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Deutsche Olympia-Boxer : Die Väter dürfen nicht traurig sein

  • -Aktualisiert am

Hamsat Shadalov (rot) will in Tokio seine Familie stolz machen. Bild: dpa

Beim olympischen Boxturnier vertreten zwei Zuwanderersöhne die deutschen Farben. Dass Ammar Riad Abduljabbar und Hamsat Shadalov jetzt in Tokio in den Ring steigen, hat auch mit ihren Vätern zu tun.

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          Ach, hätten doch nur alle diese Entschlossenheit, diesen kompromisslosen Drive: So in etwa klingt die meistgehörte Sprachwendung, wenn im A-Kader des Deutschen Boxverbands (DBV) von Ammar Riad Abduljabbar die Rede ist. Im Sonderlob für das im Irak geborene Hamburger Schwergewicht (bis 91 Kilogramm) schwingt allerdings auch eine Einschränkung mit: Von dessen technischen Qualitäten schwärmt im Trainerstab niemand. Was das betrifft, gilt weiter das Prädikat „Luft nach oben“.

          Ach, hätten doch nur alle diese mustergültige Technik, dieses unbestechliche Distanzgefühl: So in etwa klingt die meistgehörte Sprachwendung, wenn die Rede auf Hamsat Shadalov kommt. Aber auch in dem Sonderlob für das Berliner Federgewicht (bis 57 Kilogramm) mit tschetschenischen Wurzeln ist eine Einschränkung versteckt: Trotz der Ausnahmebegabung schien ihm öfter die Cleverness, die letzte Überzeugung von sich zu fehlen, um sich in internationalen Turnieren durchzukämpfen.

          Große Willenskraft

          Nun aber sind beide, der bullige Kraftsportler wie der filigrane Stilist, in Japan angelangt. Zusammen mit Nicole Apetz (Federgewicht Frauen) machen sie die kleine deutsche Faustkämpfer-Staffel aus, die Ende Juni Quartier in Miyazaki bezog, um dort das letzte Trainingslager abzuhalten. Und die von nun an in einer Arena im Norden Tokios mit 286 anderen Startern aus 80 Nationen (plus Refugee Team) um olympische Medaillen kämpft.

          Für den uralten Sport ist das schon deshalb ein Erfolg, weil die Entscheider im IOC ihn aus Verärgerung über korrupte Strukturen im Weltverband AIBA sowie häufige Fehlentscheidungen beinahe aus dem Programm geworfen hätten – und dann Qualifikation wie Endturnier in die Hände einer speziellen Taskforce legten. So etwas ist in der 117-jährigen Boxhistorie im Zeichen der fünf Ringe einmalig. Ähnlich zählt auch für Abduljabbar und Shadalov, dass sie es überhaupt bis hierhin geschafft haben. Was vielleicht einiges über die Willenskraft von Athleten aussagt, die weite Wege hinter sich haben.

          Boxt gern offensiv: Ammar Abbas Abduljabbar
          Boxt gern offensiv: Ammar Abbas Abduljabbar : Bild: dpa

          „Du möchtest doch bestimmt noch eine Weile leben“, mahnten die Trainer gelegentlich, wenn Abduljabbar, 25 Jahre alt, über seinem Vorwärtsdrang mal wieder vergaß, im Ring die Hände hochzuhalten. Der vorbehaltlose Angriff war so etwas wie sein Markenzeichen, als er für die Hamburger Giants erfolgreich in der Zweiten Bundesliga boxte. Bei größeren Turnieren kommt er erst weiter, seit er mehr und mehr den Kopf benutzt.

          „Ich hatte kein Talent“

          In Tokio dabei zu sein grenzt an ein Wunder für einen, der vor zehn Jahren das erste Mal Handschuhe übergestreift hat – und das, was er da tat, zunächst nicht mochte. „Es war mir zu anstrengend, ich hatte kein Talent“, bilanziert er die ersten Selbstversuche bald nach der aufreibenden Flucht aus dem Irak. „Aber dann hab ich gedacht: Dein Vater tut alles für dich, tu das für ihn.“

          Also biss er sich in den Sport hinein, bis er ihn irgendwann doch liebte – zumal der ihm zu der Achtung verhalf, die er sich in der neuen Heimat ersehnte. Der 1,80 Meter große Athlet war maximal frustriert, als in London vor 16 Monaten die erste Qualifikation für Olympia wegen Corona abgebrochen wurde, einen Tag vor seinem ersten Kampf. Wer im Irak aber schon mit acht, neun Jahren auf Baustellen und an Marktständen gearbeitet hat, um sich und seine Geschwister durchzubringen, lässt sich davon nicht umwerfen. Und die Olympia-Teilnahme sicherte er sich Anfang Juni in Paris doch noch.

          Eine Reminiszenz an den Vater

          Shadalov hat in London mehr Glück gehabt. Er konnte sich mit einem einstimmigen Punktsieg über den irischen Europameister Kurt Walker noch so eben für Tokio qualifizieren, bevor Offizielle den Ring abbauten. Seither trägt der 22-jährige Berliner die Gewissheit mit sich, dass er es in Bestform mit jedem in der Elite aufnehmen kann, wenn er den Kampf entschlossen aufnimmt. Das hat ihm einen spürbaren Schub an Selbstbewusstsein gegeben. „Mir war in dem Moment egal, wer vor mir steht. Hätte auch ein Olympiasieger sein können“, sagt Shadalov.

          Für den Zuwanderer aus dem Kaukasus, der mit drei Jahren nach Deutschland kam, ist der Kampfsport ebenfalls eine Reminiszenz an den Vater, einen ehemaligen Judoka. Der Unterschied ist nur, dass er das tatsächlich von Anfang an liebte. Am Leistungssportzentrum in Hohenschönhausen ließ er sich das Gym auch mal außer der Reihe aufschließen, um Sondereinheiten zu absolvieren. Und im A-Kader hat er sich zu einem Hoffnungsträger entwickelt, der laut Nationalcoach Eddie Bolger „echte Chancen auf eine Medaille“ hat. „Ich bin halt ein sehr ehrgeiziger Mensch, ich will das unbedingt“, sagt er. Und: „Bei uns wird es nicht gebilligt, wenn ein Sohn seinen Vater traurig macht.“

          Es ist wohl auch kein Zufall, dass sich in den Elitekadern des deutschen Verbandes so viele hartnäckige, buchstäblich weit hergeholte Charaktere verfangen. Von den 20 Boxern und Boxerinnen, die im Frühjahr zum „Team Olympia“ des DBV zählten, haben 14 einen Migrationshintergrund. Drei von vier Medaillen, die deutsche Staffeln in diesem Jahrtausend an den Spielen abgreifen konnten, erkämpften Zuwanderer. Nun wäre es sozusagen die Kirsche auf der Torte, wenn die beiden so verschiedenen wie ähnlichen Aspiranten diese Erfolgsgeschichte verlängern könnten. Das ist auch ihr erklärtes Ziel.

          „Wenn ich das bis hierhin geschafft habe, ist alles möglich“, sagt Abduljabbar, der zunächst ein Freilos hat. Shadalov steigt an diesem Samstag (10.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia, im ZDF und bei Eurosport) ins Turnier ein, er sagt: „Ich will da oben stehen.“

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