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Rekord-Olympiasieger Michael Phelps : „Wow, was für ein Titel“

Wie ein Mann aus der Zukunft Bild: AP

Die Gründe für die Leistungsexplosion im Schwimmen sind noch diffus, doch das neue Zeitalter hat ein Gesicht: Michael Phelps ist nicht nur der erfolgreichste Schwimmer - er ist auch der erfolgreichste Olympionike der Neuzeit. Dabei musste er am geschichtsträchtigen Tag schwer atmen.

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          Kein emotionaler Aufschrei wie nach dem Staffel-Drama, kein befreiender Jubel wie nach seiner ersten Medaille in Peking. Nicht einmal ein Lächeln ging ihm über die Lippen, er schüttelte nur immer wieder den Kopf, rieb sich die Augen. Der Augenblick, als Michael Phelps der erfolgreichste Sportler der 112-jährigen Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit wurde, hätte nicht unspektakulärer sein können.

          Cai Tore Philippsen

          Verantwortlicher Redakteur für die Redaktion FAZ.NET

          Welch ein krasser Gegensatz zu den täglich überdrehteren Superlativen, mit denen der 23 Jahre alte Amerikaner bedacht wurde. Der Olympiasieg über 200 Meter Schmetterling (1:52,03 Minuten/Weltrekord) in Peking - das war seine insgesamt zehnte Goldmedaille. Damit verdrängte er Carl Lewis (Leichtathletik/Amerika), Larissa Latynina (Turnen/Sowjetunion), Paavo Nurmi (Leichtathletik/Finnland) und Mark Spitz (Schwimmen/Amerika), die auf jeweils neun Goldmedaillen kamen, vom Olymp (siehe auch: Die Goldenen Zehn: Die erfolgreichsten Olympioniken der Neuzeit).

          „Wow, was für ein toller Titel“

          Doch Phelps kletterte schwer atmend aus dem Wasser und winkte nur einmal kurz ins Publikum. Selbst das amerikanische Fernsehen, auf dessen Druck die Schwimmfinals in China in den Vormittagsstunden und damit in der amerikanischen Primetime stattfinden, musste ohne ein Zitat des Wunderschwimmers auskommen. Der Held des Tages verschwand ohne ein Wort in den Katakomben.

          Nummer zehn: So erschöpft hatte man Phelps in Peking noch nicht gesehen

          Später beschreibt er seine Gedanken in diesen Minuten: „Ich habe versucht, mich auf mein nächstes Rennen zu konzentrieren, aber ich musste immer daran denken, dass ich jetzt der beste Olympionike aller Zeiten bin. Wow, was für ein toller Titel.“

          Amerikanische Staffel vier Sekunden schneller als im vergangenen Jahr

          Nicht einmal achtzig Minuten nach dem sporthistorischen Moment stand Phelps wieder auf dem Startblock, führte die amerikanische 4 x 200-Meter-Freistil-Staffel zum Olympiasieg - sein elftes Gold. Und nun ließ er seinen Emotionen freien Lauf, feuerte Schlussschwimmer Peter Vanderkaay trotz des riesigen Vorsprungs der Amerikaner auf den Rest des Feldes lautstark an, schrie seine Freude laut heraus und warf die Arme in die Luft.

          In 6:58,56 Minuten hatten Phelps, Ryan Lochte, Ricky Berens und Vanderkaay dabei einen Weltrekord aufgestellt, fast vier Sekunden unter ihrer eigenen Bestmarke aus dem Jahr 2007. „Mehr hätte ich mir nicht wünschen können, darauf habe ich vier Jahre lang hingearbeitet“, sagt er und wirkt endlich befreit. Bei der Siegerehrung kasperte er sogar mit den Teamkollegen.

          Noch drei Goldchancen

          Unterdessen ging das Rekordfestival im „Wasserwürfel“ weiter. Alain Bernard (47,20 Sekunden) aus Frankreich und Eamon Sullivan (47,05) verbesserten in den Halbfinalläufen den 100-Meter Freistil-Weltrekord gleich zweimal. Frederica Pellegrini (Italien) wurde in Weltrekordzeit (1:52,03) Olympiasiegerin über 200 Meter Freistil und die Australierin Stephanie Rice (2:08,45) siegte in Rekordzeit über 200 Meter Lagen. Die 19 Jahre alte Australierin hatte bereits Gold über die doppelte Distanz gewonnen, ebenfalls in Weltrekordzeit.

          Damit steigt die Zahl der Weltrekorde bei Olympia auf 16. Doch der Tag gehörte Michael Phelps, und der ist noch lange nicht am Ziel. Nun will er die sieben Goldmedaillen einholen oder übertreffen, die Mark Spitz 1972 in München gewann. Dafür hat Sponsor Speedo eine Million Dollar ausgelobt. Sein Marathonprogramm sieht noch drei Rennen vor, noch drei Goldchancen: 100 Meter Schmetterling, 200 Meter Lagen und die 4 x 100-Meter-Lagen-Staffel.

          „Der beste aller Zeiten“

          „Er kann alles schaffen“, ist der Deutsche Paul Biedermann überzeugt, „er wird es schaffen.“ Phelps selbst gibt sich zurückhaltender. Erst einmal die Vorläufe überstehen und eine gute Bahn im Finale bekommen, sei das Motto. „Niemand ist unschlagbar“, das weiß er seit Athen, als die Überlegenheit ebenso deutlich schien und plötzlich zwei Bronzemedaillen den Spitz-Rekord unerreichbar machten.

          Auch an diesem Mittwoch im Schmetterlingsrennen musste er erfahren, dass Siege auch für ihn nicht selbstverständlich sind. Nach dem Start hatte Phelps plötzlich Wasser in der Brille, konnte die Wand vor der Wende und vor dem Anschlag kaum sehen. Und dann kramte Phelps noch sein Handy aus der Hosentasche und las stolz seine SMS von seinem Freund in der Heimat vor. „'Es ist Zeit, der beste aller Zeiten zu werden.' Das war das letzte, was ich vor meinem Rennen gelesen habe“, erzählt Phelps.

          Die Medaillen von Michael Phelps

          Athen 2004
          6 x Gold: 100 Meter Schmetterling, 200 Meter Schmetterling, 200 Meter Freistil, 400 Meter Lagen, 4 x 100 Meter Freistil, 4 x 100 Meter Lagen
          2 x Bronze:
          200 Meter Lagen, 4 x 200 Meter Freistil

          Peking 2008 (nach fünf Rennen)
          5 x Gold: 400 Meter Lagen, 200 Meter Schmetterling, 200 Meter Freistil, 4 x 100 Meter Freistil, 4 x 200 Meter Freistil

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