper am Freitag an: „Ich möchte noch mal betonen, dass die deutsche Mannschaft gegen jede Form von Gewalt eintritt und sich immer und überall für die demokratischen Grundsätze stark macht.“

          Drygalla musste das große Boot verlassen, damit es nicht Schlagseite bekommt. Die Deutschen sind alarmiert. Ein Foto von DOSB-Ehrenpräsident Walther Tröger, wie er mit ausgestrecktem linkem Arm der deutschen Mannschaft während der Eröffnungsfeier zuwinkte, erinnerte die „Times“, so der groteske kleine Bericht, an den „Hitler-Gruß eines deutschen Delegationsmitgliedes“. Absurd. Was aber würde passieren, wenn sich jetzt die Geschichte von einer deutschen Athletin im Tross als Geliebte eines Nazis im Dorf breitmacht? Ob da noch jemand fragen würde, was Frau Drygalla denkt?

          Vesper hat es gemacht. Und sieht nun keinen Grund, der Rostockerin einen Stempel aufzudrücken. „Sie hat mir glaubhaft versichert, hinter unserer demokratischen Grundordnung zu stehen. Ich habe diesen Eindruck, soweit das in einem eineinhalbstündigen Gespräch möglich ist.“ Demnach distanzierte sich die 23 Jahre alte auch ausdrücklich von nationalsozialistischem Gedankengut.

          „Das hat sie getan“, fügte der frühere Grünen-Politiker und ehemalige stellvertretende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hinzu und warb für das Recht der Menschen, nicht in Sippenhaft genommen zu werden: „Der entscheidende Punkt ist doch, wie jemand denkt. In Deutschland herrscht Gott sei Dank immer noch der Grundsatz, dass jeder für seine eigenen Haltungen und Taten verantwortlich ist und nicht für diejenigen seines Umfelds.“

          Delegationsleiter Michael Vesper: Gegen Sippenhaft

          Was Nadja Drygalla denkt? Man kann ihr nicht in den Kopf schauen. Zu einer Stellungnahme war sie am Freitag nicht zu erreichen. Im Kreis der Ruderer hat sie aber angeblich niemals eine rechtsradikale Gesinnung erkennen lassen. „Ich kenne Nadja aus den Trainingslagern. Da war das nie ein Thema“, sagte der Steuermann des glorreichen Männer-Achters, Martin Sauer, „auch nicht, dass sie einen Freund aus der Szene hat. Das zeigt doch schon, dass sie nicht dahinter steht.“ Vielleicht. Sauer, der Jura studiert, präsentierte sich als überzeugender Demokrat und sagte schließlich, was mancher denkt: „Ich habe keine rechtsradikalen Freunde. Und das wird auch nicht dazu kommen.“

          Die kolportierte Nähe Nadja Drygallas zu Michael Fischer suggeriert ein gewisses Verständnis mit dessen Haltung. Laut der Internetseite „de.indymedia.org“ führt Fischer die Kameradschaft „Nationale Sozialisten Rostock“, schreibt für das Propagandaportal von Neonazis in Mecklenburg-Vorpommern und trat im Landtagswahlkampf 2011 für die NPD an. Im Februar soll er mit einer Gruppe Gleichgesinnter versucht haben, eine Gedenkkundgebung für den vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSA) ermordeten Mehmet Turgut in Rostock zu attackieren. Ob Nadja Drygalla die Ansichten Fischers teilt oder sogar an Kundgebungen teilgenommen hat? Wir wissen es nicht.

          Mit dem Achter ausgeschieden, alleine ausgezogen: Nadja Drygalla (3.v.r.)

          Sicher scheint dagegen, dass es über Drygallas Verbindung zu Fischer schon vor den Sommerspielen Informationen gab. „Möglicherweise war das schon vor einigen Monaten im Gespräch“, sagte Vesper. Der DOSB habe erst am Donnerstag davon erfahren. Auch der Deutsche Ruder-Verband will nicht im Bilde gewesen sein. Wäre Nadja Drygalla sonst im Achter gelandet, der im Hoffnungslauf ausschied?

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