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Deutsche Olympia-Bilanz : Den Goldkurs verloren

Nur noch Leere und Niedergeschlagenheit: das deutsche Hockeyteam Bild: Getty

Die Olympiamannschaft kehrt von den Spielen in Tokio mit 37 Medaillen heim. Weniger gewann sie zuletzt 1956 in Melbourne. Wie wollen die Sportorganisationen reagieren?

          4 Min.

          Bilanzpressekonferenzen des deutschen Teams zum Abschluss von Sommerspielen sind in der Regel nüchterne Zahlenspiele mit Tendenz zur Schönrednerei. Am Samstag ging es zuerst um Menschliches und Unmenschliches. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, attackierte den Weltverband der Fünfkämpfer, geführt vom Landsmann Klaus Schormann. Er sprach am Samstagmittag Ortszeit von „inakzeptablen“ Regeln und „eklatanten Mängeln des Regulierens“, bevor er eine Art Suspendierung von Bundestrainerin Kim Raisner aussprach: kein Auftritt beim Wettbewerb am Nachmittag zu ihrem „Schutz“.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Raisner hatte ihre verzweifelte, auf Goldkurs liegende Athletin Annika Schleu vor laufender Kamera aufgefordert, das im Springparcours völlig verängstigte, sich verweigernde Pferd mit der Peitsche zu bearbeiten, und dem Tier auf den Hintern gehauen. Ein schrecklicher Shitstorm erfasste Reiterin und Trainerin. Der Weltverband entzog Raisner später die Akkreditierung, jagte sie mit Schimpf und Schande für ein Verhalten davon, das er, sehenden Auges, provoziert hatte.

          Hörmann, Leiter der deutschen Delegation, wies zum Finale der Spiele so ungewollt wie indirekt noch einmal auf den ewigen Konflikt hin. Auf die Abhängigkeit von Athleten in den Sportsystemen, auf den gewaltigen Druck, den eigenen Erwartungen, aber auch denen anderer gerecht werden zu wollen, zu müssen. Wer ist so stark, im entscheidenden Moment zu wissen, was zu tun, vor allem, was zu lassen ist?

          Vor den Spielen hatte Hörmann immer wieder den Eindruck erweckt, die Medaillenausbeute sei nicht das Wichtigste. Er sprach gern von einer Fairplay-Wertung, vom guten Eindruck, den sein „Team D“ hinterlassen sollte. Das hätten sie, erklärte er am Samstag: „Großartige Botschafter.“ Leider nicht alle. Eine Entgleisung des Radsportfunktionärs Patrick Moster reichte, um die rund 430 Deutschen für Tage in ein schlechtes Licht zu rücken. Er nannte Radprofis aus Eritrea und Algerien „Kameltreiber“. Diese Diskriminierung betrachtete Hörmann am Samstag, gut zehn Tage nach dem Vorfall, als „rassistische Aussagen“.

          Er selbst hatte Moster zunächst im Team halten wollen und erst einen Tag später unter Druck auch des Internationalen Olympischen Komitees verstanden, dass dieser Fall an Klarheit schon im Moment des Ausrufs während des Straßenrennens nicht zu überbieten war. Was sind das für Botschaften an die zu Botschaftern des Guten Auserkorenen? Fatale. Die Wahrnehmung von Funktionären des Sports wird auch in Deutschland das Klischee stärken und im Nachhinein diese Frage provozieren: Wäre es nicht besser gewesen, Funktionären Besuchsverbot zu erteilen und Japaner in die Stadien der Spiele zu lassen, die sie bezahlt und so glänzend organisiert haben?

          Auf die selbstverständlich vorhandene Qualität deutscher Sportgestalter wird es ankommen, aus der jüngsten Leistungsbilanz die richtigen Schlüsse zu ziehen. 37 Medaillen sind es geworden, zehn goldene, elf silberne und 16 bronzene. Ohne die komplexe Organisation des Spitzensports wäre das kaum möglich gewesen, nicht einmal dort, wo Profis wie der erste deutsche Olympiasieger im Tennis, Alexander Zverev, längst dem klassischen deutschen Fördersystem entsprungen sind. Die Mehrheit der Olympiateilnehmer sind Staatssportler, unterstützt durch Bundeswehr und Polizei auf Bundes- wie Landesebene.

          Und doch musste Dirk Schimmelpfennig, im Vorstand des DOSB für den Spitzensport zuständig, die Fortsetzung eines Trends einräumen: „Das Ergebnis ist vergleichbar mit dem von Rio, ein wenig schwächer.“ Seit 1992, als erstmals wieder ein gesamtdeutsches Team in Barcelona an den Start ging, ist die Edelmetallausbeute abgesehen von zwei Ausnahmen kontinuierlich zurückgegangen: von 82 über 65 (Atlanta 1996) auf 56 (Sydney 2000), 49 (Athen 2004), 41 (Peking 2008) nun auf 37. Mit Sicherheit wären die Resultate teilweise korrigiert worden, wenn es damals schon intensive Nachtests auf Doping gegeben hätte.

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