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Hilfe vor Olympia 2016 : Den deutschen Schwimmern geht ein Licht auf

  • -Aktualisiert am

Schwimm-Weltmeister Marco Koch trainiert mit spezieller Lichttherapie für Olympia. Bild: dpa

Ein Trick gegen die innere Uhr: Spezielle Lampen sollen den deutschen Schwimmern bei Olympia in Rio helfen. Schon in der Vorbereitung gab es spezielle Maßnahmen. Doch die gefielen nicht jedem.

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          Als Schwimm-Weltmeister Marco Koch zuletzt in den Flieger Richtung Olympia-Camp im südbrasilianischen Ort Florianópolis stieg, hatte er zusätzlich ein kleines Köfferchen dabei. Darin: Tageslicht, oder besser gesagt: eine speziell auf ihn eingestellte Lampe, die das Tageslicht imitieren soll. Denn bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro müssen sich die Beckenschwimmer nicht nur darauf einstellen, dass ihre Abendabschnitte aufgrund der Primetime-Wünsche des nordamerikanischen Fernsehmarktes erst um 22 Uhr beginnen. Hinzu kommt, dass die Sommerspiele in den brasilianischen Winter fallen, die Sonne also bereits um 17.30 Uhr untergeht.

          Zeitplan & Termine für Olympia 2016 in Rio de Janeiro

          Der sogenannte circadiane Rhythmus, unsere innere Uhr, ist darauf ausgelegt, uns in der Dunkelphase ein Optimum an Erholung und in der Tageslichtphase ein Leistungshoch zu ermöglichen. Er bestimmt, wann wir schlafen, beschert uns die Frühjahrsmüdigkeit, erklärt, warum wir im Winter öfter krank sind. Für Olympia müssen die Schwimmer an dieser Uhr drehen: Vorläufe mittags ab 13 Uhr, Mittagessen gegen 18 Uhr, um 22 Uhr dann die Abendabschnitte, Abendbrot um ein Uhr nachts, schlafen bis 10 Uhr.

          „Der Körper darf dabei aber auf keinen Fall in die Winterzeit verfallen“, sagt Chefbundestrainer Henning Lambertz. „Dann hätte er das Gefühl, er muss viel schlafen. Und das geht nicht.“ Doch Licht ist eben nicht gleich Licht. Neonröhren erhellen zwar den Speisesaal zum späten Mittagessen, ohne die Signale des Tageslichts denkt das Hirn dennoch, es sei bald Schlafenszeit. Daher hat der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) speziell entwickelte Lampen im Gepäck, eine Anschaffung „im niedrigen fünfstelligen Bereich“ (Lambertz), von der sich der DSV einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz erhofft.

          Ein Teil der Lampen soll mit einer Basiseinstellung für das gesamte Team sommerliche Gefühle auslösen. Da jede innere Uhr aber auch etwas anders tickt, schickte der DSV darüber hinaus seine Spitzenkräfte ins Schlaflabor. An der Berliner Charité sollte zunächst der jeweilige Leistungshöhepunkt des Sportlers gefunden werden. Anschließend galt es, bestimmte Parameter festzulegen, um die Rhythmik mittels individueller Lichttherapie verschieben und auf die jeweiligen Startzeiten des Schwimmers punktgenau aussteuern zu können. Eine aufwendige Maßnahme, die zu diesem Zeitpunkt nicht bei jedem gut ankam.

          Schlafen in schmalen Klinikbetten, mit Elektroden am Kopf, einer rektalen Temperatursonde sowie unterschiedlichen Beleuchtungsmustern, dazu vier Stunden vor- und nachher kognitive Tests, „das war nicht gerade erholsam“, befand etwa Medaillenkandidat Koch. Außerdem habe er selbst in den Tagen danach noch sehr schwergetan im Wasser, den geplanten Start bei den German Open in Berlin Anfang Juli hätte man auch deswegen abgesagt.

          Schmetterlingspezialistin Franziska Hentke fühlte sich in ihrer Trainingsvorbereitung gestört.
          Schmetterlingspezialistin Franziska Hentke fühlte sich in ihrer Trainingsvorbereitung gestört. : Bild: AP

          Bei Schmetterlingspezialistin Franziska Hentke hätten die drei Nächte im Labor indes die Vorbereitung auf das aktuelle Höhentrainingslager gestört. „Man muss das immer gut vorbereiten, um die gewünschten Effekte zu erzielen“, sagte Trainer Bernd Berkhahn: „Die verlorenen Tage holt man nicht wieder auf.“ Statt eines Tagesablaufs von 13 Stunden mit drei Trainingseinheiten habe Hentke an jenen fünf Tagen nur fünf Stunden Zeit gehabt. Und: „Franziska kam da raus und war richtig geplättet, da konnte man keine Leistungen mehr abfordern.“

          Kraul-Ass Florian Vogel, als Teil der aussichtsreichen 4×200-Meter-Freistilstaffel ebenfalls ausgewählt, hat seinen Aufenthalt gar nach einer Nacht abgebrochen, Weltrekordhalter Paul Biedermann sich gleich ganz dagegen entschieden. „Das hätte nur Stress bedeutet“, sagte Trainer Frank Embacher. „Und dann hätte er ja nur einmal Wassertraining machen können, das wollten wir jetzt nicht mehr.“

          Die Kritik geht dabei weniger gegen die Idee an sich. Auch Koch, der nun eines von sechs individuellen Lichtköfferchen mit nach Brasilien nimmt, sagt: „Ich hätte es nicht gemacht, wenn ich nicht gedacht hätte, dass es danach besser funktioniert.“ Er habe bei den Tests durchaus festgestellt, dass einige Dinge unter bestimmten Lichtverhältnissen besser funktionieren. „Und das heißt dann ja auch, dass mein ganzer Körper besser funktioniert.“ Koch glaubt sogar, dass er eine Sekunde im Rennen werde gutmachen könnten. Nicht im Blick auf seine Bestzeit, aber es könne eben sein, dass diese Lichttherapie die eine Sekunde wettmachen könne, die er vielleicht durch die Umstellung langsamer wäre. „Jetzt hoffe ich nur, dass es am Ende mehr nutzt, als es genervt hat.“

          Weltrekordhalter Paul Biedermann in der Vorbereitung für die Olympischen Spiele.
          Weltrekordhalter Paul Biedermann in der Vorbereitung für die Olympischen Spiele. : Bild: Reuters

          Denn die Kritik von Trainern und Schwimmern richtet sich vielmehr gegen den gewählten Zeitraum wenige Wochen vor den Olympischen Spielen. Das aber liege vor allem daran, dass es im Bereich der Schlafforschung bis zuletzt nur sehr wenig belastbare Daten gegeben habe. „Und die lassen sich auch nicht so einfach auf Leistungssportler übertragen“, sagt Verbandsarzt Michael Ehnert, der erstmals im November auf den Somnologen Dieter Kunz und dessen Arbeit aufmerksam wurde. „Die Forschung war schlicht noch nicht so weit.“ Auch die tageslichtimitierende Technik sei so noch gar nicht vorhanden gewesen: „Eine Lichtquelle mit dieser hohen Imitation zu bauen ist völlig neu.“

          Dass die Schlaflaborphasen zu einem „absolut ungünstigen Zeitpunkt“ angesetzt wurden, räumt auch Henning Lambertz ein. Aber der Sportwissenschaftler sagt auch: „Uns war klar, dass das leistungseinschränkend sein kann, aber wir haben auch gesagt, jeder muss für sich selbst abwägen, ob er die Chance ergreifen will, aus drei Tagen am Ende einen Riesenvorteil zu ziehen oder nicht.“ Lambertz ist sich sicher, dass die Nächte im Labor keine negativen Auswirkungen haben werden. Im Gegenteil: „Es war ein hoher Aufwand, der aber am Ende auch einen hohe Ertrag haben wird.“

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