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Beachvolleyball : „Wir sind ja keine Tennisspieler“

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Erfolgreich in Münster und der Welt: Karla Borger (l.) und Julia Sude Bild: Imago

Für ihren großen Traum von Olympia fliegen die Beachvolleyball-Spielerinnen Karla Borger und Julia Sude um die Welt. Jetlag und Wetterwechsel nehmen sie in Kauf - genau wie fehlendes Privatleben.

          Wer Beachvolleyballspieler ist, muss anpassungsfähig sein: „Wir haben 30 Grad weniger als bei unserem letzten Turnier“, sagt Julia Sude zur Begrüßung in Münster. Aus dem schwülheißen Malaysia, wo sie bei 36 Grad in Ballwurfweite zum Indischen Ozean einen dritten Rang auf der World Tour einspielten, reisten sie und Spielpartnerin Karla Borger zu ihrer Basisstation ins verregnete Stuttgart, um nach ein paar Trainingstagen Richtung Westfalen aufzubrechen. Stress bereitet ihnen der Wetterwechsel nicht weiter, auch wenn es das Bild der heiteren Bikini-Sportart etwas trübt. „Wir sind ja keine Tennisspieler“, spottet Julia Sude.

          Zum Auftakt der nationalen Beachtour in Münster erfüllte das Topteam, das als aussichtsreiche Kombination auf dem Weg zu Olympia 2020 in Tokio gilt, am Wochenende mit fünf klaren Zweisatzsiegen inklusive Finalerfolg gegen Anna Hoja und Stefanie Hüttermann jedenfalls die Erwartungen. Dass sie als einziges Nationalteam vor dem Schloss in Münster spielten – und es sie nicht zum Training an die Copacabana zog –, erklärte Karla Borger nach ihrem ersten Vorrundensieg am Freitag ganz locker: „Wir haben uns für die Sonne Münsters entschieden.“ Danach konnte sie sich noch mehr als zuvor der Gunst des Publikums im kühlen Westen sicher sein, zumal zum Viertelfinale am Samstag tatsächlich die Sonne hervorkam – trotz einer prognostizierten Regenwahrscheinlichkeit von 80 Prozent.

          Karla Borger gehört zur Stammbesetzung des Turniers. Sie ist zum zehnten Mal dabei, zum ersten Mal an der Seite von Julia Sude. „Münster hat Tradition“ sagen beide. Die Konkurrenz in Westfalen erreichte freilich nicht ganz das Niveau, auf dem sich Borger/Sude sonst bewegen. „Es waren viele junge Spielerinnen am Start, deren Gesichter uns noch nicht so vertraut sind,“ stellten die beiden Anfang-Dreißigjährigen fest. Sie nutzten das Training unter Wettkampfbedingungen zum Optimieren ihrer Abstimmung. Weil andere Nationalteams sich in Rio mit brasilianischen Weltklasse-Spielerinnen auf das Vier-Sterne-Turnier in Itapema vorbereiteten, entgingen die beiden Hessinnen einem Wiedersehen mit ihren ehemaligen Partnerinnen. Borger spielte die vergangenen Jahre mit Margareta Kozuch, die nun an der Seite von Olympiasiegerin Laura Ludwig aufschlägt. Sude war lange Zeit unterwegs mit Chantal Laboureur, die sich nun mit Sandra Ittlinger verband.

          Vor dem großen Teamwechsel: Karla Borger (r.) spielte zwei Jahre mit Margareta Kozuch

          Die Wechselspiele des Winters hatten Sand aufgewirbelt in der Szene, hinterließen auch manche seelische Wunde, gelten aber als abgehakt – es wird nach vorne geschaut. „Im Beach macht jede ihr Ding“, meint Karla Borger. „Man sieht sich auf Turnieren irgendwo in der Welt“, ergänzt Julia Sude. Und fertig. Die früheren Partnerinnen seien jetzt Konkurrentinnen wie jedes andere Team auch. Wobei Siege gegen Deutsche wichtiger sind als gegen andere – aber nicht wegen des Prestiges, sondern wegen der Olympia-Quote. Am Traumziel Tokio dürfen nur zwei Teams pro Nation antreten – mindestens fünf deutsche machen sich Hoffnungen. „Es wird ein tougher Wettkampf“, prognostiziert Borger, die Rio 2016 mit Britta Büthe erlebte – während Sude knapp geschlagen zu Hause bleiben musste.

          Um diesmal den Sprung nach Olympia zu schaffen, hat sie noch einmal alle verfügbaren Kräfte mobilisiert, unter anderem ihren Vater. „Papa, du musst das machen“, sagte sie im Winter – und Burkhard Sude, um die Jahrtausendwende Beach-Bundestrainer, sagte noch einmal zu. „Es ist nicht so einfach“, sagt der 61-Jährige – wobei er die Aussage nicht auf die Vater-Tochter-Konstellation bezieht. „Das ist Julia von klein auf gewohnt.“ Trainer Sude führt eine Zahnarztpraxis mit sechs Angestellten. Und die mussten zuletzt öfter auf den Chef verzichten, wenn er als Coach mit seiner Tochter um die Welt jettete.

          Julia Sude (r.) war von 2013 bis 2018 Teamgefährtin und Reisepartnerin von Chantal Laboureur

          Nach Auftritten in Australien, China und Malaysia, bei denen sich das Team kontinuierlich steigerte, stets einige Elemente im Zusammenspiel verbesserte und auch gute Resultate einspielte, legt Vater Sude in den kommenden Wochen eine Tour-Pause ein, um seinem Hauptberuf nachzugehen. Der Reise- und Spielplan des Teams bleibt dennoch ambitioniert: Von Westfalen fliegen Borger/Sude wieder nach China. Dort obliegt die Betreuung Igor Prielozny, dem zweiten Coach. Die weiteren Stationen vor der WM in Hamburg werden Ostrava und Warschau sein. Danach geht es weiter über Gstaad, Tokio und Wien zur EM nach Moskau. Und dann ist gerade mal Mitte August. „Jedes Turnier ist für sich ein Highlight“, sagen die Sportlerinnen.

          Beide haben das Glück, dass sie Jetlag kaum belastet, beide können in Flugzeugen gut schlafen, „Julia sogar zwölfeinhalb Stunden nach China“, was selbst die ebenfalls stressresistente Borger staunen lässt. Ihre Hatz um die Welt ist darauf ausgerichtet, Punkte zu sammeln. Die besten zwölf Resultate bis zum Stichtag 15. Juni 2020 zählen für Olympia. Dann wird abgerechnet. Karla Borger und Julia Sude, die sich schon seit Kindertagen kennen, als sie zusammen im Sand spielten, weil ihre Eltern Beachvolleyballer waren, sind bereit, für die Erfüllung ihres Traums im großen Sandkasten Olympias alles zu geben. Privatleben? „Haben wir nicht.“

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