https://www.faz.net/-hfn-aecsp

Goldmedaille zum Karrierende : Happy-End für Rotter-Focken

Ringerin Aline Rotter-Focken beendet ihre Karriere mit der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio. Bild: AFP

Im letzten Kampf ihrer Karriere sichert sich Aline Rotter-Focken gegen die US-Ringerin Adeline Gray die Goldmedaille. Im Kampf mit ihren Nerven behält sie diesmal die Oberhand – auch, weil sie die Pandemie zu nutzen wusste.

          4 Min.

          Als Aline Rotter-Focken spürt, wie zwei Arme an ihr reißen, spannt sich ihr Körper an. Sie drückt sofort ihre Hände und ihre Füße gegen den Boden. Sie drückt ihre Augen aus den Höhlen. Sie drückt fast alles, was sie drücken kann. Doch die Arme reißen weiter an ihr. Mal nach links, mal nach rechts. So geht das fünf, sechs, sieben Sekunden. Vielleicht sogar mehr.

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          In solchen Momenten müssen sich Sekunden wohl wirklich wie Stunden anfühlen. Und als sie sich nun gegen den Boden drückt und gegen Adeline Gray, die Frau, die an ihr reißt, mit allem wehrt, was sie hat, mit den Händen, mit den Füßen und sogar mit den Augen, entscheidet sich für Aline Rotter-Focken so viel mehr als ein Ringen auf der Matte. Wenn sie sich nicht mehr umreißen lässt, dann gewinnt sie nicht nur den letzten, sondern auch den größten Kampf ihres Lebens.

          Ein paar Minuten früher. Es ist Montagabend, Makuhari Messe, Halle A, Ringen, Frauen bis 76 Kilogramm, Finale der Olympischen Spiele. Auf der Matte steht in einem roten Anzug Adeline Gray aus den Vereinigten Staaten, 30 Jahre alt, fünfmal Weltmeisterin, Nummer eins der Setzliste. Dann kommt Aline Rotter-Focken aus Deutschland, auch 30 Jahre alt, aber nur einmal Weltmeisterin, nur Nummer zwei der Setzliste. Die Zahlen sagen: Da kommt die Außenseiterin. In dem blauen Anzug sieht sie aber nicht aus wie eine. Sie tänzelt an der Helferin aus der Halle vorbei, die ihr den Weg zur Matte weisen soll. Warum auch warten, sie weiß doch, wo sie hinwill. Sie klatscht mit Patrick Loës ab, ihrem Trainer. Sie arbeiten seit zehn Jahren zusammen. Einmal noch abklatschen, einmal noch anfeuern. Später wird Loës erzählen, wie er im Hotelzimmer kurz an das große Ende gedacht habe – und dann schnell wieder an das große Ziel: „Wir wollten hier Gold. Silber wollen wir nicht.“

          „Das darf ich mir nicht nehmen lassen“

          Auf der Matte sieht es dann für Aline Rotter-Focken schon früh nach Gold aus, nicht nach Silber. Die Schiedsrichterin gibt ihr einen Punkt, weil Gray zu passiv ringt. 1:0. Danach pariert sie einen Angriff von Gray und drückt sie noch auf den Boden. „Wenn sie springt, sollte sie das ausnutzen zum Gegenkontern, so ist es gekommen“, sagt Loës. 3:0. Und danach schmeißt sie Gray sogar um. 7:0. Nur einmal wird sie aus dem Ring gedrückt. 7:1. Dann packen aber die Arme zu.

          Fünf, sechs, sieben Sekunden. Sie ringt, mit Gray, mit ihrem Körper. Nur nicht die Kontrolle verlieren. Tut sie nicht. Sie kann sich befreien. Es steht zwar 7:3, aber es hätte viel schlimmer kommen können. „Nachdem ich die Bodenlage abgewendet habe, wusste ich: Das darf ich mir nicht nehmen lassen.“

          Ein paar Minuten später. In der Interviewzone steht Aline Rotter-Focken mit einer Deutschlandfahne um die Schultern und einer Goldmedaille um den Hals. Sie sagt den Satz mit der Bodenlage, aber eigentlich kann sie sich an den Kampf, den letzten ihrer Karriere, schon nicht mehr erinnern. Als er nach sechs langen Minuten endlich vorbei war, ist sie auf die Knie gesunken und hat geweint. Es sind Tränen des Glücks, der Erleichterung. Das war nicht immer so. „Es gab so viele Momente, wo ich daran gezweifelt habe, so viel geweint und gelitten und geackert habe“, sagt sie. „Es beweist einfach, dass harte Arbeit sich auszahlt und manchmal im richtigen Moment alles zusammenkommt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kompatibel oder zu verschieden? Grünen- und FDP-Wahlplakate werden in Köln abgehängt.

          Koalitions-Vorsondierungen : So können Grüne und FDP regieren

          Die FDP ist für freie Fahrt auf Autobahnen, gegen Steuererhöhungen und für eine Beibehaltung des Krankenversicherungssystems. Die Grünen vertreten das Gegenteil. Was steckt hinter der Phantasie für ein „progressives Bündnis“?
          Rot, Gelb und Grün in Berlin – die Ampel scheint die beliebteste Koalition zu sein.

          Liveblog Bundestagswahl : Mehrheit laut Umfrage für Ampelkoalition

          Erste Rücktrittsforderungen an Laschet +++ Union bereit für Jamaika +++ Habeck und Baerbock wollen Verhandlungen gemeinsam führen +++ CDU-Generalsekretär verspricht „brutal offene“ Wahlanalyse +++ Alle Entwicklungen zur Bundestagswahl im Liveblog.
          Armin Laschet und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak am Montag in Berlin

          Laschet und die Union : Der Kandidat, der enttäuschte

          Nach dem enttäuschenden Wahlergebnis muss der CDU-Vorsitzende Armin Laschet die Parteifreunde besänftigen. Vom zweiten Platz aus versucht die Union, eine Regierungsperspektive zu behalten.
          Jörg Meuthen, Tino Chrupalla und Alice Weidel am Montag in Berlin

          AfD in Ostdeutschland : Blau blüht das Kernland

          Die AfD wird in Sachsen und Thüringen stärkste Kraft, obwohl sie im Vergleich zur Wahl von 2017 teilweise Stimmenanteile verliert. Was folgt daraus für die Partei? In Berlin zofft sich die Führung auf offener Bühne.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.