https://www.faz.net/-g8h-1011p

Wilson Kipketer im Interview : „Ich bin für die lebenslange Sperre für Doping“

  • Aktualisiert am

„Wir ignorieren das Problem, solange es klein ist”: Wilson Kipketer Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wilson Kipketer, dreimal Weltmeister über 800 Meter, ist in Kenia geboren und seit 1992 dänischer Staatsbürger. Er will als Athletenvertreter ins IOC gewählt werden - und spricht im F.A.Z.-Interview über Doping und den Zustand des Sports.

          3 Min.

          Der 35 Jahre alte Wilson Kipketer, dreimal Weltmeister über 800 Meter, ist in Kenia geboren und seit 1992 dänischer Staatsbürger. Er will als Athletenvertreter ins IOC gewählt werden. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über Doping, den Zustand des Sports und das verpassen von Olympia 1996 auf dem Gipfel seiner Karriere.

          Sie stehen täglich vor der Mensa im Olympischen Dorf. Kennen einige der 11.000 Athleten Sie noch?

          Ich will nicht sagen, dass ich alt bin. Aber die jüngeren Athleten waren vielleicht neun Jahre alt, als ich mit dem Laufen aufgehört habe. Die älteren erinnern sich, wenn sie meinen Namen hören.

          Geht es bei der Wahl um Programme oder um Namen?

          Ich sage niemandem, dass er mich wählen soll. Die Athleten sollen wählen, wen sie wollen. Wir sind ein Einparteiensystem. Niemand kann sagen: Dies hier ist Sport und das dort nicht. Wir verbreiten dieselbe Botschaft: Wir wollen das Beste für den Sport.

          Sind Sie zufrieden mit dem Zustand des Sportes?

          Es muss nichts geändert werden. Der Sport hat eine so lange Geschichte. Aber er braucht einen Rahmen. Ich will meine Erfahrung einbringen aus zwei Ländern, aus zwei Kontinenten. Wir müssen für die Sportler aus armen Ländern Sportstätten schaffen, damit sie trainieren können. Man sollte Trainingslager finanzieren.

          Wenn ein Athlet die Chance hat, der Armut und dem Elend davonzulaufen, ist das nicht vergleichbar mit dem Ansatz von Chancengleichheit und Fairness im reichen Westen. Gibt es einen Zusammenstoß unterschiedlicher Ethik?

          Nein, gibt es nicht. Bei den Olympischen Spielen rennt man für sein Land, egal woher man kommt, welche Hautfarbe man hat. Es gibt keine Barriere zwischen Kulturen, zwischen Religionen. Bei den Olympischen Spielen kann jeder ohne Einschränkung sein Talent zeigen. Sport ist mächtig. Er kann eine Therapie sein, eine Religion. Wir müssen den Menschen die Chance geben, Sport zu treiben, um sie zu erziehen. Indem wir Sport fördern, helfen wir den Menschen.

          Sie konnten auf dem Gipfel Ihrer Karriere, 1996, nicht bei den Olympischen Spielen in Atlanta starten. Fühlen Sie sich beraubt um diese Chance?

          Niemand hat mich daran gehindert. Ich musste meine Wahl treffen. Ich musste sieben Jahre auf meine dänische Staatsbürgerschaft warten. Als Atlanta bevorstand, waren davon erst fünf vergangen. Der kenianische Verband bot mir an, dass ich für ihn laufe; ich hatte noch den kenianischen Pass. Wenn ich das akzeptiert hätte, hätte ich in Dänemark wieder bei null angefangen; ich hätte sieben Jahre warten müssen. Ich habe mich für das Wichtige im Leben entschieden, die Perspektive, nicht für Showtime. Laufen ist Showtime. Ich habe entschieden, wo ich alt werden will, wo meine Kinder aufwachsen sollen. Darum ging es, nicht um eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen.

          Sie nennen auf Ihrem Flugblatt Doping als Themenfeld, in dem Sie sich engagieren wollen...

          Doping ist ein Problem, das größer wird. Wenn wir nichts unternehmen, gerät es außer Kontrolle. Doping ist ein Geschäft. Es liegt an uns, ob die Champions gedopt oder ungedopt laufen. Die Wissenschaft arbeitet mit Psychologen, Nahrungsergänzung, Vitaminen. Wann immer ein Athlet kommt, sagen wir ihm: Du brauchst eine Massage, du brauchst Mineralien, du brauchst dies und du brauchst das. Die Athleten werden dadurch nicht stark gemacht, sondern sie brauchen Hilfe. Wenn jemand krank ist, braucht er Hilfe. Aber doch nicht, weil er Athlet ist. Was einen Champion macht, ist Training.

          Mit Doping kann man mehr trainieren.

          Das ist es, was die Leute glauben. Man kann mehr trainieren, wenn man sich langsam steigert. Aber das ist doch alles für Showtime. Wie lange leben wir? Sechzig Jahre, siebzig, achtzig? Man muss das ganze Leben sehen, nicht nur die sportliche Karriere.

          Meinen Sie neue Substanzen, wenn Sie sagen, Doping gerate außer Kontrolle?

          Davon weiß ich nichts. Aber wir stoppen Doping besser jetzt. Es geht in die Richtung, dass jemand sich zu schwer fühlt und ein Mittel zum Abnehmen nimmt, jemand sich müde fühlt und ein Mittel zum Aufwachen braucht. Zehn russische Leichtathleten sind wegen Dopings aus dem Rennen, dazu Radrennfahrer und Gewichtheber. Das sind zwanzig Sportler, bevor die Spiele überhaupt begonnen haben. Marion Jones sitzt im Gefängnis, Ekatherina Thanou ist ausgeschlossen. Das ist alarmierend.

          Sollten Sportverbände die Polizei einschalten? Sollten Doper ins Gefängnis gehen?

          Ja, es geht um Drogen. Wenn Athleten nicht verraten, woher sie ihre Doping-Mittel haben, sollten sie ins Gefängnis gehen. Es wäre nicht gut, nur die kleinen Fische zu fangen, und die dicken Fische machen weiter Geld. Zwei Jahre oder vier Jahre Sperre sind viel zu kurz. Ich bin für die lebenslange Sperre für Doping. Wir ignorieren das Problem, solange es klein ist. Wir müssen handeln.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump hat sich Erdogan gegenüber benommen wie ein hysterischer Liebhaber.

          Trumps Syrien-Politik : Härte und Liebe

          Trump hat eine Feuerpause für Syrien aushandeln lassen und feiert sich nun als Friedensstifter. Doch seine Siegerpose wirkt lächerlich. Erdogan hat von Amerika alles bekommen, was er wollte.
          Bestens gefüllt – auch am Wochenende: Das britische Parlament am „Super Saturday“.

          „Super Saturday“ : Britische Regierung will Brexit-Verschiebung beantragen

          Das britische Parlament hat eine Entscheidung über den Brexit-Deal verschoben. Premierminister Boris Johnson kündigt an, er werde „weiterhin alles tun, damit wir am 31. Oktober die EU verlassen.“ Trotzdem muss er Brüssel um einen Aufschub bitten.
          Die „People’s Vote“- Bewegung verlangt eine zweite Volksabstimmung über den Verbleib der Briten in der Europäischen Union.

          Protestmarsch in London : „Wir wurden von Anfang an belogen“

          Zum „Super Saturday“ sind auch Hunderttausende Demonstranten nach London gekommen. Viele fühlen sich belogen, wollen Boris Johnson die Zukunft nicht anvertrauen – sondern selbst ein zweites Mal abstimmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.