https://www.faz.net/-gtl-102gn

Wie China sich feiert : Olympische Macht

  • -Aktualisiert am

Die Eröffnungsfeier fand international viel Anerkennung und überzeugte chinesische Kritiker Bild: dpa

Die olympische Eröffnungsfeier diente China auch dazu, sein Verhältnis zur Welt ins Bild zu setzen. Die Inszenierung blieb meist zurückhaltend. Nur andeutungsweise wurde ein chinesischer Universalanspruch erkennbar.

          Das Feuerwerk der ästhetischen Reize bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele fand international viel Anerkennung und hat auch chinesische Skeptiker überrascht. Zhang Yimou, der Zeremonienmeister, stellte eine unglaubliche Fähigkeit unter Beweis, Konzepte in Bilder und Töne zu übersetzen, die auch in der Stadiondimension nicht ihre Poesie verloren. Aber man würde das Schauspiel verharmlosen, sähe man es bloß als Folkloredarbietung oder gar als Darstellung „der Kultur“ an, die mit Politik nichts zu tun hat; es gibt ohnehin keine einheitliche chinesische Kultur. Der Aspekt, der ausgewählt wurde, war vielmehr der denkbar größte: das Verhältnis Chinas zur Welt; es ging darum, wie sich China unser aller Zukunft vorstellt.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das hat einiges mit einer traditionellen Form des chinesischen Selbstbewusstseins zu tun, das ursprünglich nicht das einer speziellen Nation unter anderen ist, sondern eher das einer Art Dachverband aller bekannten Staaten. Der Begriff „Alles unter dem Himmel“, den das alte China für sich gebrauchte, meinte eigentlich die ganze Welt; beides fiel im Altertum zusammen, da die bekannten Grenzen der zivilisierten Welt damals durch das gemeinsame chinesische Schriftsystem markiert wurden, während sich an den Rändern bloß mehr oder weniger schriftlose Barbaren zu tummeln schienen. Eine solche Vorstellung hat heute natürlich niemand mehr, längst versteht sich auch China als Nation, aber das Verhältnis zur Welt wird doch weit verflochtener gedacht als im Westen üblich.

          Globales Action-Painting

          Das zentrale Symbol für diese Durchdringung war bei der Olympiafeier das Gemälde, das die schwarzgekleideten Tänzer mit ihren Bewegungen über die entfaltete Bildrolle schufen: ein einfaches Bild mit Bergen und Sonne im Geist der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei. Dieses ganz und gar chinesische Motiv, bei dem sich uralte Muster mit neuester Technik verbinden, wurde am Ende dann zu einem universellen Bild, als die zehntausend einziehenden Athleten aus aller Welt darüberliefen und es durch die unter dem Papier verborgenen Farben zu einem globalen Action-Painting machten. Die ganze Welt soll in der chinesischen Landschaft ihr Zuhause finden können.

          Der Schlüssel des Zusammenlebens entstammt ebenfalls der chinesischen Tradition: Es ist die Harmonie, ein konfuzianischer Begriff, zufällig auch das Leitmotto der gegenwärtigen chinesischen Regierung, das bei der Vorstellung der Druckkunst als eine der „vier Erfindungen Chinas“ aus den Tiefen eines Druckkastens in dreifacher Schriftzeichenversion hervortrat. Später vollzogen 2008 Tänzer ihre Taichi-Übungen innerhalb eines Kreises, der um ein Rechteck in der Mitte gezogen war: Das symbolisierte die Einheit der Gegensätze, die im Taoismus die Grundlage für das Verständnis von Harmonie zwischen Einheit und Vielfalt herstellt.

          Universelle Botschaft

          Ansonsten war die Zeremonie durchsetzt von kosmischen Phantasien. Zhang Yimous Schauspiel präsentierte damit das Selbstbewusstsein einer Kultur, die für das Ganze denkt. Die Botschaft war: Die chinesische Kultur ist nicht weniger universell als die westliche. Die ganze Welt kann ihren Platz in der chinesischen Kultur finden, so wie sie ihn bis jetzt in der westlichen gefunden hat. Das enthält eine Voraussage: Die Welt wird künftig auch durch China geprägt sein, aber jeder soll in ihr seinen Platz finden. Das ist eine Vorstellung, die man als Vereinnahmung verstehen und entsprechend gruselig finden kann. Aber so hatte es das traditionelle Konzept nicht gemeint.

          In der politischen Praxis stellt sich allerdings die Frage, wie das Verhältnis von Einheit und Vielfalt, Staat und Diversität konkret aussehen soll. Das ist heute nicht nur außenpolitisch uneindeutig, sondern auch im Umgang der Volksrepublik mit ihren Nationalitäten, Religionen und Dissidenten. Schon die Entscheidung, wer die Definitionen vornimmt, ist eine Machtfrage. Anders als in seinem Film „Hero“, der den Ersten Kaiser Qin Shihuangdi, der China gewaltsam einte, rechtfertigte, gab Zhang Yimou an diesem Abend darauf keine Antwort. Eine Demonstration der nationalen Stärke führte er nur zu Beginn vor, als 2008 Trommler den Takt zum Eröffnungs-Countdown schlugen: Das sollte wohl die machtpolitische Voraussetzung dafür darstellen, dass sich die chinesischen Konzepte überhaupt wieder zur Geltung bringen können. Im weiteren Verlauf des Abends ließ er solche Machtsignale nicht mehr in das Spiel der Gegensätze eingreifen.

          Die Geschichte wird zeigen, wie diese Zurückhaltung zu interpretieren ist. Der Universalismus, den China beansprucht, beruht, anders als der westliche, nicht auf Aussagen über den Menschen, sondern auf einer Lehre der Beziehungen. Theoretisch könnten sich die beiden Universalismen also komplementär zueinander verhalten und ihre jeweiligen Leerstellen gegenseitig füllen. Praktisch wird es darauf ankommen, inwiefern die Machtpolitik diesen Überbauten tatsächlich entspricht.

          Weitere Themen

          Eine Girlband für Kim Jong-un

          Nordkorea : Eine Girlband für Kim Jong-un

          Der nordkoreanische Diktator hält zwar an der Machtpolitik seiner Vorväter fest, setzt aber neue ästhetische Akzente: im Pop. Exklusiver Vorab-Auszug aus dem Buch „Der Spieler. Wie Kim Jong-un die Welt in Atem hält“.

          Topmeldungen

          Ziel geopolitischer Interessen : Die Tragödie der Arktis

          Je schneller das Eis in der Arktis schmilzt, desto größer werden die konkurrierenden Begehrlichkeiten. Man kann an diesem Theater ablesen, wie sich die politischen Interessen verschoben haben.

          Ringen um den Brexit-Deal : Macron erwartet von Johnson neue Erklärungen

          Berlin und London haben im Streit über den britischen EU-Austritt Gesprächsbereitschaft signalisiert. Für Frankreich sei eine Neuverhandlung des EU-Austritts auf der Grundlage der bisherigen Vorschläge von Johnson jedoch „keine Option“, sagt Macron.

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Gedächtnisschwäche und Meinungsbildung

          Grönland-Debatte, Fleischkonsum oder Greta Thunberg: Schaffen die Medien unsere Wirklichkeit, oder bilden sie diese nur ab? Das war das eigentliche Thema dieses Abends, der an fast vergessene Ereignisse der letzten Wochen erinnerte.
          Glück im Spiel, Pech an der Börse? Gamer auf der Gamescom in Köln

          Gamescom : Gamer haben an der Börse keinen Spaß

          Das vergangene Jahr war für viele Entwicklerfirmen ein schlechtes Jahr. Das lag vor allem an einem Spiel. Warum Analysten trotzdem weiterhin auf die Gaming-Papiere setzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.