https://www.faz.net/-g8h-101cg

Interview mit Hein Verbruggen : „Das chinesische Volk ist beleidigt“

  • Aktualisiert am

Hein Verbruggen: „Wir müssen uns anpassen” Bild: dpa

Hein Verbruggen ist Präsident der Koordinierungskommission zwischen dem IOC und Bocog. Im F.A.Z.-Interview spricht er über nervende Kritik am IOC und überzogene Erwartungen an den Olympiagastgeber: „Die Menschenrechtsorganisationen schauen nur auf das, was sie nicht bekommen.“

          6 Min.

          Der 67 Jahre alte Niederländer Hein Verbruggen ist seit sieben Jahren Präsident der Koordinierungskommission zwischen dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und dem Organisationskomitee in Peking (Bocog). Dabei hat er auch tiefe Krisen aussitzen müssen wie etwa die Angriffe auf den Fackellauf. Doch das ist er gewohnt: Bis September 2005 war er auch Präsident des Internationalen Radsportverbandes.

          Am Freitag werden die Spiele in Peking eröffnet. Ist das für Sie ein Anfang oder ein Ende?

          Das ist ein Ende, ganz sicher. Ich habe immer gesagt, dass ich nach den Spielen mein Engagement reduzieren werde. Das ist für mich auch das Ende meiner Karriere als Sportfunktionär.

          „Auch ich habe geglaubt, dass der Internetzugang frei sein würde”

          Aber IOC-Mitglied bleiben Sie doch?

          Ja, solange ich noch Vizepräsident des Internationalen Radsportverbandes bin.

          Wie lange haben Sie gebraucht, um zu verstehen, wie Chinesen denken?

          Ich hatte geschäftlich schon einige Erfahrung mit China mit meiner Beratungsfirma und war nicht ganz fremd in diesem Land. Ich habe außerdem sehr viel darüber gelesen. Es war von Anfang an klar, dass die Spiele auf chinesische Art gemacht würden, nicht auf unsere. Wir müssen uns anpassen. Ich habe das am Anfang schon gesagt: Man muss nicht glauben, dass man die Gepflogenheiten hier ändern kann. Ganz besonders nicht in China, einem nichtwestlichen Land.

          Was hat Ihnen die größten Schwierigkeiten bereitet?

          Die Tatsache, dass man es hier mit so vielen verschiedenen Behörden zu tun hat. Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, geht es hinauf und hinunter. Die Strukturen sind nur vertikal. Außerdem muss man verstehen, dass in China die Gemeinschaft wichtiger ist als das Individuum: Erst kommt die Familie, dann deren Mitglieder, erst die Gesellschaft, dann der Einzelne. Das stammt aus den Zeiten von Konfuzius.

          Hätten Sie geglaubt, dass China diese Spiele so massiv zur eigenen Selbstdarstellung nutzen würde?

          Für mich ist klar, dass ein Land, das Olympische Spiele organisiert, dies als Teil einer Langzeitstrategie sieht. Daran habe ich keinen Moment gezweifelt. Es gibt natürlich Unterschiede. Wenn sich eine amerikanische Stadt wie Chicago für Olympische Spiele bewirbt, dann ist das beinahe ein Privatunternehmen. Aber auch Australien und Griechenland haben Steuergelder in die Spiele investiert.

          Das hatte aber doch eher mit Infrastruktur-Maßnahmen zu tun.

          Das ist auch in Peking so. Die reinen Veranstaltungskosten betragen 2,4 Milliarden Dollar. Davon werden fast 50 Prozent vom IOC bezahlt, der andere Teil durch lokale Sponsoren und Kartenverkauf. Die großen Kosten entstehen durch das Drum und Dran. Eine sechste Ringstraße, ein neuer Flughafen. So entstehen die Gesamtkosten von 35 bis 40 Milliarden Dollar.

          Und doch ist nicht zu übersehen, dass die Spiele dem chinesischen Regime auch massiv zur Außendarstellung dienen.

          Ich bin nicht der Meinung, dass das chinesische System die Spiele in besonderer Weise benutzt, um sich in der Welt zu verkaufen. Das tut es nicht mehr als andere. In allen Ländern haben die Spiele einen Zweck. China will sich nicht besser präsentieren, als es ist. Das glaube ich nicht.

          Andersherum gedacht: Welchen Einfluss werden die Spiele auf China haben?

          Sie werden China nicht ändern. Da muss man bescheiden sein. Man muss bedenken, dass dieses Land auf 5000 Jahre Geschichte zurückblickt. In den achtziger Jahren hat die chinesische Führung beschlossen, das Land zu öffnen. Ich glaube, die Austragung der Spiele bedeutet nur, dass sich diese Öffnung nun manifestiert. Es werden eine Million Besucher erwartet. Und es hat nach innen eine riesige Kampagne gegeben. 400 Millionen Menschen wurden die olympischen Werte nähergebracht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Friedrich Merz : Ein sehr siegessicherer Kandidat

          Friedrich Merz will die Union wieder stärker zur Heimat für Konservative machen. Er hält seine Chancen auf den CDU-Vorsitz für „sehr viel besser“ als 2018. Für sein knappes Scheitern damals hat er eine einfache Erklärung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.