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Corona-Kontroverse um Olympia : Der Druck auf Bach steigt

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Leichtathletik gilt als olympische Kernsportart: Amerikas Leichtathleten fordern nun eine Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio. Bild: AFP

Nun fordert auch der amerikanische Leichtathletikverband eine Verschiebung der Olympischen Spiele und erhöht den Druck auf IOC-Präsident Bach. Der spielt weiter auf Zeit.

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          Die Diskussion um die Austragung oder Absage der Olympischen Spiele und der Paralympics in Tokio ist auch an diesem Samstag unvermindert weitergegangen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hält bisher am Termin im Sommer fest, IOC-Präsident Thomas Bach spielt weiter auf Zeit. Die Reaktionen zu seiner Haltung reichen von Zustimmung und Unterstützung bis hin zu Ablehnung und Kritik. 

          Der amerikanische Leichtathletikverband (USATF) fordert eine Verschiebung der Spiele und erhöht damit den Druck. Ein Festhalten an den Wettkämpfen in Japan könne angesichts der globalen Ausnahmesituation nicht im besten Interesse der Athleten sein, erklärte der Verband USATF. Die Sportler bräuchten die Gewissheit, dass sie sich adäquat vorbereiten könnten und dass eine Teilnahme an den Spielen kein Gesundheitsrisiko darstelle, hieß es in einem am Samstag veröffentlichten Schreiben.

          Auch der amerikanische Schwimmverband bat das Olympische und Paralympische Komitees der Vereinigten Staaten (Uspoc) darum, eine Verschiebung anzustreben. „Unsere Athleten stehen unter enormem Druck, Stress, und sie haben Angst. Ihre mentale Gesundheit und ihr Wohlergehen sollten aber höchste Priorität haben“, heißt es in dem Schreiben, das von Verbandsboss Tim Hinchey unterzeichnet ist. Uspoc-Vorsitzende Susanne Lyons hält derweil eine Entscheidung über die Absage der Spiele für verfrüht und im Moment nicht notwendig. Damit liegt sie auf IOC-Linie.

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          Das Brasilianische Olympische Komitee (COB) hat unterdessen zur Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr aufgerufen. In einer Erklärung am Samstag begründete das COB seine Position mit der Verschlimmerung der Pandemie und der daraus resultierenden Schwierigkeit der Athleten, ihr bestes Niveau aufrechtzuerhalten. „Als Judoka und Ex-Trainer habe ich gelernt, dass der Traum eines jeden Sportlers ist, die Olympischen Spiele unter den besten Voraussetzungen zu bestreiten“, schrieb COB-Präsident Paulo Wanderley.

          Nach Ansicht des Sportverbandes Norwegens sollen die Sommerspiele in Tokio erst stattfinden, wenn das Coronavirus unter Kontrolle ist. Die Norweger wiesen auf eine „Situation“ hin, die „in vielen Teilen der Welt komplex und gefährlich“ sei. Daher sei man über die „Gesundheit und Sicherheit der Sportler besorgt“. Es sei weder „gerechtfertigt noch wünschenswert, norwegische Athleten zu den Olympischen oder Paralympischen Spielen zu schicken, bevor die Weltgemeinschaft diese Pandemie hinter sich gelassen hat“.

          Bach begründet sein Festhalten an den Olympia-Plänen trotz der Coronavirus-Pandemie vor allem im Interesse der Sportler. „Die Absage würde den olympischen Traum von 11.000 Athleten aus 206 Nationalen Olympischen Komitees und dem IOC-Flüchtlingsteam zerstören“, sagte der 66-jährige Tauberbischofsheimer im Interview des Südwestdeutschen Rundfunks an diesem Samstag. „Eine solche Absage wäre die am wenigsten faire Lösung.“

          Außerdem betonte er, dass man die Spiele nicht so einfach auf einen anderen Termin zu verlegen seien. „Olympische Spiele können Sie nicht verschieben wie ein Fußballspiel am nächsten Samstag“, erklärte Bach, der selbst wegen der Schließung des „Olympic House“ in Lausanne im Home-Office arbeitet. „Das ist ein sehr komplexes Unternehmen, bei dem Sie nur verantwortlich handeln können, wenn sie verlässliche und klare Entscheidungsgrundlagen haben und die beobachten wir tagtäglich, 24 Stunden.“

          Unterstützung erhält der IOC-Präsident derzeit offenbar aus Afrika. „Alle afrikanischen Olympischen Komitees hatten eine Telefonkonferenz mit dem IOC-Präsidenten, um sich über die Situation zu informieren, und alle Mitglieder unterstützten den Antrag, mit den Spielen fortzufahren„, sagte Abner Xoagub, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Namibia (NNOC). Auch für Tony Estanguet, den Präsidenten des Organisationskomitees der Spiele 2024 in Paris, sei es „noch zu früh, zu entscheiden, ob die Olympischen Spiele verlegt werden sollten“.

          Hockey-Nationalspieler Häner: Als Arzt doppelt von Corona betroffen.
          Hockey-Nationalspieler Häner: Als Arzt doppelt von Corona betroffen. : Bild: dpa

          In Deutschland trat der Kanu-Verband einer Absage zu diesem Zeitpunkt entgegen, während Johannes Herber, Geschäftsführer der Sportlergewerkschaft „Athleten Deutschland“, sich für eine Verschiebung aussprach. Er sagte dem Tagesspiegel: „Auch wenn es eine harte Nuss wäre, die Qualifikationswettbewerbe nun komplett neu aufzurollen. Aber eine Verschiebung um ein Jahr würde eine größere Fairness garantieren.“

          „Keine Chancengleichheit“

          Noch unentschieden erklärt sich Hockey-Olympiasieger Martin Häner: „Wir haben morgen eine Telefonkonferenz mit allen Athletenvertretern aus den verschiedenen Sportarten, wo es darum geht, ob wir als Athleten eine Empfehlung an den DOSB geben“, sagte er dem SID. Häner, der auch als Assistenzarzt im Berliner Martin-Luther-Krankenhaus von der Corona-Pandemie betroffen ist, zeigt durchaus Verständnis für Bach: „Wie man es auch macht, kann man glaube ich keine richtige Entscheidung treffen. Das gilt für das IOC, aber auch für die Empfehlungen des DOSB und für uns Athleten genauso“.

          Marathonläufer Philipp Pflieger hat harsche Kritik am Festhalten des IOC am geplanten Olympia-Termin geübt. „Ich sehe da eine gesundheitliche Gefahr“, sagte der 32-Jährige dem Spiegel: „Niemand kann aktuell genau sagen, wie sich die Ausbreitung des Virus entwickelt. Aber ich sehe auch sportlich keine Möglichkeit, dass wir im Juli bei Olympia einfach so an den Start gehen. Es ist doch gar keine Chancengleichheit mehr gegeben.“

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