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Deutsche Turner : Die wahren Marathonmänner

Sein Welt steht Kopf: Zwei Silbermedaillen bei den Olympischen Spielen für Marcel Nguyen Bild: AFP

Die Turner brauchen bei Olympia einen besonders langen Atem. Marcel Nguyen und Fabian Hambüchen werden bei Olympia für ihre Mühen belohnt - und holen beide Silber.

          3 Min.

          Doppelsalto rückwärts mit einer Schraube, ein kleiner Korrektursprung, eine Minute Warten auf die Wertung, 15,800 Punkte. Und was tat Marcel Nguyen als Erstes? Er lief aus der Halle. Obwohl noch fünf Turner kamen. Warum? „Ich habe mir die richtigen Schuhe für die Siegerehrung geholt“, so erzählte er eine halbe Stunde später, die Silbermedaille um den Hals und die weißen, mit schwarz-rot-goldenen Streifen verzierten offiziellen Team-Schuhe an den Füßen. „Ich wollte keinen Ärger bekommen, wenn ich mit den falschen Schuhen komme.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Episode zeigt die Gelassenheit und Geistesgegenwart, die Nguyen eigen ist und die er auch in den bisher wichtigsten Wettkämpfen seiner Turnkarriere gezeigt hat. Am vergangenen Mittwoch, als er mit ebenfalls Silber die erste deutsche Mehrkampf-Medaille seit 76 Jahren gewann. Und an diesem Dienstag, als er an seinem besten Gerät, dem Barren, dasselbe Kunststück wiederholt hat. Nur der Chinese Zhe Feng war mit 15,966 Punkten außer Reichweite für den Sohn einer deutschen Mutter und eines vietnamesischen Vaters. Dritter wurde der Franzose Hamilton Sabot (15,566).

          „Wir sind auf der siebten Wolke“

          „Ich wollte von den Spielen mit einer Medaille heimfahren, egal wie, egal welche“, sagte Nguyen. „Dass es nun zweimal Silber geworden ist - unglaublich“. „Wir sind auf der siebten Wolke“, jubelte der frühere Weltklasseturner Valeri Belenki, der Nguyen seit 2008 in Stuttgart trainiert. „Wir hoffen, dass das auch Fabi Flügel verleiht.“

          Der Wunsch wurde wahr, und wie: Eineinhalb Stunden später holte Fabian Hambüchen mit einer famosen Übung am Reck mit 16,400 Punkten ebenfalls die Silbermedaille hinter dem Niederländer Epke Zonderland, der 16,533 Punkte erhielt. Hambüchen war der Erste, der Zonderland für dessen atemraubende Kür umarmte und zum Olympiasieg gratulierte. Dritter wurde der Chinese Zou Kai (16,366).

          Seine beste Kür

          „Das war der größte Erfolg meiner Karriere“, jubelte Hambüchen. Er hatte sich dagegen entschieden, den Ausgangswert seiner eingespielten Kür kurzfristig durch zusätzliche Schwierigkeiten von 7,5 auf 7,7 aufzustocken, um mit dem Chinesen und dem Holländer, beide Schwierigkeit 7,9, mithalten zu können. „Das war die richtige Entscheidung“, sagte Hambüchen. Er nannte die Übung von der Ausführung her „die beste, die ich je geturnt habe“.

          In der Euphorie unmittelbar nach dem Wettkampf sagte er zu Bundestrainer Andreas Hirsch: „Dann wissen wir ja, welche Farbe in Rio fehlt“, bei den Spielen 2016 - nach Bronze in Peking 2008 und nun Silber in London 2012. Doch ob er dann wirklich noch turnt, um Gold zu gewinnen, weiß Hambüchen nicht. Er will es davon abhängig machen, „ob der Körper mitspielt“ und ob er die Doppelbelastung mit dem Studium hinbekommt, das er „als zweites Standbein“ beginnen will.

          Während Hambüchen auf diese imposante Weise sein verkorkstes Mehrkampf-Finale verdaute, hatte Nguyen das umgekehrte Problem ebenso erfolgreich gelöst: Nach dem großartigen Wettkampf wurde er von aller Welt herumgereicht. Er sagt jedoch, es habe ihm keine Mühe gemacht, den ganzen Rummel nach seinem überragenden Erfolg im Mehrkampf von sich zu schieben.

          Tadellose Übung

          Als vierter Turner ging Nguyen unmittelbar nach dem Chinesen an den Barren und zeigte eine tadellose Übung, bis zu seinem Abgang, den er sich schon mit 16 Jahren binnen einer Woche selber beibrachte und den er als einziger am Barren gibt, dem Tsukahara. Trotz des Seitenhüpfers, mit dem er die Landung korrigieren musste, übertraf der zweimalige Barren-Europameister in der Qualität der Ausführung Feng mit 9,0 Punkten sogar. Doch gab die höhere Übungs-Schwierigkeit des Chinesen (7,0 gegenüber 6,8) in der Addition den Ausschlag.

          Nguyen sei „mental richtig stark“, findet Belenki. Nicht er habe den Turner vor dem Wettkampf beruhigt, sagte der Trainer, sondern umgekehrt: „Marcel sagte: Coach, mach dir keine Sorgen, das kriegen wir hin“, erzählte Belenki lachend. „Und das haben wir auch hingekriegt.“ Nguyen selber sagt, er mache auch während eines Wettkampfes, „damit man nicht verkrampft“, noch Witze mit seinem Trainer, der für ihn „wie ein großer Bruder“ sei. Und Belenki findet, das Silber im Mehrkampf habe den 24-Jährigen noch lockerer gemacht, „da gehst du nicht mehr als Nobody ans Gerät.“

          Famoser Auftritt: Hambüchen zeigt am Reck schwierigste Übungen Bilderstrecke

          Der Barren war keine Liebe auf den ersten Blick für Nguyen, als junger Turner mochte er das Trampolin lieber. „Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das gut klappt.“ Belenki findet, dass Nguyen sogar die beste, zumindest die dynamischste Übung der Konkurrenz hatte, „sie hat keine Pausen“. Man hätte die Schwierigkeit noch um ein Zehntel aufstocken können, „doch sind wir lieber die sichere Variante gegangen“. Mit Erfolg. Es kostet Belenki eine Flasche Champagner, die er seinem Turner nun spendieren muss.

          Die Marathonmänner von London

          Endlich Zeit zu entspannen, Nguyen will endlich abends weggehen und sich andere Sportarten anschauen, „Leichtathletik, Basketball, Boxen, alles, wo ich noch Karten bekomme“. Turner wie Nguyen und Hambüchen sind die wahren Marathonmänner von London. Kein anderer Individualsportler in London hatte wettkampfmäßig längere Olympische Spiele als sie. Es ging bereits am ersten Wochenende mit der Mannschafts-Qualifikation los und endete für beide erst zehn Tage später mit dem letzten Tag der Einzelgeräte-Finals. Die Spannung ließ bis zum Ende nicht nach. Doch am Ende war Nguyen „froh, dass es endlich vorbei ist. Das geht an die Substanz.“ Aber auf die schönste Weise, die für einen Sportler denkbar ist.

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