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Olympia : Roland Baar legt sich mit IOC-Spitze an

  • Aktualisiert am

Roland Baar hat zum ersten Mal das Innenleben des IOC kennen gelernt und ist gleich mit der Spitze aneinandergeraten.

          Roland Baar nannte den Auftritt „haarsträubend“. Johann Olav Koss fühlte sich „wie in einer Schulklasse“. Was den ehemaligen deutschen Weltmeister-Ruderer und den norwegischen Eisschnelllauf-Olympiasieger gleichermaßen empörte, war der Auftritt ihrer amerikanischen Kollegin Anita Defrantz in der Athleten-Kommission.

          Als Überraschungsgast hatte die erste Vizepräsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Montag in Lausanne an die Mitglieder der Kommission einen Bogen mit neun Fragen verteilt, auf dem unter anderem stand: Wann wurden die ersten Olympischen Spiele abgehalten, wie heißt der erste IOC-Präsident? Zugleich meinte Anita Defrantz, als Olympia-Dritte im Rudern von 1976 immerhin eine Frau mit ausgeprägter sportlicher Erfahrung, den Athleten-Vertretern eine Lektion in Protokoll- und Stilfragen erteilen zu müssen.

          Nicht nur Baar empfand das als eine „Unverschämtheit“ und den Versuch, „eine Schraube zurückzudrehen“. So stark war die Empörung, dass sich Anita Defrantz hinterher für ihren Auftritt „entschuldigte“. So jedenfalls berichtet es Peter Tallberg, der das Verhalten der Kollegin als „dumm“ bezeichnete. Der finnische Vorsitzende der Athleten-Kommission war sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten und den Eindruck zu vermeiden, als habe die IOC-Vormacht einen Disziplinierungsversuch gegenüber ihren Jung-Olympiern gestartet. Zugleich zeigte er Baar die Gelbe Karte: Er müsse sich aktiver an der Kommissionsarbeit beteiligen - oder aber seinen Platz räumen.

          Die meisten der Kommissionsmitglieder sind vor einem Jahr zu IOC-Mitgliedern aufgestiegen. Das hat sie in ihrem Selbstvertrauen gestärkt. Zusammen mit Baar und Koss sind es elf an der Zahl, gewählt von den Teilnehmern der Winter- und Sommerspiele in Nagano und Sydney. Am Montag wurden sie in weitere IOC-Kommissionen eingeteilt, was ihren Einfluss zumindest theoretisch verstärkt. Baar bekam eine Berufung in die wichtige Arbeitsgruppe für das Olympia-Programm. Der erfolgreichste Achter-Schlagmann mag nicht an einen Alleingang von Anita Defrantz glauben.

          Er sieht, „wie eine ganze Reihe anderer Mitglieder in der Kommission“, gegenwärtig den Versuch der IOC- Führung, „den Demokratisierungsprozess zurückzudrehen“. Alles werde weiterhin vorbestimmt, „die Neuwahlen in das IOC im September waren wieder nur ein Abnicken“, daran habe auch das Vorschalten einer Auswahlkommission nichts geändert. Nach wie vor gebe es im IOC kein internes Informationssystem, „man ist völlig auf sich allein gestellt. Da kann man verzweifeln“, und er stelle sich die Frage, ob er seine auf vier Jahre befristet IOC-Mitgliedschaft aufgeben und „rausgehen soll“.

          Er will es nicht tun, obwohl er weiß, dass er vor einem doppelten Dilemma steht. Einerseits stellt er sich die Frage: Wie könne er etwas erreichen, „ohne von dem System aufgesogen zu werden“. Andererseits fühlt er sich als einfacher Arbeitnehmer in seinen Möglichkeiten stark eingeschränkt. Der 35-jährige Maschinenbau- Ingenieur in den Diensten von VW („Niemand in der Konzernspitze hat meine Mitgliedschaft bisher wahrgenommen“) muss für all seine olympischen Einsätze Urlaub nehmen. Er verfügt über kein Sekretariat und fühlt sich schlecht organisiert. Als sich die Athleten-Kommission am Dienstag in Lausanne mit der IOC-Exekutive traf, war Baar schon abgereist und begleitete NOK-Präsident Walther Tröger in Berlin bei der Übergabe eines IOC-Geschenks an Bundespräsident Johannes Rau.

          „Das finde ich überhaupt nicht gut“, kritisierte Thomas Bach. Baar solle „nicht das Sektglas im Schloss Bellevue schwenken“, sondern als Mitglied der Kommission an dem Treffen mit der IOC-Exekutive teilnehmen, riet der IOC-Vize aus Tauberbischofsheim seinem deutschen Kollegen. „Man kann berechtigte Kritik haben. Doch dann muss man auch dazu stehen und die Chance nutzen, sie anzubringen.“

          Das meinte auch Tallberg: „Roland hat schon bei der Schlussfeier in Sydney gefehlt, als die Athleten-Vertreter als neue IOC-Mitglieder vorgestellt wurden. Er hat hier in Lausanne bei unserer ersten Sitzung gefehlt und heute auch als unser Vertreter in der Programm-Kommission. Er müsste aktiver sein. Andernfalls sollte er Konsequenzen ziehen. Es gibt andere Athleten, die gerne aktiv in unserer Kommission mitarbeiten würden.“ Im übrigen könne er der grundsätzlichen Kritik Baars am IOC nicht folgen. „Roland ist in der Kommission ein bisschen isoliert.“ Das habe sich auch beim Treffen mit der IOC-Spitze gezeigt, bei dem kein Wort der Kritik gefallen sei. Baar gestand den Fehler einer falschen Planung ein: „Ich habe von den Terminüberschneidungen zu spät erfahren.“ Von seiner Grundsatzkritik an der gegenwärtigen IOC-Politik will er jedoch nicht lassen: „Man kann verzweifeln.“

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