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Deutsche Fußballfrauen : Rückwärts ins Finale

Der Olympiasieg ist möglich: Die deutschen Fußballfrauen mit Leupolz, Behringer und Mittag stehen im Finale Bild: AP

Als Königinnen des Minimalismus ziehen die deutschen Fußballfrauen ins olympische Endspiel ein. Schweden, der Gegner am Freitag im Maracanã, hat das destruktive Spiel perfektioniert.

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          Ein halbwegs gutes Spiel reicht für ein olympisches Finale: Die deutschen Fußballfrauen erweisen sich bei den Olympischen Spielen dieser Tage als Königinnen des Minimalismus. Eine kleine Leistungssteigerung gegen Kanada nach zuvor sehr durchwachsenen Leistungen im Turnierverlauf führte im Halbfinale nach Toren von Melanie Behringer (21. Minute) und Sarah Däbritz (59.) zu einem 2:0-Sieg gegen jenen Gegner, dem das Team vor einer Woche im letzten Vorrundenspiel noch 1:2 unterlegen war.

          „Das ist ein wahnsinniges Gefühl. Wir wissen alle, dass wir gerade Geschichte geschrieben haben“, sagte Bundestrainerin Silvia Neid dennoch nach dem Erfolg in Belo Horizonte: „Ich bin total stolz auf meine Mannschaft.“ Bei ihrer Bewertung des größten olympischen Erfolgs der deutschen Fußballfrauen nach bislang drei Bronzemedaillen verschwieg die Bundestrainerin freilich die Magerkost auf dem Platz. Der deutsche Frauenfußball ist in Brasilien erfolgreich, und das Team hat nach einer olympischen Rundreise über Sao Paulo, Brasilia und Belo Horizonte das Traumziel von ein paar Tagen Olympia-Gefühl im olympischen Dorf mit dem Endspiel am Freitag gegen Schweden im Maracanã-Stadion erreicht.

          Abgeklatscht: Bundestrainerin Silvia Neid und Spielführerin Saskia BArtusiak könnten den letzten fehlenden Titel erringen

          Aber tatsächlich setzt sich die sportliche Rückentwicklung des deutschen wie des globalen Frauenfußballs fort. Schon die WM in Kanada wurde angesichts von vielen torarmen und wenig offensivfreudigen Spielen als Rückschritt für das weibliche Fußballspiel bewertet. Und auch das deutsche Team hat die erhofften Fortschritte nicht geschafft, die mit der Umstellung auf ein 4-3-3-System verbunden waren. Mit etwas mehr Raum für Kreativspielerinnen wie Dzsenifer Marozsan erhoffte sich Neid mehr spielerische Lösungen am gegnerischen Strafraum. Guten Ideen blieben aber rar.

          Den Angstgegnern entgangen

          Das Finale in Rio ist nun das passende Ende eines sportlich schwachen, von der Organisation her merkwürdigen Turniers. Der Modus brachte im Halbfinale zwei Spiele, die bereits wenige Tage zuvor in der Vorrunde bestritten wurden. Das deutsche Team entging auch deshalb den drei gefürchteten Gegnern aus Frankreich, Brasilien und den Vereinigten Staaten.

          Bis auf Brasilien haben sich allerdings auch diese Top-Teams spielerisch kaum kreativer gezeigt als Deutschland, das sich im Turnierverlauf immerhin langsam gesteigert hat. Die Schwedinnen pflegten mit ihrer Defensivtaktik einen geradezu destruktiven Fußball. Der Lohn: Trotz einer 1:5-Vorrundenniederlage gegen Brasilien haben sie nun die Chance, als einer der glücklich weitergekommenen Vorrundendritten Champion zu werden. Die K.-o.-Spiele gewannen sie jeweils im Elfmeterschießen gegen die Turnierfavoriten aus den Vereinigten Staaten und Brasilien.

          So entgeht Silvia Neid mit ihrem Team auch einem brisanten Finale gegen Brasilien. Die Bundestrainerin hatte die Gastgeber irritiert, als sie vor dem Halbfinale ein Elfmeterschießen unter Buhrufen der Teambetreuer üben ließ. Neid wollte damit die vermeintlich anti-deutsche Stimmung im Stadion simulieren. Eine solche erwartete Neid wegen des für die Brasilianer demütigenden 7:1-Siegs der deutschen Männer bei der WM 2014 am selben Ort – tatsächlich fand das Spiel vor sehr kleiner Kulisse statt und wurde von den Brasilianern eher ignoriert.

          Gegen den Lieblingsgegner im Finale

          Bei den Finalgegnerinnen aus Schweden muss die Bundestrainerin nun keine Ressentiments fürchten. Die Teams respektieren sich und sind sich schon oft begegnet. Die schwedische Trainerin Pia Sundhage ist zudem eine Weggefährtin Neids, beide duellierten sich schon als Spielerinnen mehrfach und schätzen einander. Und Schweden ist zudem der absolute Lieblingsgegner: Seit einem WM-Vorrundenspiel im Jahr 1995, bei dem Neid auf dem Platz stand und Sundhage ein Tor erzielte, hat Deutschland neun Pflichtspiele in Serie bei WM, EM oder Olympia gewonnen.

          „Die sind nicht erfreut, gegen uns zu spielen. Ich persönlich spiele gerne gegen Schweden. Schweden liegt uns“, sagt auch Melanie Behringer, eine der wenigen bislang überzeugenden deutschen Spielerinnen. Es spricht also viel dafür, dass die deutschen Fußballfrauen Silvia Neid nach einem durchwachsen begonnenen Turnier den perfekten Abschied aus dem Bundestraineramt bescheren könnten.

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