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Chinas Olympia-Bilanz : Unmut über Gold-Komplex

  • -Aktualisiert am

Betrogen? Die Bewertung für Turner Chen Yibing erhitzt die chinesischen Gemüter Bild: dapd

Zwei große Themen bestimmen in China die Reaktionen auf die Spiele. Verblüffend ist die massive Kritik am eigenen staatlichen „Sportsystem“. Und dann sehen sich die Chinesen wieder einmal als Opfer des ungerechten Westens.

          3 Min.

          Zwei große, zum Teil gegenläufige Themen bestimmten die chinesischen Reaktionen auf London 2012: zunächst eine verblüffend massive Kritik am eigenen staatlichen „Sportsystem“, das nur auf Siege fixiert sei, dann ein wachsender Unwille über den Westen, der sich bei diesen Spielen wieder einmal als ressentimentgeladen und offen ungerecht gegenüber China erwiesen habe. Beide Themen fanden sowohl in den sozialen Netzwerken des Internets als auch in den offiziellen Medien ihren Niederschlag; allerdings war es bei der anfänglichen Selbstkritik deutlicher, dass der erste Anstoß von der Zivilgesellschaft des Netzes kam.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es war, als bräche sich ein seit dem staatlichen Triumphalismus vor vier Jahren aufgestauter Unmut plötzlich Bahn. Als der Gewichtheber Wu Jingbao, der nur eine Silbermedaille gewonnen hatte, öffentlich erklärte: „Ich habe mein Land, mein Team und alle, die mir zur Seite stehen, beschämt. Es tut mir leid“, schlug eine Welle der Entrüstung über ihm zusammen - aber nicht wegen der verpassten Goldmedaille, sondern weil er einer offiziell gezüchteten Konzentration auf Siege Ausdruck gebe, die mit Sport und Olympia nichts zu tun habe.

          Viele Blogger, aber mehr und mehr auch staatliche Zeitungen machten dahinter ein fatales Geflecht von staatlichem Geltungsbedürfnis, kommerziellen Interessen und einem überzogenen traditionellen Leistungsethos aus. All dies setze die einzelnen Sportler einem übergroßen Druck aus. „Sportler sind bei uns wie Soldaten“, schrieb einer. Angesichts dieser Debatte über den chinesischen „Goldmedaillen-Komplex“ freute sich eine staatliche Agentur schon, dass es nun innerhalb der Gesellschaft einen „menschlicheren Blick auf die Spiele“ gebe; man habe eine größere „Toleranz gegenüber der Niederlage“ gelernt.

          Andere Medien versuchten die darin enthaltene Kritik am Staat zu relativieren, indem sie das Interesse der Medien und damit die Öffentlichkeit selbst für die Medaillen-Fixierung verantwortlich zu machen versuchten. Eine andere Strategie verfolgte die Parteizeitung „Global Times“, die an der politischen Bedeutung des Medaillenspiegels festhielt: „Die sportlichen Errungenschaften bezeugen, ganz gleich, was die Kritiker sagen, den Fortschritt des Landes.“ Und dann kam laut Informationen der amerikanischen Internetseite „China Digital Times“ die Anweisung der Zensurbehörden, die Debatte über das staatliche Sportsystem nicht weiter anzuheizen.

          „Das ist Plünderung, das ist Raub“

          Stattdessen fand sich die öffentliche Erregung bald in ihrer vertrauten Opferrolle wieder. Schon die westlichen Verdächtigungen gegen das 16 Jahre alte Schwimmwunder Ye Shiwen hatten für viel Empörung im Internet gesorgt. Der Kommentator des staatlichen Fernsehsenders CCTV sprach vielen aus dem Herzen, als er sagte, manche im Westen könnten es immer noch nicht begreifen, dass auch in traditionell westlich dominierten Sportarten Sportler aus Asien gewännen. Die Reaktionen auf die Disqualifizierung zweier chinesischer Badminton-Spielerinnen wegen absichtlichen Verlierens waren noch geteilt (41 Prozent unterstützten bei einer Umfrage von Sina.com die Entscheidung).

          Doch danach waren es vor allem zwei Ereignisse, die in China den Eindruck hervorriefen, Chinesen würden durch die Regeln beziehungsweise diejenigen, die sie auslegen, absichtlich benachteiligt: die Zurückstufung der siegreichen chinesischen Team-Radsprinterinnen wegen eines angeblichen Wechselfehlers (dadurch war Deutschland die Goldmedaille zuerkannt worden) und die Jury-Bewertung für den chinesischen Turner Chen Yibing, dem an den Ringen eine geringere Punktzahl als dem nicht so exakt gelandeten Brasilianer Arthur Zanetti gegeben wurde, weshalb er die Goldmedaille verpasste.

          Hat China die Regeln der Welt gelernt?

          „Das ist Plünderung, das ist Raub“, sagte der Chef des chinesischen Turn-Teams, und die Parteizeitung „Renmin Ribao“ schrieb von „doppelten Standards“. Ein Blogger auf Sina.com verstieg sich zu dem zusammenfassenden Urteil, diese Spiele seien die „schlimmsten der Geschichte“. Nachdem zuletzt auch der chinesischen Hammerwerferin Zhang Wenxiu eine Bronzemedaille aberkannt worden war (wieder zugunsten einer Deutschen, nämlich Betty Heidler), protestierte sogar der stellvertretende chinesische Sportminister gegen eine Diskriminierung der chinesischen Athleten bei diesen Spielen.

          Noch grundsätzlicher und sarkastischer wurde ein Politikwissenschaftler aus Schanghai, der in der „Global Times“ die Regeln bei Olympia mit den Regeln in der internationalen Politik in Beziehung setzte, die ja gleichfalls vom Westen entworfen worden seien und ausgelegt würden. Sowohl die Organisatoren als auch die Gegner hätten den Chinesen gezeigt, wie naiv ihr Glaube an die Fairness der Regeln gewesen sei: „Regeln sind nicht dazu da, dass man ihnen gehorcht oder dass man sie bricht, sondern dass man mit ihrer Hilfe gewinnt.“ Wenn China bei diesen Spielen gelernt hätte, nach welchen Regeln die Welt draußen wirklich spielt, hätte es sein Ziel erreicht.

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