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Geher Hilbert gewinnt Silber : „Für dich, Anna!“

Jonathan Hilbert feiert seine Silber-Medaille in Sapporo. Bild: AFP

Beim Männersport 50 Kilometer Gehen, der am besten mit weiblicher Hilfe zu bewältigen ist, kreiselt Jonathan Hilbert in der Hitze von Sapporo zur Silbermedaille. Jetzt gibt es Pancakes zur Belohnung.

          3 Min.

          Anna muss eine besondere Frau sein. Sie ist es, die Jonathan Hilbert zur Silbermedaille in einem der letzten olympischen Wettbewerbe verholfen hat, die Männern vorbehalten sind: dem Gehen über 50 Kilometer. Seit Frauen Canadier fahren, boxen und Ski springen, sind bei Olympia allein die Nordische Kombination im Winter, griechisch-römisches Ringen im Sommer und das 50-Kilometer-Gehen eine männliche Bastion.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Mit zum Himmel gerecktem Zeigefinger, mit seinem Namensschild in beiden Händen, das er anstelle einer Startnummer trug, und mit zum Jubel ausgebreiteten Armen erreichte Hilbert am Freitagmorgen das Ziel in Sapporo. Auf einer Strecke von nur zwei Kilometer Länge waren die Geher durch die Stadt der Olympischen Winterspiele von 1972 gekreiselt. Ihr Wettbewerb war ausgelagert worden auf die 800 Kilometer nördlich von Tokio liegende Insel Hokkaido, doch auch dort herrschte Hitze.

          Hilbert realisierte schon zeitig, dass etwas gehen würde an diesem Tag. „Heute früh bin ich aufgestanden und hab gemerkt, ich fühl mich gut, ich bin munter, ich bin bereit, ich bin konzentriert, ich bin voll da. Ich habe gemerkt: Es passt heute.“

          Vom Start weg in der ersten Reihe

          Und so bliebt der 26 Jahre alte Polizeibeamte aus Erfurt vom Start weg in der ersten Reihe des Feldes, wechselte von Runde zu Runde seinen Kühl-Schal und ließ sich nicht verrückt machen von verschiedenen Ausreißern. Selbst dem späteren Sieger Dawid Tomala ließ er drei Minuten Vorsprung. Es kam, wie es kommen musste: Den Mann an der Spitze verließen die Kräfte, er taumelte dem Ziel entgegen, und Hilbert holte Sekunde um Sekunde auf. Schließlich war das Rennen trotz seiner Länge von fünfzig Kilometern ein wenig zu kurz: Tomala rettete sich, bevor Hilbert ihn einholte, mit 36 Sekunden Vorsprung vor seinem inzwischen einsamen Verfolger ins Ziel.

          Der Geher aus Thüringen war glücklich mit Platz zwei vor dem Kanadier Evan Dunfee und mit der Silbermedaille. Nach ausgelassenem Jubel mit Bundestrainer Ronald Weigel, der 1992 in Barcelona im 50-Kilometer-Gehen die Bronzemedaille gewann, war es Zeit für Anna. Hilbert nutzte das erste Fernseh-Interview, um seiner Freundin zu danken. Täglich hätten sie drei bis vier Stunden übers Internet miteinander gesprochen, „weil es mir mental ja auch nicht so gut ging“, verriet Hilbert: „Sie hat sich Zeit für mich genommen und hat geschaut, dass es mir gut geht. Das ist auch für dich, Anna!“

          Hilbert schien überrascht von seinem guten Abschneiden. Er habe nicht mehr vorgehabt als unter die ersten fünfzehn zu gehen, sagte er. Dabei ist die Bestzeit, die er beim Gewinn der deutschen Meisterschaft in April in Frankfurt aufgestellt hat, Ausweis seiner Klasse. Mit diesen 3:43:44 Stunden ist er die Nummer vier der Welt, hinter drei Japanern.

          Hilbert begann als Läufer, doch auf der Eliteschule des Sports in Erfurt sahen die Trainer für den Jungen keine Perspektive. Sie empfahlen, wenn er bleiben wolle, zu gehen. In der Thüringer Allgemeine hieß es dieser Tage: „Mit wehenden Fahnen wechselte er nicht. Doch die Einstellung sollte sich recht schnell ändern. Weg von einem ,Ich werde aussortiert‘ hin zu einem: ,Das ist meine Chance.‘“ Am Freitag hat er sie genutzt.

          Das geht ab!

          Mancher Läufer dürfte sich wundern, in welchem Tempo Geher unterwegs sind. Die 3:50:44 Stunden, die Hilbert in der Hitze von Sapporo für die fünfzig Kilometer brauchte, bedeuten, dass er zehn Kilometer in 46 Minuten absolvierte – fünf Mal hintereinander. Das geht ab! Mehr als zwei Wettkämpfe im Jahr bestreiten Langstrecken-Geher nicht. Hilbert reizt sein Leistungsvermögen im Training, obwohl er bis zu vierzig Kilometer lange Wege geht, nicht aus.

          Nicht diejenigen seien am erfolgreichsten, die am häufigsten und am härtesten trainieren, sondern diejenigen, die individuell und auf sich persönlich abgestimmt am besten und am cleversten trainieren. „In den Leistungsbereichen, in denen wir uns bewegen, zählt nicht nur das Training, sondern auch das Drumherum“, erzählte er im April. „Ernährung, Mentaltraining – das sind zwei Punkte, an denen ich viel gearbeitet habe. Da hatte ich viele Reserven und habe sie immer noch.“

          Was nach der Siegerehrung in Tokio oder bei der Heimkehr zu Anna auf den Tisch kommen wird, deutete der Geher an in seiner Erinnerung an die Feier der deutschen Meisterschaft. „Nach dem Wettkampf war ich glücklich, dass ich endlich mal wieder einen Burger essen konnte“, erzählte er: „Dann habe ich mit meiner Freundin Pancakes gemacht, schön mit Nutella. Es sind die kleinen Dinge, einfach mal sorgenfrei und ohne Gedanken ans Training den Moment genießen.“

          Der Männersport 50 Kilometer Gehen, der am besten mit weiblicher Hilfe zu bewältigen ist, wird in Paris 2024 nicht mehr olympische Disziplin sein. Noch ist nicht entschieden, was ihn ersetzt. Im Gespräch ist eine Mixed-Staffel.

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