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Olympia-Kommentar : Zu naiv auf China-Reise

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Stille Diplomaten: Die Erfolge von Jacques Rogge (l.) und Thomas Bach sind überschaubar Bild: dpa

Kein Wunder, dass Jacques Rogge und seine Kollegen Olympier die Eröffnungsfeier am Freitag herbeisehnen. Denn in den Tagen vor Eröffnung der Spiele wird ihnen von den Gastgebern vor Augen geführt, wie gründlich die chinesische Regierung Olympia nutzt, um ihren politischen Führungsanspruch zu untermauern.

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          Kein Wunder, dass Jacques Rogge und mit ihm seine Kollegen Olympier die Eröffnungsfeier am Freitag herbeisehnen. Die Magie der Spiele, sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Samstag, werde dann in den Mittelpunkt rücken. Ja, das wünscht sich der 66 Jahre alte Chevalier zusammen mit seinem gestresst wirkenden Kabinett. Endlich wieder zum Kerngeschäft zurückkehren, zum sportlichen Drama, den Heldengeschichten und den Hymnen auf die Werte des Sports, wie das IOC sie feiert und propagiert.

          Das wird faszinierend und erhebend auf die Welt wirken, wie immer. Und dafür ist es höchste Zeit. Die Olympier brauchen dringend ein bisschen seelische und geistige Erholung von den unangenehmen Realitäten des machtpolitischen Alltags, wie sie sich zuletzt in der Auseinandersetzung um den Internet-Zugang im Pressezentrum von Peking offenbarten. Erholung von der „stillen Diplomatie“, die angeblich die richtige Methode ist, um sich mit den chinesischen Olympia-Gastgebern zu verständigen. Und von den Enttäuschungen, welche die unerbittlichen Machthaber dem IOC permanent bereitet haben.

          Gründlich nutzen die Gastgeber zur Darstellung ihres politischen Führungsanspruchs

          In vier Tagen wird China sich bei der Eröffnungsfeier in strahlendem Glanz präsentieren. Vielleicht wird Rogge dann, unter dem Funkenregen der krachenden Feuerwerkskörper, einen Moment lang innehalten und den Erlebnissen der vergangenen Monate nachspüren. Der Erfahrung, wie wenig Einfluss seine Organisation im Machtgefüge der großen Politik in Wirklichkeit hat. Und wie gründlich die Gastgeber diese Spiele, die doch nach der traditionellen Selbstinterpretation der Welt, den Athleten und dem IOC gehören, zur Darstellung ihres politischen Führungsanspruchs benutzen.

          Aus Rogges Andeutungen lässt sich schließen, dass in der Internet-Frage nicht sorgfältig verhandelt wurde. Unter dem „größtmöglichen Zugang zum Internet“ verstehen die nüchternen chinesischen Zensoren eben etwas anderes als die respektgewohnten Sportfunktionäre. Sie seien Idealisten, erklärte Rogge, und Idealismus habe immer auch etwas mit Naivität zu tun. Dafür allerdings, dass es sich Naivität leisten will, handelt das IOC mit einer ziemlich begehrten Ware: Olympia, dem Milliarden-Event.

          Weltverbesserer wollen die Funktionäre nie gewesen sein

          Rogge wirkte zwar souverän und gefasst, als er einräumte, dass man sich mit dem Erreichten – einer Lockerung der Medien-Restriktionen – zufriedengeben müsse. Doch er weiß, dass er und seine Funktionärskollegen, die schon so vielen Machtpolitikern die Hände geschüttelt haben, sich auf ihre Grenzen zurückbesinnen müssen. Das IOC, so erklärt sein Vizepräsident Thomas Bach, habe sich selbst nie überschätzt. Man müsse an dem „Blick von draußen“ arbeiten, die eigene Rolle klarer definieren und besser kommunizieren. Weltverbesserer alter IOC-Schule wollen die Funktionärs-Heroen auf einmal nie gewesen sein.

          Es ist ja auch schon lange her, dass Rogges Vorgänger Juan Antonio Samaranch durchblicken ließ, er sei nun reif für den Friedensnobelpreis. Zwanzig Jahre später ist die Ernüchterung groß. Das IOC argumentiert zwar seit sieben Jahren damit, dass die Olympischen Spiele eine Öffnung Chinas bewirken würden. Doch es zeigt sich: China öffnet sich für die Spiele nur so weit, wie es selbst will.

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