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„Setzen Gesundheit aufs Spiel“ : Heftige Kritik von Athleten an Olympia-Plänen

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Macht dem IOC Vorwürfe: Stabhochspringerin Katerina Stefanidi, hier 2019 in Doha Bild: Picture-Alliance

Der Druck auf das IOC wächst: Wegen des Festhaltens am Sommertermin für die Olympischen Spiele äußern nicht nur aktive Sportler schwere Vorwürfe. Auch eine Deutsche findet deutliche Worte. Es gibt aber auch moderatere Töne.

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          IOC-Präsident Thomas Bach gerät mit seiner Coronavirus-Politik immer stärker in Bedrängnis. Deutsche Spitzenathleten und erstmals auch Mitglieder aus dem eigenen Haus schlagen Alarm, nachdem am Dienstag erklärt worden war, dass an der Austragung der Olympischen Spiele in Tokio vom 24. Juli bis 9. August festgehalten werde.

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          „Das ist eine unverständliche und überhaupt nicht nachvollziehbare Hinhaltetaktik vom IOC und den Japanern“, sagte die weltbeste Reiterin Isabell Werth dem Sport-Informationsdienst (sid). „Sie sollten sich am Fußball und an der Formel 1 ein Beispiel nehmen und jetzt sagen: ‚Olympia im Juli wird nichts‘“, meinte die sechsmalige Dressur-Olympiasiegerin.

          Ähnlich sieht das Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler, der darauf hinwies, dass das Training von Land zu Land längst anders aussehe und keine Chancengleichheit mehr gewahrt ist. „Deshalb würde ich mich über eine Verschiebung der Olympischen Spiele freuen, um die Ausgangslage für alle auf null zu setzen“, sagte Röhler dem Portal Sportbuzzer.

          „Das ist nicht gerecht“

          Bach musste nach der zweistündigen Telefonkonferenz mit den Fachverbänden am Dienstag sogar Kritik aus den eigenen Reihen hinnehmen. Als „unsensibel“ und „verantwortungslos“ bezeichnete IOC-Mitglied Hayley Wickenheiser die Tatsache, dass in der Sitzung eine Verschiebung oder Verlegung von Olympia nicht intensiver erörtert worden sei. „Diese Krise ist sogar größer als Olympia“, schrieb die IOC-Athletensprecherin. Wickenheiser betonte, dass derzeit niemand sagen könne, ob Olympia stattfindet – auch das IOC nicht. „Und das ist mein Punkt“, sagte die Eishockey-Olympiasiegerin: „Mit Sicherheit zu sagen, dass sie weitermachen werden, ist gegenüber den Athleten und der Weltbevölkerung nicht gerecht.“

          Stabhochsprung-Olympiasiegerin Katerina Stefanidi ging mit dem IOC ebenfalls hart ins Gericht. „Das IOC möchte, dass wir weiterhin unsere Gesundheit, die Gesundheit unserer Familien und die öffentliche Gesundheit aufs Spiel setzen“, schrieb die Griechin bei Twitter und wies auf die Ansteckungsgefahr hin, die durch den Alltag im Training gegeben sei.

          „Diese Krise ist größer als Olympia“: Hayley Wickenheiser
          „Diese Krise ist größer als Olympia“: Hayley Wickenheiser : Bild: AFP

          Deutlich moderater fiel die Reaktion von Säbelfechter Max Hartung aus, der Präsidenten der Vereinigung Athleten Deutschland, der sonst für seine kritischen Worte bekannt ist: „Niemand kann sagen, ob die Olympischen Spiele stattfinden werden oder nicht“, sagte Hartung in der F.A.Z, der betonte, dass Thomas Bach als Präsident des IOC „einen verdammt schweren Job habe“.

          Hörmann wirbt um Verständnis

          DOSB-Präsident Alfons Hörmann warb derweil für das Vorgehen des IOC. „Wir hatten eine Stunde lang eine Telefonkonferenz mit dem Internationalen Olympischen Komitee. In der wurde darauf hingewiesen, dass man noch einige Wochen Zeit hat, um die weitere Entwicklung abzuwarten“, sagte Hörmann im „Mittagsmagazin“ des ZDF. „Und ich denke, dann kann man und dann muss man auch abschließend Antworten geben“, betonte er. Nicht zuletzt für die Athletinnen und Athleten, die Klarheit benötigen, ob gegebenenfalls die Wettkämpfe stattfinden können oder nicht.“ Die Kritik, dass dies ein Spielen auf Zeit sei, wies Hörmann zurück. „Ich denke, der Sport hat in großer Verantwortung und in großer Solidarität über die verschiedenen Ebenen reagiert“, sagte er. In Deutschland hätte man beispielsweise den gesamten Trainings- und Wettkampfbetrieb weitgehend eingestellt.

          Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes ITTF und in dieser Funktion auch bei der Sitzung der Fachverbände mit dem IOC am Dienstag vertreten, kann die Kritik der Athleten nachvollziehen, dennoch ist Weikert gegen einen Abbruch. „Dafür ist es wirklich noch zu früh. Wir brauchen jetzt noch keinen Plan B“, sagte der Limburger dem sid.

          Weikert begrüßte den Kurs von Bach, zumal das IOC Eingeständnisse für die Qualifikation machte. Da derzeit keine Wettkämpfe bestritten werden können, müssten die Verbände ihre Athleten am Ende verstärkt über die Bestenliste für Olympia nominieren. „Und da machte das IOC ein Zugeständnis. Um Streitfälle zu vermeiden, können wir mehr Plätze in Anspruch nehmen“, erklärte Weikert.

          Das IOC indes reagierte auf die harsche Kritik der Athleten und räumte ein, dass es am Dienstag keine „ideale Lösung“ gegeben habe. Man sei aber in dieser schwierigen Situation auf das Verständnis aller angewiesen: „Deshalb setzen wir auf die Verantwortung und Solidarität der Athleten.“

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