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Deutsche Dressurreiter : Silber wie Gold

  • -Aktualisiert am

Strahlendes Frauen-Trio: Dorothee Schneider, Kristina Sprehe und Helen Langehanenberg (v.l.) Bild: dpa

Die längste Siegesserie im olympischen Sport geht zwar zu Ende – doch das neue deutsche Dressur-Team beweist Standfestigkeit mit Platz zwei hinter den Briten.

          3 Min.

          Mehr als ein Jahrzehnt lang haben die niederländischen Dressurreiter versucht, deutschen Mannschaften die olympische Goldmedaille abzujagen – vergeblich. Großbritannien hat es mit dem ersten ernsthaften Anlauf geschafft. Damit ging die längste Siegesserie im olympischen Sport zu Ende: Seit sie 1972 von den Russen geschlagen wurden, haben die deutschen Dressur-Teams immer gewonnen. In London wurden sie Zweite – und freuten sich darüber mehr als manche zickige Goldmannschaft in früheren Jahren. „Das Silber ist gewonnen und nicht Gold verloren“, sagte Equipechef Klaus Roeser freudestrahlend.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Noch vor einem Jahr hätte der Anspruch auf den zweiten Platz in London vermessen geklungen. Ein neues, junges Frauentrio mit Helen Langehanenberg, Kristina Sprehe und Dorothee Schneider hat mit starken Auftritten überstrahlt, was man anders auch als Niedergang sehen könnte: Weltmeister und Europameister sind die Erfinder dieses Sports nämlich auch schon nicht mehr. Warum? „Wir sind nicht schlechter geworden“, sagte Bundestrainer Jonny Hilberath, „die anderen sind besser als früher.“ Die niederländischen Reiter mit der Europameisterin Adelinde Cornelissen auf Parzival, Altmeisterin Anky van Grunsven mit ihrem historischen Wallach Salinero und Edward Gal auf dem Totilas-Ersatz Undercover wurden Dritte.

          „Felsmassiv – plumps“, sagte Hilberath, als der Gewinn der Silbermedaille feststand. Alle drei Neulinge hatten olympische Standfestigkeit bewiesen und im Grand Prix Special, der erstmals mit zur Mannschaftswertung zählte, starke Leistungen gezeigt. Allen voran Helen Langehanenberg (Havixbeck) mit dem Hengst Damon Hill. Der elegante Dunkelfuchs leistete sich in der Piaffe zwar als Einlage einen kleinen Hüpfer, doch den verzieh ihm die Reiterin schnell – mit 78,937 Prozentpunkten erreichte sie das viertbeste Resultat des Tages.

          „Ich habe nichts zu verlieren“

          Kristina Sprehe (Dinklage) brauchte dagegen einen Moment, um sich von einem Zwischenfall in ihrem Special zu erholen. Ihr Hengst Desperados sprengte in der Passage nach einer allzu deutlichen Aufforderung plötzlich los. Sie hätte sich mehr als 76,254 Punkte gewünscht, doch die Goldmedaille war zu diesem Zeitpunkt sowieso nicht mehr erreichbar.

          Dorothee Schneider (Framersheim) sicherte mit der Stute Diva Royal das Ergebnis nach hinten ab: Ihr gelang eine saubere, akkurate, aber nicht besonders spritzige Runde ohne Fehler. Alle drei deutschen Reiterinnen sind für das Einzelfinale an diesem Mittwoch qualifiziert, wo es bei der Kür zur Musik wieder bei null losgeht. Nur für Einzelreiterin Anabel Balkenhol (Rosendahl) und Dablino ist Olympia mit Rang 19 beendet. „Ich werde auf Angriff reiten“, kündigte Helen Langehanenberg an. „Ich habe nichts zu verlieren.“

          Publikum verzaubert: Helen Langehanenberg
          Publikum verzaubert: Helen Langehanenberg : Bild: dapd

          Vor 23.000 Zuschauern im Weltkulturerbe Greenwich Park bewies das Dressurpublikum nach dem britischen Sieg ganz ungewöhnliches Temperament – noch nie zuvor hatten die Dressurreiter dieser auf Springen und Vielseitigkeit eingeschworenen Pferdenation eine olympische Medaille gewonnen. Und im Einzel könnte durchaus noch mehr dazukommen. Sowohl im Grand Prix als auch im Grand Prix Special erreichte die 26 Jahre alte Charlotte Dujardin mit dem Wallach Valegro die Bestnote – 83,286 im Special. In Laura Bechtolsheimer, einer Top-Reiterin mit deutschen Wurzeln, und ihrem Wallach Mistral verfügen die Briten über ein stabiles und erfahrenes Paar. Und der 45 Jahre alte Carl Hester hat in dem Hengst Uthopia das Pferd seines Lebens gefunden.

          Totilas?

          Der Aufstieg von Charlotte Dujardin ist beispielhaft für die gesamte englische Raketen-Mannschaft bei ihren Heimspielen: Es ist erst ein Jahr her, dass sie ihren ersten Wettbewerb in der schweren Klasse bestritten hat. Carl Hester, ihr Förderer, hat sie in kurzer Zeit und mit Hilfe der britischen Lotterie-Fördermittel zu einer Gold-Reiterin gemacht. Er stellte ihr Valegro zur Verfügung, dessen Mitbesitzer er ist, und brachte das Talent seiner Schülerin zum Leuchten. Nun ist die Angestellte in seinem Ausbildungsstall in Gloucestershire auch die Favoritin auf die Einzel-Goldmedaille. Im Juli, bei ihrer Olympia-Generalprobe in Hartpury, hat sie einem schwer beeindruckten Publikum erstmals die geplante Kür gezeigt. Die Musik, so wird berichtet, sei untermalt mit den Glockenschlägen von Big Ben. Ihre Note aber war ein Paukenschlag: 90,65 Prozentpunkte, nur noch 0,1 Punkte von Gals Weltrekord mit Totilas entfernt.

          Fröhlich winkende Reiterin: Helen Langehanenberg „mit Silber hochzufrieden“
          Fröhlich winkende Reiterin: Helen Langehanenberg „mit Silber hochzufrieden“ : Bild: dpa

          Totilas? Während das deutsche Damen-Trio im Geenwich Park die Silbermedaillen entgegennahm, verzehrte der Millionenhengst, von dem es hieß, er werde den Deutschen das Dressur-Gold sichern, in seinem Kronberger Stall sein Heu. Sein Reiter Matthias Rath, der am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt ist, sei auf dem Weg der Besserung, heißt es. Fest steht: Auch er hätte die Briten nicht aufhalten können. Und noch eines zeigt sich in London: Die umstrittene Trainingsmethode, mit deren Hilfe die Niederländer die Deutschen vom Thron stürzen wollten, ist in London viel weniger zu sehen als früher. Die Rollkur, mit der auch Rath sein Pferd olympia-fit machen wollte, kommt aus der Mode.

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