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Deutsche Springreiter : „Eine Achterbahnfahrt“ zu Team-Bronze

  • -Aktualisiert am

Drüber: Ludger Beerbaum und Casello Bild: AFP

Für die deutschen Springreiter reicht es in Rio im Team-Wettbewerb nur zu Bronze. Der Titel geht an Frankreich. Am Ende wird sogar eine Medaille noch knapp.

          Na also - geht doch. Mit drei tadellosen Runden haben die deutschen  Springreiter auf den letzten Drücker die Bronzemedaille gewonnen. Das späte  Glück kam erst im Stechen - und eine ganze Weile blieben sie noch andächtig  stehen und sitzen, bevor sie einander in die Arme fielen. Sie mussten sich  unter anderem noch von der regulären zweiten Runde des Nationenpreises  erholen. Da hatte es zeitweilig nicht mehr sehr gut ausgesehen mit der  Medaillenchance, weil drei von vier Startern gepatzt hatten.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Doch Ludger  Beerbaum rettete die ganze Equipe ins Stechen um Bronze gegen Kanada. Die  Goldmedaille war da schon weg - an Frankreich. Die Silberne auch - an die  Vereinigten Staaten. Und mit dem kanadischen Team lagen sie mit acht  Fehlerpunkten gleichauf. Also mussten sie noch einmal  zu einer Ehrenrunde in  den Medaillenkampf  ziehen.  Und plötzlich machten die Deutschen ihrem Ruf, eine der besten Reiter-Nationen  der Welt zu sein, wieder alle Ehre.

          Ganz im Stile abgezockter Profis erledigten  Christian Ahlmann mit Taloubet Z,  Meredith Michaels-Beerbaum mit Fibonacci und  Daniel Deußer mit First Class den Stechparcours schnell und ohne Fehler, wie  sie das Wochenende für Wochenende auf den hochdotierten Turnieren dieser Welt  absolvieren. Nach drei Reitern konnte Kanada sie nicht mehr einholen, so dass  die letzten Paare gar nicht mehr an den Start mussten. Es war der Lohn einer  echten Nervenprobe. „Eine  Achterbahnfahrt“, sagte Meredith Michaels-Beerbaum.

          Nachdem am Mittwoch wieder einmal die deutsche Krankheit über die Equipe  gekommen war - lauter hervorragende Runden, garniert  mit je  einem kleinen,  ärgerlichen Fehlerchen, war es dem Altmeister Ludger Beerbaum mit dem  Holsteiner Casello vorbehalten, die Mannschaft im Medaillenrennen zu halten. In  der ersten Runde tags zuvor war er der einzige Deutsche gewesen, der sich einen  Abwurf erlaubte - ein Flüchtigkeitsfehler an einem stilisierten Dschungel-Oxer,  der im Streichresultat verschwand. Am zweiten Tag wiederum war Beerbaum der  einzige, der fehlerfrei über den Parcours kam und damit das Stechen um Bronze  erzwang.

          Die letzte Konzentration, an der es am ersten Tag noch gemangelt  hatte, war am zweiten Tag da.  Zuvor hatte Christian Ahlmann mit dem Hengst Taloubet Z mit einem sanften  Wischer eine äußerst locker aufliegende Planke zum Absturz gebracht. „Ich bin  ein bisschen flach an die Planke gekommen“, sagte er. „Die Distanz war  eigentlich gut, aber wir sind dran gekommen und sie fällt eben leicht“, sagte  Ahlmann. Meredith Michaels-Beerbaum wiederum kam mit ihrem Schimmel Fibonacci  sehr weit, obwohl sie in der dreifachen Kombination ein wenig in Bedrängnis  gekommen war. Aber erst danach wirkte sich dieser unrunde Moment aus.

          Am  folgenden Oxer, dem letzten Sprung des Parcours, fiel eine Stange. „Mein  Fehler“ sagte Ludger Beerbaums Schwägerin wie immer. „Das war schade.“ Hinzu  kam ein Fehlerpunkt wegen Zeitüberschreitung. Auch bei Daniel Deußer auf dem  Wallach First Class ging es knapp her. Er nahm am mittleren Sprung der  dreifachen Kombination eine Stange mit. Insgesamt wurden vom ganzen Feld so  wenig Fehler gemacht, dass ein einziger Fauxpas sich gleich erheblich  auswirkte.

          Meredith Michaels-Beerbaum und Fibonacci: Es reichte nicht zu Gold

          Angesichts der großen und sehr luftig gebauten, den Pferden wenig  Respekt einflößenden  Hindernisse mit sehr leicht fallenden Elementen stellt  sich die Frage, welche Schwierigkeiten  ein olympischer Parcourschef  noch  entwickeln muss, um die Stars zu mehr Fehlleistungen zu animieren. Ludger Beebaum hat seine Mission erfüllt. Der 52 Jahre alte und in Ehren  ergraute Altmeister lieferte bei seinen siebten Olympischen Spielen am Mittwoch  unter Druck noch einmal eine Klasseleistung. Und doch wird er das Einzel-Finale  am Freitag wohl nicht bestreiten dürfen. Aufgrund seiner Abwürfe an den  Vortagen ist er auf Platz 18 schlechtester Deutscher, und das Reglement  erlaubt, wenn es um die letzten Medaillen dieses olympischen Turniers geht, nur  noch drei Starter pro Nation, auch Nachrücken ist nicht vorgesehen. „Daran habe  ich heute keine Sekunde gedacht“, sagte Beerbaum.

          Die Sicherung der  Mannschafts-Medaille sei für ihn das einzig wichtige gewesen. Er verabschiedet  sich von diesen Spielen mit einem grandiosen letzten Eindruck und mit einer  Medaille auf der Brust. Nur von diesen Spielen? In den nächsten beiden Wochen  will Beerbaum verkünden, ob er seine aktive Laufbahn beenden wird. „Es gab  wenige Tage in meiner ereignisreichen Karriere, die emotionaler waren das  dieser - in dem Bewusstsein, dass es nicht mehr viele solche Tage geben wird,  wenn überhaupt“, sagte er.


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          „Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint.“ Mission erfüllt - das gilt für ganze deutsche Reiter-Delegation in Rio. Von  jedem Wettbewerb haben sie bisher mindestens eine Medaille mitgebracht. Drei  bis fünf hatte die Deutsche Reiterliche Vereinigung als Ziel ausgerufen. Sechs  sind es schon jetzt vor dem letzten Wettbewerb, wo alle noch einmal bei null  anfangen - und noch drei aussichtsreiche Starter im Rennen sind. „Wir haben  alle Erwartungen übertroffen“, sagte Dennis Peiler, der Chef de Mission. Die  deutschen Reiter sitzen fest im olympischen Sattel..

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