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Langstreckenschwimmen : Eine Medaille für die ganze Familie

Dritter im Wasser, Bronze an Land: Thomas Lurz Bild: dpa

Thomas Lurz hat in einem packenden Zehn-Kilometer-Rennen der Langstreckenschwimmer Bronze gewonnen. Sieger wurde der Niederländer Maarten van der Weijden. Er überstand vor sieben Jahren eine Krebserkrankung, will aber kein zweiter Lance Armstrong sein.

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          Drei Dinge muss ein Langstreckenschwimmer können. Er muss austeilen können, er muss einstecken können und er muss natürlich Ewigkeiten ohne Unterlass schwimmen können. Thomas Lurz beherrscht diesen Dreikampf über zehn Kilometer wie kaum ein anderer.

          Cai Tore Philippsen

          Leitender Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Sechs Weltmeistertitel feierte der Würzburger schon. Am Donnerstag im Shunyi-Park auf der Kanu- und Ruderstrecke gewann er bei der olympischen Premiere der Langstreckenschwimmer Bronze hinter dem Niederländer Maarten van der Weijden und David Davies aus Großbritannien.

          Abgedrängt vom Goldkurs

          Auf den letzten Metern zum Ziel waren es zwei Rangeleien im warmen Wasser, die den Achtundzwanzigjährigen um die mögliche Goldmedaille gebracht haben. „700 Meter vor dem Ziel habe ich mich mit dem Griechen behakt, das hat mich sehr, sehr viel Zeit gekostet“, sagt Lurz.

          Zehn Kilometer kein Land mehr in Sicht: Die Langstreckenschwimmer mit Thomas Lurz (2.v.l.) beim Startsprung

          Nachdem er Spyridon Gianniotis hinter sich gelassen hatte, sah er sich der Attacke des Briten Davies ausgesetzt. Der schwamm im Endspurt schräg durch den künstlichen See und drängte Lurz ab. Lachender Dritter war van der Weijden, der ohne gegnerischen Störung den besten Endspurt hatte und nach 1:51:51,6 Stunden gegen die Zeitmessmatte schlug. Lurz war genau zwei Sekunden später am Ziel. „Das war natürlich sehr knapp, aber das macht unseren Sport so aufregend“, sagte Lurz.

          Rote Karte für einen Russen

          Bei Davies war es allerdings weniger Absicht als vielmehr Orientierungslosigkeit. Der Bronzemedaillengewinner über 1.500 Meter Freistil im Becken von Athen, der auch in Peking den Endlauf über diese Distanz erreichte, schwamm erst sein drittes Rennen in einem offenen Gewässer. „Es ist sehr schwer, geradeaus zu schwimmen, wenn man zehn Kilometer hinter sich hat. Außerdem war ich schon total unterzuckert, mir war schwindelig“, sagte Davies. Nachdem er sich aus dem Wasser gequält hatte, wurde er von den Streckenärzten behandelt, kam aber schnell wieder auf die Beine.

          Auch an die harten Sitten auf der Strecke hat sich Davies noch nicht gewöhnt. „Ich bin getreten und geschlagen worden. Ich glaube, ich bin ein zu netter Kerl“, sagte er. Den größten Schläger unter den Schwimmern meinten die Schiedsrichter, die wie beim Fußball gelbe und rote Karten verteilen, in dem aktuellen Weltmeister Wladimir Diatschin ausgemacht zu haben. Der Russe wurde aus dem Wasser geschickt. Und wie beim Fußball sah er sich natürlich als Opfer, nicht als Täter.

          „Die Medaille gehört uns allen“

          Als der derzeit Beste auf dem Trockenen saß, war der Weg für die drei Medaillengewinner frei. „Ich bin überglücklich. Bei Olympia hat man gewonnen, wenn man eine Medaille hat. Wer sich darüber nicht freut, ist auf der falschen Veranstaltung“, sagte der Diplom-Soziologe Lurz. Die Medaille widmete er seinem im vergangenen Jahr verstorbenen Vater, dem Kopf der Schwimmerfamilie Lurz.

          Trainiert wird Thomas Lurz von seinem Bruder Stefan, der wiederum mit der Beckenschwimmerin Annika Lurz verheiratet ist. „Die Medaille gehört uns allen, wir sind eine Familie. Egal, ob Annika oder Thomas erfolgreich ist“, betonte Stefan Lurz.

          Der Sieger lernte im Krankenhaus Geduld

          Der glücklichste Mann an diesem völlig verregneten Olympiatag aber war Maarten van der Weijden. Bei dem 2,05 Meter großen Niederländer war 2001 Leukämie diagnostiziert worden. Mit dem Radprofi Lance Armstrong, der nach einer Hodenkrebserkrankung siebenmal die Tour de France gewinnen konnte, möchte er aber nicht verglichen werden. „Armstrong hat gesagt, positives Denken und Sport können dich retten. So etwas zu erzählen, ist gefährlich. Mich haben die Ärzte gerettet, ihnen bin ich dankbar.“

          Doch im Krankenhaus habe er gelernt, geduldig zu sein, Schmerzen zu ertragen und immer nur an den nächsten Tag zu denken. „Das hat mir heute geholfen, ich habe mich im Hintergrund gehalten und bin geduldig geblieben, bis meine Chance kam“, sagte van der Weijden, der sich sein Länderkürzel „NED“ auf den kahlrasierten Schädel gemalt hatte.

          Training im Sauerstoffzelt

          Der Niederländer setzte in seiner Vorbereitung konsequent auf Höhentraining. Dafür ging er allerdings nicht in die Berge, sondern legte sich seit Januar bis zu fünfzehn Stunden lang jeden Tag in ein Zelt, in dem die Höhe simuliert wird. Ein solches Zelt kostet rund 10.000 Euro. Dieses umstrittene aber erlaubte Hilfsmittel soll die Sauerstoffaufnahmekapazität der roten Blutkörperchen erhöhen und damit die Ausdauer verbessern.

          Im Lager der deutschen Schwimmer sind die Meinungen über das Training in der Höhe zudem umstritten. Während der scheidende Cheftrainer des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), Örjan Madsen, darauf schwört, ist Stefan Lurz skeptisch. „Wir haben es noch nie ausprobiert, wir waren noch nie in der Höhe. Ich wollte das Risiko vor Olympia nicht eingehen“, sagt Stefan Lurz.

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