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Olympia-Attentat von 1972 : Gedenkort als Mahnung zu „Frieden und Freiheit“

  • Aktualisiert am

Der IOC-Präsident und zwei Hinterbliebene: Thomas Bach mit Ilana Romano, Witwe des bei der Geiselnahme ermordeten israelischen Gewichthebers Josef Romano, und Anke Spitzer (rechts), Witwe des ermordeten israelischen Fechtmeisters André Spitzer, Bild: dpa

45 Jahre nach der Ermordung von elf israelischen Olympioniken während der Sommerspiele von München wird eine Gedenkstätte eingeweiht. Die Feier wird zur Demonstration für Frieden und Freiheit.

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          Reuven Rivlin hielt seine Wut auf die „verfluchten Terroristen“ nicht zurück. Israels Staatspräsident sprach mit bebender Stimme über die „Olympischen Spiele des Blutes“ 1972 in München mit dem Attentat, dem vor 45 Jahren elf seiner Landsleute und ein deutscher Polizist zum Opfer gefallen waren. Doch Rivlin war am Mittwoch nicht an den Ort des schrecklichen Anschlags gekommen, um mit etwas abzurechnen. Sondern, um zu appellieren: Vom neuen Mahnmal „Einschnitt“ im Olympiapark müsse die Botschaft ausgehen: „Wir dürfen dem Terror nicht nachgeben!“

          Damit sprach Rivlin beim Festakt zur Einweihung des Gedenkortes vielen Beteiligten aus dem Herzen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier redete über die „Geißel des Terrorismus, die womöglich gefährlicher als je zuvor“ sei. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer betonte, von München müsse das Signal ausgehen: „Geben wir Hass und Gewalt keine Chance! Machen wir uns stark gegen Antisemitismus, Radikalismus und Terror - für Frieden und Freiheit!“

          Auch IOC-Präsident Thomas Bach rief bei der Feier in der nahen BMW-Welt dazu auf, Entschlossenheit zu demonstrieren beim Versuch, die „olympischen Werte“ zu verteidigen. Dies sei umso wichtiger in einer Welt, „die so verletzlich ist wie nie zuvor“.

          Rivlin und Steinmeier, Seehofer und Bach sowie weitere Prominenz aus Politik und Sport waren mit Angehörigen der Opfer zusammengekommen, um an die Geschehnisse des 5. und 6. September zu erinnern. Damals waren acht Terroristen der palästinensischen Organisation „Schwarzer September“ ins Olympische Dorf eingedrungen, wo sie zwei israelische Sportler töteten und neun Geiseln nahmen. Der Versuch, diese 36 Stunden später auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck zu befreien, endete in einem Blutbad.

          „Beschämt uns bis heute“

          Dies „beschämt uns bis heute“, sagte Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle bei der Einweihung der Gedenkstätte auf dem „Lindenhügel“ zwischen Olympiastadion und Olympischem Dorf. Die Spiele aber wurden damals fortgesetzt, IOC-Präsident Avery Brundage sprach seine inzwischen berühmten Worte: „The Games must go on.“

          Noch heute empfinden viele Hinterbliebene darüber Unverständnis. „Die toten Körper waren noch auf dem Gelände, da gab es schon wieder Cocktailpartys“, sagte Ankie Spitzer der taz. Die Witwe des 1972 ermordeten Fechttrainers André Spitzer sprach am Mittwoch darüber, welch „langen, einsamen“ Weg sie bis zur Eröffnung der „wunderschönen und bewegenden Gedenkstätte“ mit Tafeln für jedes Opfer gegangen sei.

          Deutsche Behörden hätten sie nach der „dunkelsten Stunde der olympischen Geschichte“ über Jahrzehnte „belogen, erniedrigt und versucht, ihre unglaublichen Fehler zu vertuschen. Sie sagten uns sogar, dass wir den Terror auf deutschen Boden gebracht hätten.“ Ihre Mitstreiterin Ilana Romano, Witwe des Gewichthebers Josef Romano, sprach von „Antisemitismus und Mangel an Sentimentalität“.

          Ihr Mann und dessen Landsleute seien 1972 „voller Stolz“ nach München gereist - und „kehrten in Särgen zurück. Ihr einziges „Fehlverhalten“ war, dass sie Israelis waren.“ Anlässlich der Einweihung empfinde sie „tiefen Schmerz, aber auch ein Gefühl der Befriedigung und der Dankbarkeit“, sagte Romano.

          „Lange, viel zu lange fehlte dieser Ort, lange, viel zu lange sind die Opfer in der öffentlichen Wahrnehmung hinter den Tätern verblasst“, gab Steinmeier zu. Für eine Schweigeminute im Rahmen der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele kämpfen Spitzer und die anderen noch immer vergeblich, 2016 in Rio de Janeiro gab es immerhin eine Gedenkfeier im Athletendorf.

          Spitzer wünscht sich überdies eine deutsch-israelische Untersuchung, „damit es entweder ein Verfahren gibt, was ich nicht hoffe, oder angemessene Entschädigungszahlungen“. Bislang erhielten die Angehörigen drei Millionen Euro.

          Steinmeier sprach im Gedenken an die „Katastrophe“ von München indes „ein immer währendes Versprechen“ aus: „Nur wenn Juden in Deutschland vollkommen sicher, vollkommen zu Hause sind, ist dieses Deutschland bei sich.“ Die ersten Besucher standen da längst interessiert vor den Gedenktafeln.

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