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Schwimm-Olympiasieger Michael Gross : „Der olympische Zirkus hat keine Seele“

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Bild: FAZ.NET

Olympia geht zu Ende. Was kommt, ist offen. China hat das Wesen der Spiele verändert. Michael Gross spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über unfassbare Leistungen, fragwürdige Superstars, die Zukunft der Spiele und das IOC.

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          Die Olympischen Spiele in Peking finden an diesem Sonntag nach gut zwei Wochen ein sportliches Ende. Abgehakt ist das, was in China passierte, freilich noch lange nicht. Das Land hat das Wesen von Olympia verändert und auf die Spitze getrieben. Der deutsche Schwimm-Olympiasieger von 1984 und 1988, Michael Gross, spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über unfassbare Leistungen, fragwürdige Superstars und die Zukunft der Spiele.

          Michael Phelps hat in Peking sieben Weltrekorde aufgestellt, hat acht Mal Gold gewonnen und wird als einer der Stars dieser Olympischen Spiele in Erinnerung bleiben. Hat er Sie fasziniert?

          Michael Phelps ist kein Vorbild mehr. Er ist unfehlbar. Ich habe ihn über eine Woche von der Tribüne aus beobachtet und sah einen Sportler, der einem Artisten im Zirkus gleicht. Ich habe gesehen, was er geleistet hat, das war die Wirklichkeit - und zugleich denkt man, das kann doch nicht wahr sein. Auch ich als ehemaliger Schwimmer habe den Bezug zu seiner Leistung - acht Mal Gold - verloren, wobei es für mich überhaupt keine Rolle mehr spielt, ob Phelps nun dopt oder nicht. Er ist wie ein Jongleur, der locker acht Bälle in der Luft hält. Und wenn einer runterfallen würde, wäre man enttäuscht.

          „Mit dem olympischen Grundgedanken hatte das nichts zu tun”

          Die Leistung wird also zu einer Illusion. Ist dies die Zukunft von Olympia?

          Das ist genau das Thema. Wir erleben einen olympischen Zirkus. Der hat schon bei der Eröffnungsfeier angefangen. Ich war selbst emotional davon ergriffen, es war eine der größten Shows, die ich jemals erlebt habe. Aber mit den Grundgedanken von Olympischen Spielen, authentisch und auch fehlerbehaftet zu sein, hatte das nichts zu tun. Es glich vielmehr dem Chinesischen Staatszirkus - die Qualität war sogar noch höher. Es gab kein einziges Problem, nicht einmal ein Kind ist gestolpert. Das kann man sogar gut finden. Aber nur, wenn man sagt: Das ist der olympische Zirkus, das ist eben - olympisch betrachtet - seelenlos. Mit der Einstellung, dass bei diesen Spielen Fairness und Völkerverständigung eine große Rolle spielen, hat man verloren.

          Sind Sie glücklich, dass Sie bei diesen Spielen nur auf der Tribüne saßen und nicht mehr ins Becken sprangen?

          Ja, ich bin froh, dass ich das Gefühl habe, bei Olympischen Spielen und nicht beim olympischen Zirkus teilgenommen zu haben.

          Wie definieren Sie diesen Zirkus?

          Zirkus ist ein perfektes Spiel und somit entrückte Wirklichkeit. Ich selbst zehre bis heute davon, dass ich 1984 in Los Angeles über 100 Meter Delphin gewonnen und eine Stunde später mit der 4 × 200-Meter-Freistilstaffel um fünf Hundertstel verloren habe. Bis heute ist das die größte Niederlage meines Lebens, und trotzdem bin ich glücklich, sie erlitten zu haben. Ich habe erfahren, dass zwischen Sieg und Niederlage nur Kleinigkeiten entscheiden, dass nicht alles planbar ist im Leben - anders als im Zirkus, wo alles durchgestylt ist. Vielleicht muss man nun auch bei Olympischen Spielen diesen Schein genießen und sich davon verabschieden, dass dort Menschen deshalb zu Helden werden, weil sie kämpfen und siegen, leiden und verlieren.

          Sie haben sich in Peking auch das Finale über 100 Meter mit Usain Bolt angesehen.

          Im Fernsehen war dieses Rennen noch beschönigend. Wenn man es live sieht, ich saß vielleicht hundert Meter entfernt, dann sieht man, wie Bolt den anderen wegläuft, einfach so. Das ist Zirkus, und ich empfinde es als wunderbare Unterhaltung - dann funktionieren Olympische Spiele, wie sie jetzt in Peking stattgefunden haben. Sie funktionieren aber nicht, wenn man Wert auf die ursprüngliche europäische Tradition der Spiele legt.

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