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Gastbeitrag : Was wir uns von China wünschen

  • -Aktualisiert am

Kooperation statt Konfrontation Bild: dpa / Bearbeitung FAZ.NET

Die Welt sucht nach neuer Ordnung. Eines steht aber schon fest, derweil diese „Neuvermessung der Welt“ andauert: China wird eine zentrale Rolle spielen müssen. Wir wünschen uns, dass die Olympischen Spiele eine weitere Öffnung des Landes bewirken.

          In wenigen Tagen beginnen die Olympischen Spiele. Im Zeichen der Ringe blickt die ganze Welt auf China. Und fragt sich: Was ist das für ein Land?

          Zahlen sprechen ihre eigene Sprache, im Falle Chinas sind sie aber überhaupt nicht nüchtern: Weit über 100 Millionenstädte. 1800 Milliarden Dollar an Devisenreserven. Und spätestens im Jahr 2035 die größte Volkswirtschaft der Welt. Kein Zweifel, Chinas Aufstieg verändert die Welt.

          Es gibt viele aufstrebende Länder: Russland, Indien, Brasilien gehören dazu, die Ölstaaten am Golf, auch Mexiko und Südafrika. Dennoch: Wenn wir über die Welt von morgen reden, so wird viel davon abhängen, wie sich China entwickelt.

          Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD)

          Internetcafés statt Mao-Bibeln

          Was wünscht man sich von so einem Land? Zunächst einmal müssen wir zur Kenntnis nehmen, welch unglaubliche Entwicklung es in den letzten Jahrzehnten genommen hat. Wer China das letzte Mal vor 30 Jahren besucht hat, wird es heute kaum wiedererkennen. Statt kommunistischem Einerlei funkelnde Großstadtsilhouetten. Statt Mao-Bibeln Internetcafés an jeder Ecke. Statt Fahrrädern Millionen von Autos aus eigener, chinesischer, Produktion.

          Gewachsen ist aber nicht nur die Wirtschaft, das Selbstbewusstsein und, ja, auch die Freiheit. Gewachsen sind auch die Probleme: Landflucht, überstürzte Urbanisierung, Umweltverschmutzung, immer knappere Energie, wirtschaftliche Überhitzung, demographische Probleme.

          Ich glaube, wir sollten uns deshalb vor allem eines von China wünschen: Dass es diese Fragen verantwortlich angeht, dass es seiner gewachsenen Verantwortung gerecht wird. Nach innen, dass bei der Modernisierung soziale Verwerfungen vermieden werden. Dass wirtschaftliches Wachstum umweltverträglich gestaltet wird. Dass alle ethnischen Gruppen am Aufschwung im Vielvölkerstaat teilhaben. Dass Menschenrechte und Grundfreiheiten gewährt werden. Und dass Staat und Gesellschaft sich weiter öffnen.

          Die Welt sucht nach neuer Ordnung

          Verantwortung aber auch nach außen. China ist schon heute ein „global player“. Es sitzt im Sicherheitsrat. Im Atomstreit mit Iran ist es mit am Tisch. Es spielt eine maßgebliche Rolle nicht nur in seiner unmittelbaren Nachbarschaft, sondern auch in anderen Regionen, etwa in Afrika. Sein Einfluss wächst auch über den Pazifik. Wer einmal eine Universität an der amerikanischen Westküste besucht und die vielen Studenten chinesischer Herkunft gesehen hat, der weiß, wovon ich rede.

          Unser Ziel muss es deshalb sein, China auch international in die Verantwortung zu nehmen, die ihm aufgrund seines Gewichts zukommt. Die Welt hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges verändert. Sie ist unübersichtlicher geworden. Sie sucht nach einer neuen Ordnung. Eines steht aber schon fest, derweil diese „Neuvermessung der Welt“ noch andauert: China wird eine zentrale Rolle spielen müssen.

          Ob beim Klimaschutz, bei der Sicherung der Energieversorgung, bei der Lösung internationaler Konflikte wie in Nahost oder auf der koreanischen Halbinsel, bei so wichtigen Themen wie der Nichtverbreitung von Atomwaffen oder Abrüstung - ohne China wird es kaum möglich sein, Lösungen zu finden. Wir brauchen eine globale Verantwortungspartnerschaft - mit China.

          Natürlich müssen wir über Tibet sprechen

          Ich würde jedem widersprechen, der sagt, dass dies eine leichte Aufgabe ist. Nein, das ist ein langer Weg. Dabei müssen auch Defizite klar angesprochen werden, wie zum Beispiel bei den Menschenrechten. Mit dem Hinweis darauf ist das Thema aber nicht beendet. Es geht vielmehr darum, wie man konkrete Verbesserungen erreicht.

          Ich meine: Nicht durch Konfrontation, sondern durch Kooperation und Dialog. Zum beiderseitigen Nutzen, aber durchaus auch über schwierige Fragen. Natürlich müssen wir über Tibet sprechen. Natürlich haben wir darauf gedrungen, dass ein direktes Gespräch mit den Vertretern Tibets zustande kommt, das auch konkrete Ergebnisse zeitigt. Natürlich erwarten wir, dass es substantielle Fortschritte gibt - auch nach Olympia.

          Aber es gehört eben auch dazu, dass wir immer wieder die Zusammenarbeit suchen: ganz sicher in Wirtschaftsfragen, beim Umweltschutz, bei umweltfreundlichen Energietechnologien, bei der Bewältigung der Erdbebenkatastrophe, bei Bildung oder im Gespräch über die Rolle des Rechtsstaats.

          In den kommenden Wochen fiebern wir mit unseren Athleten. Ich setze darauf, dass das sportliche Großereignis auch eine weitere Öffnung Chinas bewirkt. Wir haben jedenfalls allen Grund, uns das zu wünschen.

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