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Christian Reitz bei Olympia : Der Ruhepol am Schießstand

  • -Aktualisiert am

Star seiner Szene: Christian Reitz zeichnet großes Selbstvertrauen aus. Bild: AP

Die Nervosität, die Christian Reitz in sich trägt, sieht ihm niemand an. Bei den Olympischen Spielen in Japan greift er wieder nach Edelmetall. Doch ein Selbstläufer wird das laut des Schützen nicht.

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          Christian Reitz’ Paradedisziplin ist der Sprint mit der Waffe. An der Schnellfeuerpistole kann der 34 Jahre alte Sportschütze des SV Kriftel seine unterschiedlichen Qualitäten über den Anschlag hinaus ausspielen. Treffliche Präzision gepaart mit antizipierender Reaktionsschnelligkeit und einem zumindest nach außen hin stahlharten Nervenkostüm haben dem gebürtigen Sachsen neben zahlreichen weiteren Erfolgen die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro eingebracht.

          Doch der vielseitig Begabte kann sich auch für Ausdauerleistungen begeistern. Mit der Luftpistole, an der bei jedem Versuch Zeit zum Feilen bleibt, war der aktuell für seinen Sport freigestellte Oberkommissar der hessischen Landespolizei auch schon Europameister.

          Zusätzliche Rollen

          Vor fünf Jahren zeigte sich der Sportler deshalb etwas „murrig“, nur für eine Disziplin nach Brasilien zu fliegen. Auch wenn das, wie Reitz im Nachhinein sagt, angesichts des finalen Ergebnisses damals vielleicht die richtige Entscheidung war. „Diesmal war es fast andersherum“, gibt der Bronzemedaillengewinner von Peking 2008 zu. Was nicht heißen soll, dass er in Japan ungern schon am Samstag in den Wettkampf gestartet war, obwohl sein Fokus abermals auf der Kurzstrecke am 1. und 2. August liegt und er es vorzieht, nicht allzu früh vor seinen Auftritten anzureisen.

          Nachdem es im Vorfeld pandemiebedingt für andere kaum Chancen gab, sich zu empfehlen, und sein Start in Asien nach frühem Durchsetzen in der nationalen Schnellfeuer-Qualifikation feststand, überließ man dem an der Zweitwaffe weiter Gewachsenen gerne auch zusätzliche Rollen im olympischen Spiel.

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          Ein fünfter Platz in einem spannenden Finale, in dem sich der Deutsche mit dem sechstplatzierten Chinesen Zhang Bowen ein Shootout lieferte, bestätigte die Wahl. Zudem konnte Reitz sich schon mal auf der temporären Anlage akklimatisieren, die speziellen Bedingungen im Ernstfall kennenlernen und daraus seine Schlüsse für seinen wichtigsten Auftritt ziehen. „Es war ein schwieriger Wettkampf“, resümierte Reitz. Es gebe diese Tage, an denen man sich in einen Wettbewerb reinkämpfen müsse. An dem die eigentlich beherrschten technischen Abläufe nicht rund liefen und man einiges dafür tun müsse, „nicht gegen den Baum zu fahren“.

          So einer sei sein olympisches Debüt mit der Luftpistole gewesen. Das Resümee war „gemischt“. Einerseits belohnte sich Reitz trotz anfänglicher Schwierigkeiten mit dem Finaleinzug, dann ließ er dort zu Beginn „zwei, drei Fehler zu“ und konnte die späteren Medaillengewinner nicht mehr einfangen. Dennoch habe er einen „guten Auftakt“ hingelegt, dem drei Tage später, am Dienstag, bei der Olympiapremiere im Mixed zusammen mit Carina Wimmer ein zwölfter Rang folgen sollte.

          Großes Selbstvertrauen

          Während die Münchnerin mit Tränen in den Augen erst mal verdauen musste, dass sie vor der Scheibe nicht zur nötigen Ruhe gefunden hatte, und sich die Hauptschuld am Verpassen des Endkampfs gab, zeigte der Mann an ihrer Seite sich gewohnt gelassen. „Auch bei mir wäre der eine oder andere Ring mehr drin gewesen“, tröstete Reitz. „Aber fürs erste Mal ist das Ergebnis in Ordnung.“ Während Wimmer noch in dieser Woche den Olympia-Regeln entsprechend nach Hause fliegt, wird ihr Partner sich in den nächsten Tagen auf seine abschließende Vorstellung ein- und umstellen.

          Als Selbstläufer sieht Reitz, der dann auch auf seinen später anreisenden Team- und Klubkollegen Oliver Geis trifft, einen weiteren Triumph nicht. „Wenn es so klappt wie in den vergangenen Wochen, sollte das Finale kein Problem darstellen“, sagt Reitz nur. Da dann sechs Leute um drei Medaillen kämpfen, sei der Weg zu Edelmetall nicht mehr weit. Hinter der Bescheidenheit blitzt bei wohlgewählten Formulierungen das große Selbstvertrauen hervor, das den mittlerweile schon langjährigen Star seiner Szene auszeichnet.

          Reitz, der gerne lebhaft und lang mit Journalisten plaudert, wirkt am Schießstand wie ein Ruhepol. Die Nervosität, die er eigenen Aussagen nach in sich trägt, sieht man ihm nicht an. Mit den mentalen Belastungen, die seine Leidenschaft mit sich bringt, kommt er bestens zurecht. Dennoch hatte er nach ein paar Jahren, in denen er neben seinem Job als Waffenhalter auch noch einen als Teilzeit-Beamter verrichtete, die Freistellung von seinen polizeilichen Aufgaben beantragt, um sich voll und ganz auf seine Leidenschaft zu konzentrieren. Als Vollprofi gemeinsam mit seiner Frau und Schützenkollegin Sandra verfügt er somit über mehr Zeit, das im Spitzenbereich auch notwendige Athletiktraining zu absolvieren.

          Bei den Spielen in Asien haben die Athleten eher zu viel Freizeit. „Wir dürfen ja, außer im Olympiadorf zu sein, nirgendwohin und nur hier aufs Gelände“, sagt Reitz mit Blick auf die Asaka Shooting Range. „Bei mir ist trotzdem noch kein Lagerkoller ausgebrochen, und ich weiß noch immer, was ich mit mir anfangen soll.“ Beispielsweise sich vom Langlauf weg wieder auf das Funktionieren aus dem Blitzstart heraus zu konzentrieren. „Aber das dauert bei mir eigentlich nie lange.“

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