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Olympia-Skandal : Kampf gegen die Mafia

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Dementiert Erpressungsversuch: Preisrichterin Le Gougne Bild: dpa

IOC-Vizepräsident Thomas Bach setzt bei der Aufklärung des Olympia-Skandals auch auf die Hilfe von Bundesinnenminister Otto Schily.

          Organisierte Kriminalität im Sport - weltweit hat das große Besorgnis und Aktivitäten ausgelöst. Nachdem der Einfluss des russischen Mafia-Bosses Alimsan Tochtachunow auf zwei Eiskunstlauf-Wettbewerbe der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City bekannt wurde, will nun auch der Sport den Skandal neu aufrollen.

          „Sobald wir konkrete Hinweise bekommen, werden wir handeln“, kündigte der Präsident der Internationalen Eislauf-Union (ISU), Ottavio Cinquanta (Italien), an. „Es ist unsere Pflicht, unseren Sport zu schützen.“ Der Italiener steht vor allem unter dem Druck des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das an einer Aufklärung dieses Sportbetrugs in neuer Dimension in besonderer Weise interessiert ist.

          Schily soll helfen

          Deswegen hat sich IOC-Vizepräsident Thomas Bach am Freitag in einem Brief an Otto Schily gewandt und dabei auch angefragt, ob der Bundesinnenminister über verlässliche Informationen verfüge. „Es geht um die Glaubwürdigkeit des Sports und um seine Existenz“, sagte der Tauberbischofsheimer.

          Dubiose Rolle: Mafia-Boss Alimzhan Tochtaschunow

          Man müsse alles tun, damit die organisierte Kriminalität nicht auch noch in den Sport eindringen könne: „Das aber kann der Sport nicht allein schaffen, dabei muss ihm die Politik helfen.“

          Tonbandaufnahmen internationaler Geheimdienste hatten auf die Spur von Tochtachunow geführt. Bach regt eine enge Kooperation zwischen Staat und Sport an und zeigte sich besorgt, dass die organisierte Kriminalität auf den Sport übergreifen könnte. „Meine Sorge geht über den Fall hinaus“, sagte Bach.

          Mit allen Mitteln

          Es gehe nun darum, „durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Staat Dämme zu errichten“. Bach erwartet auch vom amerikanischen Bundeskriminalamt FBI und von den italienischen Sicherheitsbehörden Unterlagen über den Skandal.

          Volle Unterstützung bei der Aufklärung hat das Nationale Olympische Komitee der USA (USOC) IOC-Präsident Jacques Rogge zugesichert. „Jede Verbindung zwischen dem organisierten Verbrechen und den Olympischen Spielen muss auf die schärfste Art und Weise unterbunden werden. Es müssen alle verfügbaren Ressourcen und Mittel dagegen eingesetzt werden. Alle Athleten erwarten das“, fordert USOC in einem Brief.

          Geldwäsche und Goldgeschäfte

          Die italienische Polizei hatte im Zuge einer europaweiten Aktion gegen Geldwäscher Telefongespräche von Tochtaschunow mit bis zu sechs Eiskunstlauf-Kampfrichtern abgehört. Laut FBI soll der 53-Jährige, der seit 1989 vornehmlich in Frankreich und Italien lebt, einen Sieg des russischen Paares Elena Bereschnaja/Anton Sicharulidse arrangiert und in einem Gegengeschäft mit dafür gesorgt haben, dass im Eistanz die Exilrussin Marina Anissina mit ihrem französischen Partner Gwendal Peizerat olympisches Gold gewinnt. I

          OC und ISU hatten nach einem als Skandal empfundenen Sieg von Bereschnaja/Sicharulidse auch den Kanadiern Jamie Sale/David Pelletier die Goldmedaille zuerkannt. Die von der ISU für drei Jahre gesperrte französische Kampfrichterin Marie-Reine Le Gougne hat am Freitag jeglichen Kontakt mit Tochtaschunow bestritten.

          Erpressungsversuch?

          Der am Mittwoch verhaftete Russe sitzt seit Donnerstag in Venedig in Untersuchungshaft, die USA verlangen seine Auslieferung. „Wahr ist, dass mich am Abend vor meiner Abreise aus Salt Lake City ein FBI-Mann gefragt hat, ob ich einen Russen kennen würde, wobei ich mir noch nicht einmal den Namen gemerkt habe“, sagte Le Gougne.

          Unmittelbar nach der Entscheidung in Salt Lake City hatte sie erklärt, es habe einen Erpressungsversuch gegeben, damit sie für das russische Paar stimme. Diese Aussage hat die Französin später widerrufen. Durch die aufgezeichneten Telefongespräche mit Tochtachunow sind besonders Goldmedaillengewinnerin Marina Anissina und ihre Mutter in Verdacht der Mitwisserschaft geraten.

          Laut FBI hat der Russe vor der Entscheidung der Mutter telefonisch versichert, auch ein Sturz könne ihre Tochter nicht am Olympiasieg hindern. Anissina soll hinterher in dem Telefongespräch mit Tochtaschunow gesagt haben, sie hätte auch ohne das Votum des russischen Kampfrichters gewonnen. Nach Moskauer Presseberichten ist Anissima mit dem Mafia-Boss gut bekannt. Das gilt auch für russischen Tennisstars wie Jewgeni Kafelnikow, der Tochtachunow „meinen Freund“ nennt.

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