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Olympia 2012 : Auch Leipzig hat ein „großartiges Konzept“

  • -Aktualisiert am

Herzstück der Leipziger Bewerbung: Das Zentralstadion Bild: dpa

Oberbürgermeister Tiefensee fühlte sich nach dem Besuch der NOK-Kommission bestätigt: „Spiele in Leipzig sind nicht nur machbar, sondern hervorragend machbar.“

          Die sächsische Gastfreundlichkeit und Liebenswürdigkeit schienen den größten Eindruck auf Dieter Graf Landsberg-Velen gemacht zu haben. „Das Konzept von Leipzig ist in sich schlüssig, der Besuch hier war ein schönes Erlebnis“, lobte der Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK).

          Kritischere Töne waren dem Vorsitzenden der Evaluierungskommission für die Olympiabewerber 2012 dann auch nicht zu entlocken. Ein paar Details hätte es anzumerken gegeben, aber das Konzept sei „großartig“. Nichts neues also - auch die Konzepte der vier anderen Bewerberstädte Hamburg, Stuttgart, Frankfurt am Main und Düsseldorf waren überzeugend, einmalig und großartig.

          Tiefensee und Milbradt - in Harmonie für Leipzig

          Vielleicht macht dann doch die sächsische Herzlichkeit den Unterschied? Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt gab sich jedenfalls menschlich: „Ich fühle mich sehr erleichtert nach dieser Einschätzung, man hat ja immer Herzklopfen, wenn man geprüft wird.“ Das freundliche Lächeln wich dem sonst eher ernst-mürrischen Politiker gar nicht mehr von Lippen.

          Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee hingegen sah reichlich überarbeitet aus, mit tiefen Ringen unter den Augen. Vielleicht immer noch Nachwirkungen der Bundestagswahl und der Ablehnung von Bundeskanzler Schröders Ruf ins Kabinett. Tiefensee, unabdingbar in Leipzig: „Ich werde in der Phase bis 2003 und der darauf folgenden bis 2005 gebraucht. Die Olympia-Bewerbung spielt dabei eine entscheidende Rolle“, sagte Tiefensee vor einigen Tagen.

          Der olympische Ehrgeiz des Bürgermeisters

          Tiefensee für Olympia 2012, Olympia 2012 für Leipzig. Oder doch Leipzig für Tiefensee? Ein cleverer PR-Schachzug scheint die Olympia-Bewerbung jedenfalls sowohl für die Stadt als auch für den Oberbürgermeister zu sein. Die Zustimmung der Bevölkerung zur Bewerbung ist hoch, 80 Prozent sagten in einer Umfrage des Leipziger Instituts für Marktforschung ja zu Olympia. Als Vorteile der Region gegenüber den anderen Bewerbern nannten die Leipziger auf den ersten Plätzen - ja, genau - die sächsische Gastfreundlichkeit und die Sportbegeisterung. Und was die Stadt angeht: „Der Marketing-Effekt der Olympia-Bewerbung für Leipzig ist natürlich beabsichtigt“, sagt Burkhard Jung, der Olympia-Beauftragte der Stadt, „aber in erster Linie geht es darum: Wir wollen gewinnen!“

          Was aber, wenn daraus nichts wird? Die Mitbewerber sind stark, Hamburg gilt als Favorit, die internationale Bekanntheit Leipzigs lässt vergleichsweise zu wünschen übrig. Diese Argument lässt Jung nicht gelten, in Sportfunktionärs- und Profikreisen sei Leipzig als Sportstadt sehr ein Begriff.

          Doch Leipzig steht in der Welt des Sports auch für die noch immer ungelösten Spätfolgen des DDR-Sportsystems, dessen Zentrale Leipzig neben Berlin war. Beim Deutschen Turnfest im Mai in Leipzig musste der Geschäftsführer des Organisationskomitees, Volker Mattausch, kurzfristig gehen - er war Stasi-Mitarbeiter.

          Die sportliche Vergangenheit spannt Fallstricke

          Die deutsche Schwimm-Meisterschaft wurde in diesem Jahr nicht an Leipzig vergeben, weil das nötige Geld fehlte und der Vorsitzende des Sächsischen Schwimmverbandes ebenfalls für die Stasi gearbeitet haben soll.

          Vor solchen bösen Überraschungen wird Leipzig auch in Zukunft nicht sicher sein, räumt Tiefensee ein: „Diese Krake Stasi oder Diktatur wird vielleicht sogar bis ins Jahr 2012 wirken. Aber bei uns wird nichts verschämt gemacht oder versteckt, sondern auf öffentlicher Bühne die Vergangenheit bewältigt.“

          Besonders beliebt ist dieses Thema in Leipzig allerdings nicht, da hält man sich schon lieber an die Worte von NOK-Vizepräsident Landsberg-Velen: „Leipzig kann stolz sein auf das, was es in den letzten zehn Jahren geschafft hat.“

          Fraglich ist nur, ob all diese Olympiabegeisterung in der Stadt auch bei der Wahl des deutschen Bewerbers am 12. April 2003 helfen wird. Schließlich stimmt dort nicht die Bevölkerung, sondern Sport-Funktionäre ab. Die Ergebnisse der Evaluierungskommission sind nur eine Empfehlung, und andere Städte dürften eine größere Lobby im westdeutsch dominierten NOK haben.

          Leipzig will dennoch gewinnen

          Was also, wenn Leipzig bei der Wahl gar als erste Stadt ausscheiden würde? „Das wird auf gar keinen Fall passieren“, wehrt der Olympia-Beauftragte Jung lachend ab, „dafür ist unsere Bewerbung viel zu gut.“ Außerdem gehe es eben nicht in erster Linie um Öffentlichkeitsarbeit, sondern darum zu gewinnen, deswegen seien solche Überlegungen überflüssig. Zur sächsischen Gastfreundlichkeit gesellt sich offenbar auch eine ordentliche Portion Selbstvertrauen und Zuversicht, getreu dem neuen Motto der Leipziger Image-Kampagne: „Leipziger Freiheit.“

          So frei, über Olympia in Leipzig nachzudenken, war schließlich schon Erich Honecker zu DDR-Zeiten gewesen - ein Umstand, dessen sich die Leipziger Verantwortlichen durchaus bewusst sind. Aber ohne negative Vorzeichen, denn sie versuchen zu überzeugen, dass esum den Sport geht und nicht um Politik. Zumindest sitzen CDU-Ministerpräsident Milbradt und SPD-Oberbürgermeister Tiefensee - Milbradts wahrscheinlicher zukünftiger Herausforderer - in schönster Harmonie an einem Tisch, ganz sächsische Liebenswürdigkeit.

          Olympia auch in kleineren Städten

          Einen Pluspunkt könnte Leipzig jedenfalls noch für sich vereinnahmen, gibt der Kommissionsvorsitzende Landsberg-Velen zu bedenken: „Der IOC-Präsident Jacques Rogge hat gesagt, dass Olympische Spiele nicht nur in Mega-Metropolen stattfinden sollen, sondern auch in kleineren Städten, die die Voraussetzungen erfüllen und die nötige Aufbruchstimmung mitbringen.“

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