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Deutsche Schwimmer : Supermann sehr, sehr ärgerlich

„Geschuftet wie ein Berserker“ - auf Platz fünf gelandet: Paul Biedermann Bild: dpa

Nach den Niederlagen ihres Freundes Paul Biedermann heißt die letzte Hoffnung Britta Steffen. Ansonsten stehen die deutschen Schwimmer in London ohne Medaille da.

          Es sah lange nach der ersehnten ersten Medaille für die deutschen Schwimmer aus im olympischen Finale der 4x200-Meter-Freistilstaffel am Dienstagabend. Paul Biedermann war in 1:46,15 Minuten angeschwommen, er übergab an dritter Stelle hinter den Amerikanern und den Franzosen an Dimitri Colupaev, der das Quartett des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) sogar auf Rang zwei nach vorne brachte.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Berliner Tim Wallburger verteidigte den Bronzerang, doch dann hatte es der deutsche Schlussschwimmer Clemens Rapp im Kampf um Platz drei mit einem der Besten zu tun, die zur Zeit auf den Freistilstrecken unterwegs sind: dem Chinesen Sun Yang.

          „Schade“: Marco Koch startete als Medaillenhoffnung und schied im Halbfinale aus

          Obwohl auch Rapp ein hervorragendes Rennen zeigte, holte ihn der 400-Meter-Olympiasieger am Ende doch noch ein: In 7:06,59 Minuten verpasste das deutsche Quartett um knapp drei Zehntelsekunden die Bronzemedaille und wurde Vierter. „Wenn man schon kein Glück hat, kommt auch noch Pech dazu“, sagte Biedermann. Angesichts des geringen Rückstands haderte er denn auch etwas mit seiner Staffelzeit. „Das ist schon unbefriedigend für mich“, sagte er, „ich sehe den Fehler ein bisschen bei mir“.

          Für ihn war es die nächste Ernüchterung bei diesen Spielen in London. Tags zuvor war er bereits im Einzelfinale Fünfter geworden und hatte damit sein großes Ziel verpasst, besser abzuschneiden als bei seinen ersten Spielen vor vier Jahren in Peking. So war es kein Wunder, dass sein Trainer Frank Embacher nach dem Einzelfinale am Montagabend sagte: „Wir waren fünf Mal im Trainingslager, haben geschuftet wie die Berserker, und im Endeffekt ist wieder nur ein fünfter Platz rausgekommen. Das ist schon sehr, sehr ärgerlich.“

          Biedermann selbst sah das genauso. Natürlich war es ein Endlauf, in dem reihenweise Weltmeister und Olympiasieger antraten. „Ich habe noch nie ein so gut besetztes 200-Meter-Rennen gesehen“, sagte Biedermann. Doch Platz fünf und die Zeit von 1:45,53 Minuten machte es für ihn auch nicht besser. Zumal der Sieger, der Franzose Yannick Agnel (1:43,14), und die in 1:44,93 zeitgleichen Sun Yang (China) und Park Tae-hwan (Südkorea) genauso außer Reichweite blieben wie der nur viertplazierte amerikanische Weltmeister Ryan Lochte (1:45,04).

          Dass Biedermann im Einzelrennen 65 Hundertstelsekunden über seiner Zeit von den Weltmeisterschaften in Schanghai im vergangenen Jahr blieb, kam überraschend. „Im Training waren die Werte so, dass er sich eigentlich hätte verbessern können“, sagte Embacher. Doch offenbar hinterließen Biedermanns missglückte erste Auftritte im Aquatics Centre ihre Spuren.

          Am Samstag war er über 400 Meter Freistil im Vorlauf ausgeschieden, am Sonntag schaffte er im Vorlauf über die 200 Meter nur als Zehnter in mäßigen 1:47,27 Minuten den Sprung ins Halbfinale - nicht gerade die Signale, die einen mit breiter Brust in ein olympisches Finale voller Ausnahmeschwimmer gehen lassen.

          „Wir haben Schwierigkeiten mitzuhalten“

          Der schleppende Start habe wohl nicht unbedingt dazu beigetragen, dass Biedermann in London als „Supermann“ auftritt, so Embacher - wie bei der WM 2009, bei seinen zwei Goldmedaillen und Weltrekorden. „Um hier wirklich eine Medaille zu erringen, hätte auch mental alles passen müssen“, sagte Embacher.

          Für das deutsche Team hieß das: wieder eine Medaillenchance vorbei. Lutz Buschkow, der Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV), zollte Biedermann dennoch großen Respekt dafür, wie er sich nach den ersten Rückschlägen „wieder moralisch zurückgemeldet“ hat. Der Befund aus den vergangenen Tagen aber hat sich auch im 200-Meter-Freistil-Finale bestätigt: „Der internationale Schwimmsport hat unheimlich an Niveau gewonnen“, sagte Buschkow. „Wir haben Schwierigkeiten, in gleicher Schrittlänge mit den Spitzen-Nationen mitzuhalten.“

          Die ursprüngliche Olympia-Vorgabe von sechs Medaillen, 2008 festgelegt, ist in weite Ferne gerückt, und auch das später ins Auge gefasste Ziel, ähnlich abzuschneiden wie bei der WM 2011, als die DSV-Beckenschwimmer fünf Bronzemedaillen gewannen, ist inzwischen sehr ambitioniert. Zumal am Dienstagabend auch noch die insgeheimen Medaillenkandidaten Marco Koch und Christian vom Lehn im Halbfinale über 200 Meter Brust ausschieden.

          Wieder mal Steffen

          Der 22 Jahre alte Koch blieb dabei in 2:10,73 Minuten fast zwei Sekunden über der Zeit, die er vor kurzem noch bei einem Meeting in Rom schwamm. Damit landete der Sportsoldat als Dreizehnter noch einen Rang hinter seinem Teamkollegen vom Lehn, der in 2:10,50 Minuten ebenfalls unter seinen Möglichkeiten blieb. „Schade“, sagte Koch enttäuscht, „aber das war das Beste, was ich machen konnte“.

          Kann sie die Bilanz verbessern? Die letzte deutsche Schwimmhoffnung ist Britta Steffen - mal wieder

          In Sachen Medaillen ruhen die Hoffnungen des DSV jetzt vor allem auf Freistilspezialistin Britta Steffen - wieder mal. Die Doppel-Olympiasiegerin tritt an diesem Mittwoch erstmals in einem Einzelrennen in London an, im Vorlauf über 100 Meter Freistil. Am Freitag folgen die 50 Meter Freistil.

          Die Doppel-Olympiasiegerin präsentierte sich zuletzt bei der Olympia-Qualifikation in Berlin und bei den Europameisterschaften Ende Mai in Debrecen in starker Form - auch wenn auch auf ihren Strecken international inzwischen andere den Ton angeben, allen voran die Niederländerin Ranomi Kromowidjojo, die Schnellste in diesem Jahr. Die 28 Jahre alte Berlinerin sieht das freilich eher als Vorteil - weil der Druck diesmal, anders als in Peking, nicht auf ihr lastet. „Eine Medaille“, sagt Britta Steffen, „wäre für mich schon was ganz, ganz Großes“.

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