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Sportzeitung „Titan Sports“ : Training für die Olympia-Zuschauer

Bild: Greser & Lenz

Die Redaktion von „Titan Sports“ befindet sich derzeit im Besitz kostbaren Wissens. Kaum jemand in China ist näher am Pulsschlag des Landes, auch wenn sie in Peking nicht wie Titanen residieren, sondern eher wie Winzlinge. Die Sportzeitschrift profitiert von der Olympia-Begeisterung.

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          In China ist vieles groß, und vieles ist größer als im Rest der Welt. Und wenn sich die größte Sportzeitung des Riesenreichs „Titan Sports“ nennt, muss man sich darüber nicht wundern. Die Sport-Titanen residieren in Peking aber nicht wie Titanen, sondern wie Winzlinge. Aus einem schlichten, gerade mal fünf Stockwerke hohen Gebäude liefern sie die sportliche Grundversorgung für das ganze Land. Es gibt nicht einmal einen Schriftzug am Eingang, der auf die Zeitung hinweist. Aber „Titan Sports“ befindet sich in diesen Tagen im Besitz kostbaren Wissens. Denn kaum jemand in China ist näher dran am olympischen Pulsschlag des Landes.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Macher des konkurrenzlosen Blattes mit einer Auflage von rund einer Million wissen schon seit Jahren sehr genau, was die Chinesen am Sport interessiert, und sie haben auch eine Vorstellung davon, was die Welt von den Olympischen Spielen, den chinesischen Sportlern und dem Publikum erwarten kann.

          „Lob und Kritik ähneln sich“, sagt Li Zhang

          Von einem Sportblatt in China darf man nicht erwarten, dass es politisch ist. Aber „Titan Sports“ versucht auf ihre Weise, auch diese Seite der Spiele für ihre Leser zu spiegeln. Dass sie es nicht mit aller Schärfe tut, kann man verstehen. „Wir versuchen es in zwei Richtungen. Wir beobachten die ausländischen Medien und laden Reporter ein, ihre Meinung über die Spiele zu sagen. Und mit diesen Beobachtungen wollen wir die Leute in Peking konfrontieren, die dafür zuständig sind „, sagt Zhang Li.

          Schlange stehen für Olympiatickets: die Begeisterung der Chinesen ist entfacht

          Der chinesische Reporter kennt sich aus in der Welt. Er arbeitet seit fünf Jahren als Korrespondent in Europa und ist für die Spiele in die Pekinger Zentrale zurückgekehrt. Seit einer Woche stellt „Titan Sports“ für den Blick der Weltöffentlichkeit eine Seite bereit. „Das Lob und die Kritik ähneln sich“, sagt Li Zhang. Die Reporter sind von den Sportstätten und der Infrastruktur begeistert.

          Auch fünf Tage vor Olympia verkaufen sich ausländische Stars bestens

          „Hauptkritik sind Luftqualität, Verkehr und Internet.“ Am Tag, als im Westen die Internetzensur der Kommunistischen Partei die Schlagzeilen beherrscht, stellt das spanische Sportblatt „Marca“ sein Olympiakonzept vor, und ein Journalist des „Svenska Dagbladet“ wird mit der Aussage zitiert, dass Medienkritik zehn Tage vor einem Großereignis eine „Krankheit“ sei, die immer wieder ausbreche und sich dann lege.

          Der Aufmacher vom Sonntag aber gehört Rafael Nadal, der Roger Federer in der Tennis-Weltrangliste als Spitzenreiter ablösen wird. „Nummer 1 - Erste Show in Peking“, titelt „Titan Sports“. Ausländische Stars und Profisport verkaufen sich an Chinas Kiosken auch fünf Tage vor Olympia noch bestens. Auf die spannende Prognose aber, wie viele Goldmedaillen die Gastgeber abräumen werden und ob sie das große, aber nie offen ausgesprochene Ziel der Staatsführung erreichen, zur Nummer eins der Sportwelt aufzusteigen, sind die Zeitungsmacher bisher nicht näher eingegangen. Das passt zur Linie.

          Timo Boll respektiert das Handyklingeln als chinesischen Lebensstil

          Li Zhang ist während der Spiele für Tischtennis zuständig, und in der Sonntagsausgabe findet sich von ihm ein Interview mit Timo Boll. Der Hesse ist ein Star in China, und die Gastgeber fürchten, dass er ihnen in Peking die Einzel-Goldmedaille in ihrem Volkssport wegschnappt. „Kurz vor dem Gipfel“ ist die respektvolle Schlagzeile über dem Interview, in dem Boll freundliche Dinge über China sagt. „Tischtennis ist endgültig bei Olympia einmal im Mittelpunkt“, sagt Boll und dass er es „respektieren“ werde, wenn in der Olympiahalle wieder einmal die Handys der Zuschauer klingeln, „weil das der Lebensstil der Chinesen ist“.

          Und auf die Bemerkung, dass Fabian Hambüchen die Luftqualität bemängelt habe, wird Boll zitiert, dass sich China „viel Mühe gegeben und viel verbessert hat. Aber was ich machen möchte, ist, mein Ziel zu verfolgen und nicht über solche Sachen zu sprechen. Sport und Politik sind zwei verschiedene Sachen.“

          Endlich zieht das Interesse an Olympia an

          „Titan Sports“ setzt vor allem auf Fußball und Basketball bei Olympia, vier Seiten bekommt derzeit jede Sportart, vier Seiten entfallen auf das chinesische Team und vier Seiten auf das, was sich in den anderen Nationen tut. Vom Tag der Eröffnung an werden sie ihren Umfang auf täglich 48 Seiten steigern, die Redakteure merken, wie das Interesse seit einem Monat anzieht. Endlich.

          Bis zum Frühjahr erschien „Titan Sports“ nur dreimal in der Woche, und eigentlich wollten sie schon im April zur Sport-Tageszeitung werden. „Aber die Chinesen waren nicht so heiß auf Olympia, wie wir gedacht haben“, sagt Zhang Li. Dann kam das verheerende Erdbeben, und deshalb mussten sie ihren Plan noch mal verschieben.

          „Sportkultur kann man nicht in zwei Wochen lernen“

          Aber jetzt ist sie da, die Olympiabegeisterung. Die Tickets finden reißenden Absatz, und Zhang Li erzählt, dass Familien dafür bis zu zwei Tage angestanden haben. „Da wechseln sich Vater, Mutter und Verwandte ab. Das ist Rotation wie bei Ottmar Hitzfeld.“ Aber ein bisschen Sorge hat er, wie die Stimmung in den Stadien sein wird, „denn China ist keine Sportnation“. Bei den Vorwettkämpfen im Frühjahr wollten viele nur den Hürden-Star Liu Xiang sehen, und als er gelaufen war, gingen auch sie.

          Seitdem werden selbst die Zuschauer in China trainiert, in rhythmischem Klatschen und mit Anfeuerungsrufen für das eigene Land. Das gefällt Zhang Li nicht, und das hat er auch geschrieben. Er will keine Maschinen auf den Tribünen sehen, sondern spontanen Jubel, und dies auch nicht nur, wenn Chinesen gewinnen. „Aber Sportkultur kann man nicht in zwei Wochen lernen, dafür braucht man Jahrzehnte.“ Aber vielleicht gelingt es ja, dass der olympische Geist in den kommenden Tagen auch auf seine Landsleute übergreift. Das ist seine Hoffnung. Zhang Li findet, das wäre ein wunderbares Gastgeschenk der Welt an sein Land.

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