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Interview mit Hein Verbruggen : „Das chinesische Volk ist beleidigt“

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Kritiker sagen voraus, dass die Regierung die nun so gepriesenen Lockerungen nach den Spielen wieder aufheben werde. Glauben Sie das nicht?

Dieses Land kann nicht mehr zurück. Es ist ein Teil der Welt. Es ist die Fabrik der Welt. Ich glaube außerdem, dass hinter den Spielen eine ganz andere Absicht steckt, als immer betont wird. Sie richtet sich viel mehr an die eigene Bevölkerung als an das Ausland. Ich bin in die chinesische Provinz gereist und habe erlebt, wie sehr sich auch andere Städte als Peking mit den Spielen identifizieren. Ein anderes Beispiel sind die insgesamt 400.000 freiwilligen Helfer, allein 70.000 für das Organisationskomitee.

Hat es Sie überrascht, dass die westliche Öffentlichkeit anlässlich der Spiele eine so deutlich spürbare China-Allergie entwickelt hat?

Dass sie so stark sein würde, ja. Dass sie besteht, wusste ich schon lange. Mir fällt auf, dass alles, was über China präsentiert wird, immer einen kleinen unguten Touch bekommt. Wenn zum Beispiel ein chinesisches Unternehmen eine Firma in Deutschland kauft, heißt es gleich: China kauft die deutsche Wirtschaft. Alles bekommt eine negative Konnotation. Man nennt das Land massiv, einen Riesen, einen Drachen – wobei der Drache in China selbst eine positive Bedeutung hat. Man hat mich zum Beispiel einen China-Freund genannt, und das war negativ gemeint. Das verstehe ich nicht, obwohl ich natürlich auch der Meinung bin, dass man die Menschenrechtslage in China verbessern kann.

Haben denn Ihre chinesischen Verhandlungspartner ihre Besorgnis über dieses negative Image geäußert?

Viele Leute aus der Bevölkerung haben das getan. Besonders nach dem, was mit dem Fackellauf passiert ist.

Haben die Chinesen nicht verstanden, dass sich die Angriffe in Paris und London gegen die Politik und nicht gegen die Bevölkerung gerichtet haben?

Nein. Das chinesische Volk ist beleidigt.

Hätte die Regierung nicht ahnen können, dass solch ein aufwendiger Werbefeldzug in aller Welt Demonstrationen provoziert?

Ich habe den Leuten vom Bocog gesagt, dass es ein Risiko sein würde, mit der Fackel ins Ausland zu gehen. Aber sie haben das nicht glauben können. Sie haben gesagt, wir werden der Welt etwas Großes, etwas Besonderes bieten. Dann waren sie unheimlich enttäuscht. Die Regierung hat sich sogar Sorgen gemacht, dass die Stimmung in allzu großen Nationalismus umschlagen könnte.

In welcher Form denn?

Hoffentlich wirkt sich das nicht so aus, dass es nationalistische Demonstrationen der Zuschauer gibt. Die Athleten sollen nicht darunter leiden.

Wie will das Bocog das verhindern?

Es hat Appelle an die Bevölkerung gerichtet, sie solle sich sportlich verhalten.

Die Internetzensur im Pressezentrum dürfte auch nicht gerade zur positiven Darstellung des chinesischen Systems in der Welt beigetragen haben. Sie als Koordinator müssten doch eigentlich wissen, wie das passieren konnte.

Es gibt mit jedem Olympia-Veranstalter einen Ausrichtervertrag. Darin garantiert das Organisationskomitee, dass die internationale Presse frei und ohne Einschränkungen über die Spiele berichten kann. Nicht nur Präsident Jacques Rogge, auch ich habe geglaubt, dass der Internetzugang demzufolge frei sein würde. Plötzlich war das anders – das war auch für uns eine Überraschung. Die Leute von Bocog haben argumentiert, dass das Internet so weit frei wäre, dass die Journalisten über die Spiele berichten könnten. Nach vielen Diskussionen haben sie einige weitere Websites geöffnet. Aber sie haben eine Grenze, die sie nicht überschreiten.

Aber das ist doch Wortklauberei.

Ja, das ist wahrscheinlich schon Wortklauberei.

Also eine Niederlage für Rogge?

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