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Deutsche Schwimmer : Das Projekt Wundertüte

Eintauchen in Olympia: Britta Steffen schwärmt von der besonderen Atmosphäre im deutschen Team Bild: dpa

Mit konkreten Prognosen hält sich der Deutsche Schwimm-Verband vor den Wettkämpfen im Londoner Aquatics Centre lieber zurück. Die Kraft des Kollektivs soll dem jungen Team den entscheidenden Impuls geben.

          Der Alarm kam aus dem Off. Wenn der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) die Wochen bis zu den Olympischen Spielen nicht optimal nutze, „dann befürchte ich ein deutsches Schwimm-Desaster in London“ - diese Einschätzung teilte Dirk Lange vor kurzem in einem Interview mit, flankiert von einer kritischen Bestandsaufnahme des Leistungsvermögens der deutschen Athleten. Nun gilt Lange nicht nur seit Jahren als Kenner des internationalen Schwimmsports, er ist auch und gerade im DSV kein Unbekannter. Lange war er dort Bundestrainer, bis vor einem guten halben Jahr, als sich die Wege nach langem Hin und Her trennten. Und man kann nicht gerade sagen, dass die Beteiligten im größten Einvernehmen auseinandergegangen wären.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Alles also nur eine Retourkutsche? Tatsächlich war der DSV zuletzt bei der Europameisterschaft in Debrecen so erfolgreich wie seit zehn Jahren nicht mehr - dort aber fehlten viele europäische Top-Schwimmer, ganz zu schweigen von Schwimm-Großmächten wie den Vereinigten Staaten oder Australien. In der Weltrangliste geben andere Nationen den Ton an, deutsche Schwimmer in Spitzenpositionen sind rar. Und doch steht da diese Zielvereinbarung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund im Raum, in der von sechs Medaillen in den Beckenwettbewerben die Rede ist - davon zwei goldenen. Mit konkreten Prognosen für die Spiele in London hält sich die DSV-Führung freilich seit längerem zurück. „Wir werden unser Bestes geben, und dann werden wir sehen, was das wert ist“, sagt Diagnostik-Bundestrainer Markus Buck.

          Lockerheit, Zuversicht, Vorfreude

          Keine leichte Ausgangslage für das Großprojekt Olympia, und deshalb ist der Eindruck umso erstaunlicher, den das deutsche Team in den Tagen vor dem Start der Schwimmwettbewerbe am Samstag macht. Keine Spur von Tristesse, stattdessen kollektive Lockerheit, Zuversicht, Vorfreude. Schon bei der EM Ende Mai in Debrecen war die DSV-Abordnung durch große Geschlossenheit und starken Teamgeist aufgefallen - nicht nur im Becken, auch beim Anfeuern auf der Tribüne. Britta Steffen sprach angesichts der prächtigen Atmosphäre beim EM-Gold der 4 x 100-Meter-Freistilstaffel von einem ihrer schönsten Staffelrennen überhaupt. „Es ist ein sehr enger Zusammenhalt entstanden“, beschreibt Buck die Entwicklung, und Britta Steffen bestätigt das mit der Erfahrung von drei Olympischen Spielen im Rücken: „Ich habe es selten erlebt, dass ein Team in so kurzer Zeit so zusammengewachsen ist.“

          Sie hätten viel kommuniziert im Team, sagt Buck, vor allem der Austausch zwischen den Erfahrenen und den Olympia-Debütanten ist intensiver, als er das etwa 2008 in Peking war. „Es gibt nicht mehr so starke Hierarchien im Team“, sagt Britta Steffen, die das selbst als junge Athletin bei ihren ersten Spielen noch ganz anders erlebt hat. Die Atmosphäre hänge „natürlich auch immer von den Größeren ab“, sagt die Doppel-Olympiasiegerin. „Wenn du die Kleineren mitnimmst, ist das ganz anders, als wenn du das nur alleine durchziehst und die anderen hängenlässt. Das haben wir alle versucht, sowohl Sarah Poewe als auch ich. Und du merkst, wie dankbar die anderen dafür sind; dass sie plötzlich selbst Leistungen abrufen, von denen du vorher nicht gedacht hast, dass sie das schaffen könnten.“

          Goldene Staffel: Die deutschen Europameisterinnen im Freistil gelten auch in London als Medaillenkandidatinnen Bilderstrecke

          Einer der Olympia-Neulinge, die fast zwei Drittel des deutschen Schwimm-Teams ausmachen, ist Silke Lippok. Die 18 Jahre alte Pforzheimerin, EM-Zweite über 200 Meter Freistil und Staffel-Europameisterin, hat mit ihrer Zimmerkollegin Sarah Poewe oft über die richtige mentale Vorbereitung gesprochen. Die 29 Jahre alte Brustspezialistin, in London zum vierten Mal bei Olympia, machte auf all die kleinen Dinge aufmerksam, die bei den Spielen über Erfolg oder Misserfolg mitentscheiden können - „dass man nicht am ersten Tag sich selber verliert vor lauter Schauen, dass ich ganz bei mir bleibe, mich nicht von den gigantischen äußeren Einflüssen beeindrucken lasse“, so Silke Lippok. Die entspannte Art im deutschen Team so kurz vor dem Vier-Jahres-Höhepunkt hat sie überrascht. „Persönlich habe ich das Gefühl, die Stimmung ist viel besser als bei der WM 2011 in Schanghai“, sagt Silke Lippok.

          Zusammenhalt, Gemeinschaftsgefühl, Teamgeist

          Es wirkt ganz so, als wolle das DSV-Team den vielen sportlichen Unwägbarkeiten bei den Spielen in London mit der Kraft des Kollektivs, mit innerem Zusammenhalt, Gemeinschaftsgefühl und Teamgeist trotzen. „Es wird ein Kampf, von Anfang an, das haben wir allen gesagt“, so Buck - weil man schwer einschätzen kann, wie sich die jüngeren Athleten bei ihrem ersten olympischen Auftritt schlagen, und weil selbst eine etablierte Größe wie Weltrekordhalter Paul Biedermann, der am Samstag über 400 Meter Freistil zum ersten Mal antritt, angesichts der gewaltigen Konkurrenz auf seiner Spezialstrecke 200 Meter Freistil schwer zu kämpfen hat. Doch gerade Biedermann lebt mit seiner Wettkampf-Mentalität und der Zweikampf-Stärke die Lust an der direkten Auseinandersetzung auf höchstem Niveau beispielhaft vor.

          Es ist eine Art „Projekt Wundertüte“, das die Deutschen in London erwartet, und dafür scheint die Herangehensweise des Teenagers Silke Lippok nicht die schlechteste. „Das Wichtigste, was Sarah Poewe zu mir gesagt hat, war: ,Hab Spaß!’“, sagt sie. „Wenn man Spaß hat, kann man das auch ins Wasser bringen, dann kommen auch gute Ergebnisse raus.“ Das erinnert an die unbeschwerte, selbstbewusste Art, wie sie amerikanische Schwimmstars so gerne bei großen Titelkämpfen ausstrahlen, wie sie etwa auch die 17 Jahre alte Senkrechtstarterin Missy Franklin perfekt verkörpert. Und das sind ja nicht die schlechtesten Vorbilder.

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