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Die Rekorde und die Gerüchte : Die Armada hört nur Andeutungen

Der Anführer der Rekordarmada: Michael Phelps Bild: dpa

Die Rekordflut in Pekings Wasserwürfel hinterlässt viele Fragen, doch schon lange wurde kein Spitzenschwimmer beim Doping erwischt. Vorerst wird die von Michael Phelps angeführte Revolution in Pool nur von Andeutungen begleitet.

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          Der Schwimmsport erlebt in Peking eine Revolution. Nach drei Weltrekorden am ersten Finaltag der olympischen Wettkämpfe setzten die Athleten am Montag fünf neue Bestmarken. Damit steigt die Zahl der Weltrekorde auf der olympischen 50-Meter-Bahn auf 37 in diesem Jahr. Das wirft Fragen auf, die sich in der Welt des Hochleistungssports wohl nicht allein mit Wunderanzügen, neuen Trainingsmethoden und dem immensen Konkurrenzkampf in der Weltspitze beantworten lassen.

          Cai Tore Philippsen

          Leitender Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Doping wäre eine Antwort, doch lange schon ist kein internationaler Spitzenschwimmer mehr erwischt worden. Von einer Flut positiver Tests wie etwa in der russischen Leichathletik keine Spur. „Wir sind nicht so naiv zu glauben, dass nicht gedopt wird“, sagt der australische 1.500-Meter-Freistil-Olympiasieger von Sydney und Athen, Grant Hackett. Und Antje Buschschulte konstatiert: „Was kann ich dafür, wenn die Weltspitze so dermaßen enteilt ist?“

          Auf sich selbst konzentrieren - was soll Madsen sonst sagen?

          Wie die Konkurrenz das anstelle, wisse sie auch nicht, sie habe im Training alles getan. „Und ich halte mich nicht für untalentiert“, sagte die 29-Jährige nach ihrem Halbfinal-Aus über 100 Meter Rücken (1:01,15 Minuten). Kristy Coventry aus Zimbabwe schraubte den Weltrekord über diese Strecke im Halbfinale auf 58,77 Sekunden. Sie habe es lockerer angehen klassen, als sie merkte, dass es für das Finale reicht.

          Weltrekord: Stephanie Rice hat sich über 400 Meter Lagen binnen eines Jahres um rund sechs Sekunden verbessert - nun ist sie die schnellste Lagenschwimmerin der Welt

          Wenn seine Schwimmer fragen, „ob das alles mit rechten Dingen zugeht, breche ich das Gespräch sofort ab“, sagte der Cheftrainer der Deutschen Örjan Madsen. „Die Schwimmer sollen sich auf sich selbst konzentrieren. Ich gehe davon aus, dass der überwiegende Teil der Athleten sauber ist“, betonte der Norweger, dessen Engagement für den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) nach den Spielen endet. Was soll er auch anderes sagen.

          Desaströse Leistungen schon in den Vorläufen

          Viele seiner Schwimmer blieben so weit unter ihren Möglichkeiten, dass ihn ganz andere Sorgen quälen. Sein Projekt „Weltklasse 2008“ ist jetzt schon gescheitert. Neben Antje Buschschulte konnte bisher allein Paul Biedermann eine gute Leistung zeigen. Der 22-Jährige qualifizierte sich in 1:46,41 Minuten als Fünfter für das 200-Meter-Freistilfinale. Der deutsche Meister will sich im Endlauf nicht kampflos geschlagen geben: „Ich messe mich gerne in großen Wettkämpfen und habe auch keine Angst, gegen einen Michael Phelps zu schwimmen.“ Doch die vom DSV ersehnte Medaille wird auch er nicht gewinnen können.

          Am Abend scheiterten Annika Lurz und Petra Dallmann in den Vorläufen über 200 Meter Freistil. Die Zeiten waren desolat: Lurz blieb in 1:59,98 Minuten vier Sekunden und 30 Hunderstel über ihrer persönlichen Bestleistung. Dallmann brauchte 2:00,21 Minuten. Katharina Schiller (2:18,00 Minuten) und Sonja Schöber (2:20,18 Minuten) wurden über 200 Meter Lagen jeweils Vorlauf-Letzte. Schiller war dabei 3,7 Sekunden langsamer als die Vorletzte ihres Rennens. Schöber sagte: „Es tut weh. Es brennt. Ich habe für diese Leistung keine Erklärung.“

          Gold, Silber und Bronze werden in anderen Sphären verteilt. So gewann Michael Phelps mit der amerikanischen 4 x 100-Meter-Freistilstaffel in einem dramatischen Duell gegen das französische Quartett seine zweite Goldmedaille, natürlich in Weltrekordzeit. Erst im Vorlauf am Vortag hatten die Amerikaner ohne Phelps in 3:12,23 Minuten eine neue Bestmarke aufgestellt. Mit Phelps als Startschwimmer, Garrett Weber-Gale, Cullen Jones und Jason Lezak standen nach dem Anschlag 3:08,24 an der Anzeigetafel - 3,99 Sekunden weniger als am Vortag.

          Die Revolution ist nicht auf eine Nation begrenzt

          „Die letzten Meter von Jason waren unglaublich“, sagte Phelps, der weiter von acht Goldmedaillen träumen darf. Auch die um acht Hunderstel Sekunden geschlagenen Franzosen, die drittplazierten Australier, die Italiener auf Platz vier und die Schweden auf Rang 5 blieben unter der Rekordmarke vom Vortag. Die Revolution ist also keineswegs auf eine Nation begrenzt. „Es liegt nicht am Pool. Wer die Entwicklung der letzten Monate über 50 und 100 Meter Freistil gesehen hat, wusste, dass hier der Weltrekord fällt“, sagte Lezak.

          Und noch ein Rekord fiel im Staffelrennen. Als Startschwimmer der Australier kam Eamon Sullivan nach 47,24 Sekunden zum Wechsel. Seine Freundin Stephanie Rice hatte einen Tag zuvor in Weltrekordzeit Gold über 400 Meter Lagen gewonnen. Das Paar erlebt in diesem Jahr eine Leistungsexplosion, hoffentlich nur von der Liebe beflügelt.

          „Jede Zeitgrenze wird irgendwann zerstört“

          Den vierten Weltrekord des Tages markierte der Japaner Kosuke Kitajima bei seinem Sieg über 100 Meter Brust. Der Olympiasieger von Athen durchbrach dabei in 58,91 Sekunden die 59-Sekunden-Marke. „Jede Zeitgrenze wird irgendwann zerstört, es war ein perfektes Rennen“, sagte Kitajima unbeeindruckt. Ohne Rekorde wurde Lisbeth Trickett aus Australien in 56,73 Sekunden Olympiasiegerin über 100 Meter Schmetterling. Katie Hoff schwamm auch in ihrem zweiten Finale an Gold vorbei. Nach Bronze über 400 Meter Lagen wurde die Amerikanerin über 400 Meter Freistil hinter Rebecca Adlington (4:03,22) aus Großbritannien Zweite. „Ich schwebe über dem Mond“, sagte die Überraschungssiegerin.

          In Dallmanns Vorlauf am frühen Abend in Peking war die Italienerin Federica Pellegrini über 200 Meter in 1:55,45 knapp fünf Sekunden schneller als die Deutsche - der fünfte Weltrekord des Tages. Sechs Finaltage stehen bei den Schwimmwettbewerben in Peking noch an. Eine Trendwende ist weder beim Niedergang der deutschen Schwimmer noch beim Höhenflug der internationalen Konkurrenz zu erwarten. Die Revolution geht weiter. Noch gibt es keine Anzeichen, dass sie mit einer Selbstzerstörung endet, wie sie der Radsport in den vergangenen Jahren erlebt hat.

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