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Deutsche Schwimmer : Abtauchen mit Ansage

Andererseits ist es so, dass viele deutsche Schwimmer in London unter ihren Möglichkeiten blieben - sei es, weil die Form nicht passte, die mentale Belastung zu groß war, die Wettkampfhärte fehlte. Schwimmtraining ist eine sehr individuelle Angelegenheit; was bei dem einen funktioniert, muss für den anderen noch lange nicht passen. Das fängt beim Höhentraining an und hört beim Mentaltrainer auf.

Bedungungen werden schwieriger

Darum werden forsche Pauschalurteile der Sache selten gerecht. Die Ergebnisse legen nahe, dass der Faktor Olympia-Erfahrung in London eine Rolle gespielt hat: Nur sieben der 27 deutschen Schwimmer waren schon mal bei Spielen dabei, doch sie waren oft erfolgreicher als die Neulinge - Athleten wie Helge Meeuw, der über 100 Meter Rücken Sechster wurde. Oder wie Steffen Deibler.

Freitagabend, Finale über 100 Meter Schmetterling, vor 17.000 Zuschauern. Es ist das letzte Einzelrennen in der Karriere des Überschwimmers Michael Phelps. Deibler schwimmt auf Bahn sieben, er hält sich lange an der Spitze, bis Phelps dann doch vorbeifliegt. Am Ende wird Deibler Vierter. Es ist sein viertes starkes Rennen bei Olympia, er ist perfekt in Form. Danach sagt er: „Ich bin hierher gefahren, um mir meinen Traum vom olympischen Einzelfinale zu erfüllen.“

Dass dabei keine Medaille herauskam - schade. Aber mehr auch nicht. Es war ein packendes Rennen, es bot alles, was Schwimmsport spannend, interessant, attraktiv macht. Deibler galt lange als großes Talent, immer wieder aber war irgendwas dazwischengekommen. Jetzt sagt er, es seien „schöne Olympische Spiele“ gewesen für ihn.

Es gibt auch hinter den Frontfiguren Britta Steffen und Paul Biedermann Potential bei den deutschen Schwimmern. „So schlecht, wie die Mannschaft jetzt geredet wird, ist sie nicht“, sagt Petra Wolfram, „das wird ihr nicht gerecht.“ Petra Wolfram ist die Trainerin von Steffen Deibler, und jetzt wollen natürlich alle wissen: Warum klappt es bei Deibler und bei vielen anderen nicht? Man könne das nicht vergleichen, sagt sie, zu unterschiedlich sind die Trainingskonzepte, zu viele Faktoren spielen mit rein. „Schwimmen ist nun mal eine Individualsportart.“ Klar ist für Petra Wolfram aber eins: „Wir können nicht von den alten Zeiten ausgehen und glauben, dass wir selbstverständlich die Medaillen einheimsen. Wir müssen andere Maßstäbe setzen, realistischer werden.“

Zumal die Bedingungen für den Nachwuchs nicht einfacher werden, durch das achtjährige Gymnasium etwa, das einer trainingsintensiven Sportart wie Schwimmen nicht gerade zugutekommt. Würden jetzt, nach den Spielen, noch die Mittel gekürzt, sagt Petra Wolfram, „wäre das die falsche Richtung“.

Das heißt nicht, dass der DSV alles richtig gemacht hat. Die Entscheidung etwa, nach der Trennung von Lange ohne Schwimm-Bundestrainer nach London zu fahren, hat sich nicht bewährt. Ein starker Cheftrainer könnte da neue Impulse geben. Zuletzt scheiterten freilich in Lange und Örjan Madsen, so unterschiedlich die Fälle liegen, zwei international renommierte Schwimmexperten im DSV, am DSV - nicht gerade eine Einladung für namhafte Interessenten. Soll jetzt wirklich ein neuer Anfang gemacht werden, müssten alle Beteiligten bereit sein, aufeinander zuzugehen: Athleten, Heimtrainer, Stützpunkttrainer, Cheftrainer und DSV-Führung.

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