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Leser fragen, FAZ.NET antwortet (3) : Warum sind alle Schwimmer schnell - nur die Deutschen nicht?

Paul Biedermann konnte das Wasser „gut greifen” Bild: AFP

Die Rekordflut im „Wasserwürfel“ ist erstaunlich - ebenso die schlechten Leistungen der deutschen Schwimmer. „Woran liegt das? An den Schwimmanzügen? Und warum wird das Becken als besonders schnell bezeichnet?“, wollten Mirko Waldschmidt und Andreas Schulz wissen. FAZ.NET antwortet.

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          Die Rekordflut im „Wasserwürfel“ ist erstaunlich - ebenso die schlechten Leistungen der deutschen Schwimmer. „Woran liegt das? An den Schwimmanzügen? Und warum wird das Becken als besonders schnell bezeichnet?“, wollten die Leser Mirko Waldschmidt und Andreas Schulz wissen. FAZ.NET antwortet.

          Cai Tore Philippsen

          Verantwortlicher Redakteur für die Redaktion FAZ.NET

          Ob nun das Becken oder die Anzüge, die Rekordflut in Peking lässt sich nur zum Teil mit diesen externen Komponenten erklären. Hauptgrund für die Leistungsexplosion der Weltelite und das Debakel der Deutschen bleiben aber die Schwimmer selbst. „Das Becken ist schnell, das Wasser ist toll“, hatte Paul Biedermann nach Platz fünf über 200 Meter Freistil, der bisher besten Plazierung eines deutschen Schwimmers gesagt. Auf die Frage, was den an dem Wasser so besonders sei, sagte er: „Das versteht nur ein Schwimmer, es ist halt besonders griffig.“

          In Athen hatte Antje Buschschulte noch für die Ausrede der Spiele gesorgt, als sie sagte, sie bekomme das Wasser einfach nicht zu fassen. Die große Tiefe des Beckens im „Water Cube“ sorgt für wenig Widerstand. Wichtig ist auch, dass die Wassertiefe an allen Stellen des Beckens gleich ist. Das ist nicht so, wenn etwa an der einen Seite des Beckens ein Sprungturm steht. Dann ist das Wasser an dieser Stelle meist tiefer. Auch die Breite des Pekinger Beckens wirkt sich positiv aus. Obwohl jeweils nur acht Schwimmer im Wasser sind, verfügt es über zehn Bahnen, so können die Wellen am Rand überschwappen, ohne die Schwimmer auf den Außenbahnen zu bremsen. Die Athleten aus Australien mögen das Becken noch aus einem anderen Grund, es erinnert sie an das Olympiastadion in Sydney.

          Die Australierin Stephanie Rice im Speedo LZR Racer
          Die Australierin Stephanie Rice im Speedo LZR Racer : Bild: AP

          „Ein Anzug bringt Bruchteile“

          Die Debatte um die Anzüge der deutschen Schwimmer ist bereits vor den Spielen abgeflaut, flammte aber angesichts der desolaten Ergebnisse vieler Schwimmer noch einmal auf. Der Ausstatter der deutschen Schwimmer Adidas, hatte noch vor den Spielen einen Anzug entwickelt der mit dem „LZR Racer“ von Speedo vergleichbar ist.

          Im neuen Adidas-Anzug schwamm Britta Steffen im Juli in Madgeburg Europarekord (53,05 Sekunden) über 100 Meter Freistil. Antje Buschschulte sagt: „Ein Anzug bringt Bruchteile, aber kann nicht die Zeiten erklären, die viele von uns hier schwimmen.“ So blieben etwa die beiden Europarekordler Helge Meeuw (100 Meter Rücken) und Sarah Poewe (100 Meter Brust) jeweils mehr als eine Sekunde über ihren Bestzeiten und schieden bereits in den Vorläufen aus. Gute Leistungen brachten dagegen Biedermann, Antje Buschschulte oder etwa die Frankfurterin Meike Freitag - alle in Adidas-Anzügen.

          „Technologisches Doping“

          Dennoch, seit Speedo zu Beginn des Jahres den neuen Anzug an seine Athleten verschickte, fallen die Rekorde der Schwimmwelt in einem Ausmaß, das es zuletzt vor den Olympischen Spielen 1976 in Montreal gegeben hatte. 29 Weltbestzeiten auf der olympischen 50-Meter-Bahn gab es vor Peking, im „Water Cube“ kamen bisher 18 Rekorde hinzu.

          Der Anzug soll nicht nur die Gleitfähigkeit (Haifischhauteffekt) verbessern, die Kompressionskräfte sollen auch den Muskeln ihre Arbeit erleichtern und den Körper stabilisieren. Der Trainer der italienischen Nationalmannschaft Alberto Castagnetti spricht von „technologischem Doping“, sein Team wird von Arena ausgestattet. „Speedo gibt sehr viel Geld für die Forschung aus“, betont der Chefcoach der Australier Alan Thompson. Es sei gut, dass sich die Technologie der Anzüge weiterentwickle, jedoch nur im Rahmen der Regeln des Weltverbandes Fina. Thompson fordert: „Die Leistung des Sportlers muss im Mittelpunkt stehen.“

          Diskussionen um vermutete Luftkissen

          Ob die Speedo-Anzüge tatsächlich noch regelkonform sind, darüber wird am Beckenrand heftig gestritten. Hartnäckig hält sich der Vorwurf, zwischen Haut und Anzug würde sich ein Luftkissen bilden. Das würde für mehr Auftrieb sorgen und wäre damit verboten. Nike erlaubte seinen Athleten, mit Speedoanzügen anzutreten. Geprüft werden die Anzüge von der Fina - einer der Hauptsponsoren des Weltverbandes ist Speedo. Kaum verwunderlich also, dass Adidas eine neutrale Prüfstelle fordert.

          Argwohn: Verleiht die Pharmazie den Schwimmern Flügel?

          Was allerdings niemand nachmessen kann, ist der psychologische Effekt, den die angeblichen Wunderanzüge haben. Vielleicht ist es aber doch eine Wissenschaft, die den Schwimmern Flügel verleiht - die Pharmazie. So weckt nicht nur der mit elf Goldmedaillen beste Olympionike der Olympischen Spiele der Neuzeit, Michael Phelps, mit seinen stets schnelleren Zeiten Argwohn. Scheinbar ohne zu ermüden, zieht er Wettkampftag für Wettkampftag sein Marathonprogramm durch.

          Auch der französische Kraftprotz Alain Bernard, Olympiasieger über 100 Meter Freistil, wird kritisch beäugt. Oder die Australierin Stephanie Rice, deren rasender Aufstieg Fragen aufwirft. Sie gewann drei Goldmedaillen, dreimal in Weltrekordzeit. Dass noch kein Schwimmer erwischt wurde, ist nur ein kleiner Trost für die Sportfans, die wahren Gründe für die Leistungen von Jan Ullrich oder Marion Jones wurden auch erst Jahre nach ihren Erfolgen bekannt.

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