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Erste Erfahrungen in Rio : „Schießereien und Überfälle hatten wir schon“

  • -Aktualisiert am

Franz Anton und Jan Benzien rechnen sich als aktuelle Weltmeister im Canadier-Zweier eine Medaille aus Bild: Picture-Alliance

Die deutschen Slalomkanuten sind als erste ins Olympische Dorf eingezogen. Im F.A.Z.-Interview erzählt ihr Trainer Michael Trummer vom ersten Rio-Stresstest, den Eindrücken aus der Unterkunft – und was sich sein Team sportlich ausrechnet.

          Herr Trummer, Sie und Ihr Team sind schon seit Montag in Rio. Wie ist Ihr Eindruck vom Olympischen Dorf?

          Im Dorf ist noch totale Stille. Im Deutschen Haus waren wir die Ersten. Die Anreise war entspannt, die Akkreditierung ging so schnell wie noch nirgendwo. Bis jetzt ist alles super.

          Andere Nationen haben sich über die Unterkünfte beschwert. Es lägen noch Stromkabel offen, Wasser tropfte von den Wänden.

          Da haben wir wohl Glück gehabt. Die Zimmer sind vielleicht ein bisschen schmutzig, aber sonst in Ordnung. Spartanisch eingerichtet, aber ausreichend. Es ist eben kein Luxushotel. Schlimmer war es in London auch nicht.

          Sind Sie zufrieden mit der Kanu-Anlage?

          Es gab im Vorfeld einige Probleme, mal mit den Pumpen und mal mit dem zu niedrigen Wasserstand. Ich bin aber sicher, dass die Veranstalter das alles rechtzeitig in den Griff bekommen.

          Chef-Bundestrainer Michael Trummer ist mit seinem Team schon ein paar Tage am Zuckerhut

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          Ein paar Ihrer Sportler klagten über den übermäßigen Chemikalieneinsatz im Wasser. Sie hätten nach dem Training starke Probleme mit gereizten Augen, teilweise auch Übelkeit.

          Der Kanal verfügt leider nicht über einen natürlichen Wasseraustausch. Dort drin schwimmt seit November das gleiche Wasser. Das lässt sich nur mit entsprechendem Chlor-Einsatz bereinigen.

          Anders als die meisten anderen waren die Slalomkanuten schon auf dem Olympiakanal im Training - seit November bei vier Lehrgängen. Ein Vorteil?

          Es ist sicher eine gute Sache, dass wir uns auf den Kanal schon einstellen konnten. Die Möglichkeit hatten in dem Umfang nicht alle Nationen. Die Topteams aus Großbritannien und Frankreich natürlich, aber die anderen nicht so. Es hat aber noch andere Vorteile, dass wir schon mal in der Stadt waren.

          Nämlich?

          Die Jungs und Mädels müssen nicht losrennen, um vor den Spielen den Zuckerhut oder die Copa zu sehen. Das haben sie genauso schon abgehakt wie Straßenschießereien und Raubüberfälle – wenn auch zum Glück nur aus der Distanz. Im Umfeld wird uns also nichts überraschen. Wir können uns ganz auf den Sport konzentrieren.

          Hannes Aigner hat in London 2012 Bronze geholt. In Rio darf es auch gern mehr sein.

          Nach der harten internen Qualifikation im April waren die Weltcupergebnisse Ihrer Olympiateilnehmer durchwachsen. Macht Ihnen das Sorge?

          Gar nicht. Die Wettkämpfe waren ja aus dem vollen Training heraus - und in dem war der Schwerpunkt nun mal nicht in jeder Woche Geschwindigkeit. So gesehen war es doch schon sehr ordentlich, dass zum Beispiel Hannes Aigner jeweils das Finale erreicht hat.

          Sie starten in Rio mit vier Booten. Was ist das Ziel?

          Ich halte zwei Medaillen für absolut realistisch. Dass wir zu den Topnationen der Welt zählen, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Wildwasser auch viel vom Zufall abhängt.

          Zwei Ihrer Starter, Sideris Tasiadis und Hannes Aigner, waren schon 2012 in London dabei und haben Silber und Bronze geholt. Ein Vorteil? Oder Druck, weil sie jetzt noch mehr wollen?

          Sicher beides. Dem Team in Gänze aber kann es nur gut tun, dass Sideris und Hannes das ganze Trara drumherum schon kennen und sich von der Aufregung nicht anstecken lassen.

          Sideris Tasiadis hofft in Rio im Canadier-Einer auf Gold

          Der Kanal in Rio ist im internationalen Vergleich - auch zu den beiden deutschen Strecken in Augsburg und Markkleeberg - eher leicht, er hat wenig Gefälle. Wem ist das zum Vorteil?

          Es stimmt schon, der Kanal ist im Vergleich nicht das, was wir an Schwere gewohnt sind. Am Ende wird es davon abhängen, wie der Kurs gehängt ist. Natürlich wünschen wir uns einen schwierigeren, weil sonst die guten und weniger guten Nationen zu nah beieinander sind. Das wäre auch für die Zuschauer nicht so doll.

          Haben Sie Ihre Wünsche mit Thomas Schmidt, dem Strecken-Designer des Internationalen Kanu-Verbands, besprochen?

          Wir haben privat keinen Kontakt. Das wäre auch nicht fair. Aber Thomas war 2000 in Sydney selbst Olympiasieger. Er wird wissen, wie man den Kurs vernünftig gestalten kann.

          Als er ihn in London das letzte Mal hing, sind für Deutschland zwei Medaillen herausgesprungen.

          Wenn das wieder klappt, sind wir genau bei dem, was wir uns vorgestellt haben.

          Melanie Pfeifer startet im Kajak-Einer.

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