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Westliche Kritik an China : Blinder Fleck

  • -Aktualisiert am

Spricht von „gewaltigen Voreingenommenheiten” gegenüber China: der Pekinger Künstler Ai Weiwei Bild: picture-alliance/ dpa

Was bedeutet es, dass sich in China sogar Regierungskritiker oft nicht mit dem westlichen Blick auf ihr Land anfreunden können? Die Olympischen Spiele stellen auch den Westen und die mangelnde Selbstreflektion über seine Rolle auf die Probe.

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          Zum Beginn der Olympischen Spiele erreicht die westliche China-Kritik einen neuen Höhepunkt. Doch die Begegnung stellt auch den Westen auf die Probe. Nie zuvor seit seinem eigenen Aufstieg war er so intensiv mit einer Macht jenseits seines Einflussbereichs konfrontiert, die ihn ökonomisch, kulturell und politisch herausfordert. Was bedeutet das für seinen Universalismus, für die Überzeugung, dass die Werte, die er vertritt, in der ganzen Welt und für alle Gültigkeit haben?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das ist im Falle Chinas bemerkenswerterweise nicht zuerst eine Frage des Kulturrelativismus. China und zumal seine Eliten kennen seit Jahrzehnten kaum Berührungsängste gegenüber der westlichen Kultur, und unter den regierungskritischen Intellektuellen fehlt es nicht an Fürsprechern von Pressefreiheit, Rechtsstaat und Demokratie, die sie gleichfalls nicht zögern, „universelle Werte“ zu nennen. Gleichwohl artikuliert sich gerade unter diesen Intellektuellen in letzter Zeit eine deutliche Differenz zur westlichen Perspektive. Nach dem Tibet-Konflikt setzten sie sich gleichermaßen vom aufbrandenden chinesischen Nationalismus ab wie von dem, was sie Ignoranz und Überheblichkeit des Westens nannten. Kurz vor den Spielen spricht jetzt sogar Ai Weiwei, der bekannteste Repräsentant der chinesischen Kulturwelt, in einem Interview mit der „New York Times“, in dem er über fehlende Freiheiten in China kein Blatt vor den Mund nimmt, von „gewaltigen Voreingenommenheiten und naiven Urteilen im Verständnis der Welt von China“ - als „Ergebnis einer historischen ideologisch-politischen Entfremdung“.

          Kein Sinn für die Veränderung

          Diese Distanz könnte verwundern. Sitzen nicht alle, die für das Menschenrecht streiten, im selben Boot? Das übliche Erklärungsmuster, das die Verweigerung eines westlichen Blicks auf Nationalismus zurückführt, scheidet hier aus. Nicht die Werte finden diese Kritiker falsch, sondern die Vorstellung von China, die manche westlichen Vorkämpfer dieser Werte verbreiten. Dass China ein Staat ohne Gewaltenteilung und Medienfreiheit ist, den man deshalb mit Fug auch Diktatur nennen kann, würden sie nicht bestreiten; aber sie stellen in Frage, dass mit diesem Begriff schon alles gesagt ist. Sie monieren, dass viele im Westen die Veränderungsprozesse auf allen Ebenen der chinesischen Gesellschaft und Politik, die für ihr Ringen um mehr Rechte die tägliche Ausgangsbasis sind, gar nicht mitbekommen. Sosehr die Kommunistische Partei an ihrem Herrschafts- und Kontrollanspruch festhält, so sehr hat sich der Inhalt dessen, was Partei, Kommunismus, Kontrolle und Herrschaft bedeuten, verändert, was auf das gewöhnliche Leben sehr direkte Auswirkungen hat.

          Deshalb werfen die Kritiker dem Westen vor, mit seiner Entweder-oder-Moral die für Chinesen selbstverständlichen Ambiguitäten zu verfehlen, innerhalb deren sich ihre Kämpfe bewähren müssen - sowohl die ums Überleben als auch die um größere politische Freiheiten. Kurz, sie scheinen das China, in dem sie leben, in dem westlichen Bild nicht wiederzuerkennen und sind daher geneigt, es für eine ideologische Konstruktion zu halten.

          Vom Westen gelenkt

          Dahinter steht etwas, das man eine geopolitische Unschärferelation nennen könnte. Denn der Universalismus, wie er im Westen gegen China in Stellung gebracht wird, hat einen blinden Fleck: die Annahme, es gebe in der politischen Welt einen Ort, an dem sich jenseits von Macht und Interessen urteilen ließe. Dieser Ort heißt im westlichen Sprachgebrauch „zivilisierte Welt“ oder „internationale Gemeinschaft“, worunter ein homogenes Gebilde zu verstehen sei, das seine Angelegenheiten zunehmend in die eigene Hand nimmt. Doch außerhalb des Westens und zumal in China glaubt man den Grund zu kennen, weshalb westliche Moralisten so viel Zutrauen zu dieser Welt haben: Es ist eine Welt, die nach wie vor von westlichen Institutionen gelenkt wird. Mag die chinesische kollektive Erinnerung auch voller hausgemachter Schrecken sein, so ist China betreffs der internationalen Gemeinschaft nicht erinnerlich, dass dies jemals ein verlässlicher Beistand gegen jene gewesen sei. Im Gegenteil.

          Es ist daher nicht verwunderlich, wenn westliche Kritik nicht nur zum Nennwert genommen wird, sondern auch als Ausdruck oder Überbau westlicher Interessen, gegen die die Interessen des eigenen Landes (selbst wenn man dessen Regierung kritisiert) verteidigt werden müssen. Verwunderlicher ist, dass es im Westen bislang so wenig Selbstreflexion über die eigene Rolle gibt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie bis jetzt nicht nötig erschien. Man muss sich erst mal an die Vorstellung gewöhnen, dass die Lenkung der Welt mit China geteilt wird.

          Universalismus auf dem Prüfstand

          Für die universellen Werte, die der Westen vertritt, braucht das kein Schaden zu sein. Ihnen bietet sich damit erst recht die Gelegenheit, ihre Universalität zu erweisen. Sie heben sich selbst auf, wenn sie als Waffen im Kampf um andere Interessen gebraucht werden, während eine Voraussetzung der westlichen Moderne von jeher die Fähigkeit war, aus sich herauszutreten und von außen zu sehen. Es käme also in der gerade entstehenden Phase vor allem darauf an, die Werte selbst anzuwenden. Das schließt die Artikulation der eigenen Überzeugungen ein, vor allem die Entschiedenheit, Opfern staatlicher Willkür, wo immer es sie gibt, zur Seite zu stehen. Aber auch die Bereitschaft, um der Werte willen die eigene Machtperspektive zu relativieren und sich in die Perspektive des anderen hineinzuversetzen. Die Olympischen Spiele könnten die Gelegenheit dafür sein.

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