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Deutsche Schwimmer : Abtauchen mit Ansage

London war keine Reise wert: Schwimm-Paar Britta Steffen und Paul Biedermann Bild: dpa

Aufruhr bei den erfolglosen Schwimmern - auch alte Rechnungen werden nun beglichen. Dabei geht es um neue Konzepte. Und um die Bereitschaft aller Beteiligten, aufeinander zuzugehen.

          Natürlich kommen jetzt all die guten Ratschläge. Von Leuten, die genau wissen, was im Argen liegt im deutschen Schwimmsport und wie er wieder in Schwung kommt, es müsste sie halt nur einer fragen. Es fragt sie aber keiner, und wenn doch, dann ist es einer von der Zeitung, und dann steht da: „Unsere Athleten haben keinen Pepp, keinen Mumm.“ Und: Die Schwimmer brauchen einen, „der sagt: Ich bin hier der Diktator“. Das sagt Roland Matthes, er ist viermaliger Schwimm-Olympiasieger, für die DDR. Egal, was der deutsche Schwimmsport wirklich braucht: Solche Ratschläge braucht er nicht.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die deutschen Beckenschwimmer sind bei den Olympischen Spielen in London ohne Medaille geblieben - am Samstagabend schrammte Britta Steffen auch im Finale über 50 Meter Freistil beim Sieg der Niederländerin Ranomi Kromowidjojo als Vierte um sieben Hundertstelsekunden knapp am Podium vorbei. Jetzt ist die Aufregung groß, Untergangsszenarien werden ausgemalt, alte Rechnungen beglichen, Fehden wieder aufgenommen. Wann auch, wenn nicht jetzt, bei Olympia, wo die Aufmerksamkeit für das Schwimmen so groß ist wie sonst nie. So forderte Dirk Lange schon personelle Konsequenzen von den Verantwortlichen im Verband. Lange war bis Ende vergangenen Jahres Bundestrainer gewesen - dann schied er im Streit.

          An dem Abend, als in London Britta Steffen über 100 Meter Freistil ausscheidet, die Doppel-Olympiasiegerin 2008, steht der Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV), Lutz Buschkow, in den Katakomben des Aquatics Centre. Buschkow ist einer der Verantwortlichen, es brodelt in ihm. Er ärgert sich, dass die Medien nur Medaillen zählten, vierte, fünfte, sechste Plätze keine Anerkennung fänden.

          Es gibt Gründe für den Abwärtstrend

          Was die Frage nach den Ursachen der Misere angeht, sagt er nur, die Trainer würden jetzt erst mal alles analysieren: „Was haben wir für Fehler gemacht?“ Was seine eigene Zukunft im DSV angeht, stellt er klar: „Wenn man in solchen Situationen Entschlüsse fasst, sind’s meist die falschen. Man sollte in Ruhe überlegen, wie es weitergeht.“

          Ursachenforschung: Leistungssportdirektor Lutz Buschkow (r.) und Steffens Trainer Norbert Warnatzsch Bilderstrecke

          Mit der Ruhe ist es im Moment schwierig. Dabei kommt die magere Ausbeute in London nicht aus heiterem Himmel. Es ist ein Abtauchen mit Ansage. 2008, bei den Spielen in Peking, waren Britta Steffens zwei goldene die einzigen Medaillen, Finalteilnahmen waren noch seltener als jetzt; 2007 gab es bei der WM in Melbourne vier Medaillen, aber keinen Titel, erstmals in der Geschichte von Schwimm-Weltmeisterschaften. Das so ertragreiche Hochfest der Hightech-Anzüge bei der WM 2009 in Rom verstellte da nur den Blick auf die Realitäten. In Wahrheit läuft die Suche nach der Erfolgsformel im deutschen Schwimmsport seit langem. Und eine Lösung ist nicht in Sicht.

          Es gibt Gründe für den Abwärtstrend: die breitere Weltspitze, den Aufstieg asiatischer Schwimmer, die intensive Förderung in anderen Ländern. „Es gibt kaum eine Sportart, in der es härter ist, eine Medaille zu gewinnen, als im Schwimmen.“ Das sagt keine deutsche, sondern eine britische Schwimmerin, die Doppel-Olympiasiegerin Rebecca Adlington.

          Andererseits ist es so, dass viele deutsche Schwimmer in London unter ihren Möglichkeiten blieben - sei es, weil die Form nicht passte, die mentale Belastung zu groß war, die Wettkampfhärte fehlte. Schwimmtraining ist eine sehr individuelle Angelegenheit; was bei dem einen funktioniert, muss für den anderen noch lange nicht passen. Das fängt beim Höhentraining an und hört beim Mentaltrainer auf.

          Bedungungen werden schwieriger

          Darum werden forsche Pauschalurteile der Sache selten gerecht. Die Ergebnisse legen nahe, dass der Faktor Olympia-Erfahrung in London eine Rolle gespielt hat: Nur sieben der 27 deutschen Schwimmer waren schon mal bei Spielen dabei, doch sie waren oft erfolgreicher als die Neulinge - Athleten wie Helge Meeuw, der über 100 Meter Rücken Sechster wurde. Oder wie Steffen Deibler.

          Freitagabend, Finale über 100 Meter Schmetterling, vor 17.000 Zuschauern. Es ist das letzte Einzelrennen in der Karriere des Überschwimmers Michael Phelps. Deibler schwimmt auf Bahn sieben, er hält sich lange an der Spitze, bis Phelps dann doch vorbeifliegt. Am Ende wird Deibler Vierter. Es ist sein viertes starkes Rennen bei Olympia, er ist perfekt in Form. Danach sagt er: „Ich bin hierher gefahren, um mir meinen Traum vom olympischen Einzelfinale zu erfüllen.“

          Dass dabei keine Medaille herauskam - schade. Aber mehr auch nicht. Es war ein packendes Rennen, es bot alles, was Schwimmsport spannend, interessant, attraktiv macht. Deibler galt lange als großes Talent, immer wieder aber war irgendwas dazwischengekommen. Jetzt sagt er, es seien „schöne Olympische Spiele“ gewesen für ihn.

          Es gibt auch hinter den Frontfiguren Britta Steffen und Paul Biedermann Potential bei den deutschen Schwimmern. „So schlecht, wie die Mannschaft jetzt geredet wird, ist sie nicht“, sagt Petra Wolfram, „das wird ihr nicht gerecht.“ Petra Wolfram ist die Trainerin von Steffen Deibler, und jetzt wollen natürlich alle wissen: Warum klappt es bei Deibler und bei vielen anderen nicht? Man könne das nicht vergleichen, sagt sie, zu unterschiedlich sind die Trainingskonzepte, zu viele Faktoren spielen mit rein. „Schwimmen ist nun mal eine Individualsportart.“ Klar ist für Petra Wolfram aber eins: „Wir können nicht von den alten Zeiten ausgehen und glauben, dass wir selbstverständlich die Medaillen einheimsen. Wir müssen andere Maßstäbe setzen, realistischer werden.“

          Zumal die Bedingungen für den Nachwuchs nicht einfacher werden, durch das achtjährige Gymnasium etwa, das einer trainingsintensiven Sportart wie Schwimmen nicht gerade zugutekommt. Würden jetzt, nach den Spielen, noch die Mittel gekürzt, sagt Petra Wolfram, „wäre das die falsche Richtung“.

          Das heißt nicht, dass der DSV alles richtig gemacht hat. Die Entscheidung etwa, nach der Trennung von Lange ohne Schwimm-Bundestrainer nach London zu fahren, hat sich nicht bewährt. Ein starker Cheftrainer könnte da neue Impulse geben. Zuletzt scheiterten freilich in Lange und Örjan Madsen, so unterschiedlich die Fälle liegen, zwei international renommierte Schwimmexperten im DSV, am DSV - nicht gerade eine Einladung für namhafte Interessenten. Soll jetzt wirklich ein neuer Anfang gemacht werden, müssten alle Beteiligten bereit sein, aufeinander zuzugehen: Athleten, Heimtrainer, Stützpunkttrainer, Cheftrainer und DSV-Führung.

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